19. Januar 2004 Aus der Handy-Branche kommen derzeit (fast) nur gute Nachrichten: Erst übertrifft der führende Hersteller Nokia die eigenen Geschäftsprognosen, dann läutet Netzbetreiber T-Mobile beinahe heimlich das UMTS-Zeitalter ein, und nun gibt das Marktforschungsunternehmen Forrester bekannt, daß jeder dritte europäische Handy-Besitzer in diesem Jahr ein neues Mobiltelefon kaufen wolle. Die Aufbruchstimmung in den Unternehmen zeigt sich auch an der Börse: Die Aktienkurse der großen europäischen Anbieter Nokia, Ericsson, Vodafone und Deutsche Telekom notieren jeweils auf 12-Monats-Höchstständen.
Dennoch bleibt für die Handy-Netzbetreiber ein gutes Stück Arbeit, denn die deutschen Mobilfunknutzer sind Europas Telefonmuffel. Die Deutschen telefonieren nur 73 Minuten im Monat mit ihrem Mobiltelefon, hat eine Studie der Unternehmensberatung Diamond Cluster ergeben. Damit liegen sie rund 40 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt. Die Berater haben hohe Tarife für Handy-Gespräche und den großen Abstand zu den Tarifen für Festnetzgespräche als Ursache identifiziert. Eine Mobilfunkminute ist etwa vier- bis fünfmal so teuer wie eine Telefonminute im Festnetz.
Deutsche Mobilfunkpreise 25 Prozent über dem europäischen Mittel
Mit dieser Preisstrategie tun sich die Anbieter aber keinen Gefallen: Obwohl die Preise für Mobilfunkgespräche in Deutschland um rund 25 Prozent höher als im europäischen Mittel liegen, befinden sich die Pro-Kopf-Umsätze im Ergebnis am Ende der europäischen Rangliste: "Die Deutschen geben jeden Monat nur 22 Euro für Handy-Gespräche aus, während der Durchschnittseuropäer immerhin 27 Euro für Gespräche an seinen Handy-Netzbetreiber überweist", sagt Thomas Goette, Geschäftsführer von Diamond Cluster.
Frischer Wind erscheint notwendig. Die neuen Minutenkontingente von T-Mobile werden allerdings nicht den erhofften Schub bringen. Die Tarife enthalten einen festen Preis rund um die Uhr. Gespräche während der Hauptzeit sind somit vergleichsweise günstig, Telefonate am Abend und am Wochenende sind aber eher teuer. In den Einsteigertarifen T-Mobile Relax 50 und Relax 100, die 50 beziehungsweise 100 Telefonminuten im Monat enthalten, sind zudem Gespräche in die anderen Handy-Netze von Vodafone, E-Plus und O2 recht teuer. Der Umstieg auf diese Minutentarife lohnt sich daher nur in wenigen Fällen. Auch für Gelegenheitstelefonierer mit vorausbezahlten Karten (Prepaid), die bei den Netzbetreibern nicht mehr so gerne gesehen werden, lohnt sich der Umstieg auf die neuen Minutentarife nur in wenigen Fällen.
EU-Kommission prüft die Tarife
Deutschlands zweitgrößter Mobilfunkanbieter Vodafone Group will ebenfalls mit neuen Tarifen auf Kundenfang gehen. Zum Beispiel soll der Tarif "Happy Wochenende" für fünf Euro im Monat zusätzlich 1000 Minuten am Wochenende enthalten. Möglicherweise wird E-Plus seine Minutentarife Time & More bald nachbessern, um den alten Abstand zu T-Mobile wiederherzustellen.
Vergleichsweise teuer sind in Deutschland auch die Gespräche vom Festnetz in die Mobilfunknetze. Zum Beispiel kostet eine Telefonminute im Telekom-Standardtarif T-Net 24,6 Cent in das T-Mobile- und das Vodafone-Netz und 29,2 Cent in die Netze der beiden kleinen Anbieter E-Plus und O2. Der Großteil des Geldes fließt nicht an den Festanbieter, sondern an die Betreiber des Mobilfunknetzes, die mit diesen eingehenden Anrufen nicht unerhebliche Teile ihres Umsatzes erwirtschaften. Die EU-Kommission prüft diese Tarife zur Zeit und geht möglicherweise dagegen vor.
Die Hoffnung auf günstigere Tarife bei der Datenübertragung bleibt
Daneben bleibt den Handy-Kunden die Hoffnung, daß die Datenübertragung bald günstiger wird. Trotz einer Preissenkung im vergangenen Jahr ist die mobile Datenübertragung immer noch ein teures Vergnügen: T-Mobile berechnet für die Übertragung einer 1 Megabyte großen Datenmenge im GPRS-Verfahren bis zu neun Euro, während die DSL-Anbieter für die gleiche Datenübertragung im Festnetz etwa 0,3 Cent verlangen. Auch Multimedia-Nachrichten (MMS) sind ein teurer Spaß: Bis zu 1,29 Euro kostet der Versand eines Schnappschusses im Inland. Urlaubsgrüße aus dem Ausland können leicht mehr als zwei Euro kosten. Die UMTS-Dienste, die T-Mobile-Kunden schon nutzen können, werden nach denselben Tarifen abgerechnet. In dieser Woche beginnt Nokia mit dem Verkauf seines UMTS-Handys 7600, das rund 600 Euro kosten wird.
UMTS soll das Geschäft mit der mobilen Datenübertragung anregen. Zur Zeit geben die deutschen Mobilfunknutzer jeden Monat rund vier Euro für Datendienste aus. Der Löwenanteil entfällt immer noch auf die kurze Textmitteilung (SMS). Aber Spiele und Klingeltöne holen in der Gunst der Nutzer schnell auf. Allein beim Handy-Portal Jamba haben die Nutzer im vergangenen Jahr zehn Millionen Klingeltöne heruntergeladen, 300 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 3,5 Milliarden Dollar haben die Nutzer in aller Welt für Klingeltöne ausgegeben, hat das britische Marktforschungsunternehmen Arc Group ermittelt. Bis 2008 soll das Geschäft auf 5,2 Milliarden Dollar wachsen. Noch schneller entwickelt sich das Geschäft mit Handy-Spielen: Die Zahl der verkauften Spiele ist um 500 Prozent auf 4,3 Millionen im vergangenen Jahr emporgeschnellt, sagte ein Jamba-Sprecher. Der Preis der Spiele liegt im Durchschnitt zwischen drei und vier Euro. In diesem Jahr erwartet das Unternehmen einen weiteren Anstieg um 350 Prozent.
Bewegung bei mobilen Bezahlsystemen
Bewegung kommt auch wieder in den Markt für mobile Bezahlsysteme. Das Krefelder Unternehmen NCS Mobile Payment GmbH hat das Bezahlsystem Crandy eingeführt. Überweisungen von Handy zu Handy sollen ebenso möglich sein wie Zahlungen an mehr als 100 000 Kassenterminals. Zusätzlich können Kunden über das Mobiltelefon Prepaid-Karten aufladen.
Text: ht., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2004, Nr. 15 / Seite 15
Bildmaterial: F.A.Z.
Internationaler Finanzmarkt: Keine Eile mit dem ![]()
Die Europäische Kommission fordert eine eigene EU-Steuer
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