Von Roland Lindner
26. Juni 2008 Es wird ein Ausstand der besonderen Art sein: An diesem Freitag hat Bill Gates seinen letzten Arbeitstag beim amerikanischen Softwarekonzern Microsoft. Man kann sich das kaum vorstellen: Der 52 Jahre alte Bill Gates ist synonym für Microsoft. Er wurde mit dem Softwarekonzern zu einer der Lichtgestalten in der Technologiebranche und zum reichsten Menschen der Welt. Wird Gates am Freitag einfach seine Sachen packen, das Licht ausmachen und verschwinden?
Als Bill Gates im Januar bei der Elektronikmesse CES in Las Vegas zum letzten Mal seine traditionelle Eröffnungsrede hielt, hat er seinen bevorstehenden Abschied auf humorige Art und Weise thematisiert. In einem Videoclip sah man Gates, wie er an seinem letzten Arbeitstag krampfhaft nach einem neuen Einsatzgebiet sucht: Er rief Barack Obama an und drängte sich als Kandidat für das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten auf, bettelte beim Sänger Bono um einen Platz in seiner Rockband U2 und versuchte, den Regisseur Steven Spielberg von seinem schauspielerischen Talent zu überzeugen. Überall blitzte er ab.
Die größte Privatstiftung der Welt
Bill Gates wird sich an diesem Freitag nicht vollständig von Microsoft verabschieden, aber er wird einen symbolträchtigen Rollenwechsel vollziehen: Er wird das Tagesgeschäft von Microsoft hinter sich lassen und sich nur noch um einzelne Projekte kümmern. Daneben wird er weiter das Amt als Verwaltungsratsvorsitzender (Chairman) bei Microsoft behalten. Etwa einen Tag in der Woche will er künftig noch auf Microsoft verwenden, hat er gesagt. Dafür will er den größten Teil seiner Zeit jetzt für seine wohltätige Stiftung einsetzen.
Es ist alles andere als ein abrupter Jobwechsel: Bill Gates hat seinen Rückzug aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft bereits im Jahr 2000 begonnen, als er den Posten des Vorstandsvorsitzenden an Steve Ballmer abgetreten hat. Er beschäftigte sich seither als Chef-Softwarearchitekt mit langfristigen Strategien für Microsoft.
Seinen nun bevorstehenden Rückzug hat er schon vor zwei Jahren angekündigt. In der öffentlichen Wahrnehmung ist in den vergangenen Jahren seine Stiftungsarbeit immer mehr in den Vordergrund gerückt: Die nach ihm und seiner Frau benannte Bill & Melinda Gates Foundation ist mittlerweile mit weitem Abstand die größte Privatstiftung der Welt. Sie setzt sich für die Bekämpfung von Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und Aids in Entwicklungsländern und die Ausbildung von unterprivilegierten Kindern in Amerika ein. Mit seinem Abschied aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft verlagert Bill Gates nun den Schwerpunkt seiner Arbeit offiziell auf die Stiftung.
Ruf als gnadenloser Unternehmer
Für die Technologiebranche ist der Aufgabenwechsel von Bill Gates eine Zäsur: Gates ist einer der herausragenden Pioniere und Visionäre in der Industrie. Er hat Microsoft im Jahr 1975 zusammen mit seinem Freund Paul Allen gegründet, als er gerade einmal 19 Jahre alt war. Er hatte von Anfang an die Vorstellung, dass irgendwann einmal in jedem Haushalt ein Personal Computer (PC) stehen wird.
Er machte Produkte wie das Betriebssystem Windows oder die Bürosoftware Office zu Standards auf Computern und Microsoft damit zum dominierenden Softwarekonzern der Welt. Auf der anderen Seite wurde Gates aber auch zu einer der umstrittensten Figuren der Branche. Er hat sich einen Ruf als gnadenloser Unternehmer erworben, der seine Wettbewerber eiskalt an die Wand drückt. Wegen seiner Geschäftsmethoden geriet er immer wieder mit den Kartellbehörden aneinander.
Zunächst mit Argwohn betrachtet
Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde die Stiftungsarbeit von Gates in der Öffentlichkeit zunächst mit Argwohn betrachtet. Die Fakten der Stiftung sprechen indessen für ihn, und vor zwei Jahren bekam Gates eine eindrucksvolle Bestätigung für seine Arbeit vom Investor Warren Buffett, der ankündigte, der Gates-Stiftung fast sein gesamtes Vermögen zu vermachen. Gates gilt heute im Stiftungswesen ebenso als Pionier wie in der Softwarebranche. Er sieht sich und seine Frau nicht als reine Geldverteiler. Vielmehr ist er eng in die einzelnen Projekte ihrer Organisation eingebunden, setzt strategische Ziele und verfolgt sie genau.
Der Teilrückzug von Bill Gates bei Microsoft kommt zu einer Zeit, in der die einstige Vormachtstellung des Unternehmens bröckelt. Microsoft sieht sich immer stärkeren Wettbewerbern wie dem Internetunternehmen Google oder dem Computer- und Elektronikkonzern Apple gegenüber, die als innovationsstärker gelten. Diesen Herausforderungen müssen sich nun Ray Ozzie und Craig Mundie stellen, die beiden Nachfolger von Gates in der Rolle der Softwarestrategen. Vorstandsvorsitzender ist weiterhin Steve Ballmer. Der hat sich freilich gerade mit dem gescheiterten Übernahmeversuch des Internetkonzerns Yahoo ein unrühmliches Manöver geleistet.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Reuters