10. Oktober 2007 An einem Apriltag vor fünf Jahren schien das Unternehmerleben des Leo Kirch zu Ende. Die Kirch Media, Kerngesellschaft seines todkranken Medienkonglomerats meldete Insolvenz an. Es war die bis dahin größte deutsche Unternehmenspleite der Nachkriegszeit. Leo Kirch, Hasardeur, Dunkelmann und visionärer Unternehmer, hatte sein Lebenswerk, den damals zweitgrößten deutschen Medienkonzern, verloren. Kirch war aus dem Spiel. Bis zum Dienstagmittag. Schon am Wochenende waren erste Einzelheiten durchgesickert. Wochenlang hatte die Branche spekuliert. Dann war Leo Kirchs großer Coup perfekt.
Es ist das Comeback des Jahres. Kirch fängt wieder ganz von vorne dort an, wo er vor über fünfzig Jahren begonnen hat - mit dem Handel von Medienrechten. Sirius heißt seine neue Gesellschaft, mit der er die Bundesliga-Fernsehrechte vermarkten will, ein Milliardengeschäft. Der Name hat Symbolkraft und soll offensichtlich der unternehmerischen Wiederauferstehung des Leo Kirch huldigen, denn Sirius hieß 1955 die allererste Firma, die Kirch, damals noch nicht einmal 30 Jahre alt, gegründet hat. Die Geschichte klingt wie im Film: Ein Berufsleben später schließt sich der Kreis, und es tritt auf: ein Jungunternehmer von 81 Jahren.
Strippenzieher im Hintergrund
Für Schlagzeilen hat Kirch jahrzehntelang verlässlich gesorgt, doch für die Öffentlichkeit ist er immer ein Phantom geblieben. Interviews gab der öffentlichkeitsscheue Medienunternehmer fast nie, und auch sonst agierte er fast immer als Strippenzieher im Hintergrund. Die wenigen Journalisten, die ihn persönlich kennengelernt haben, schildern ihn als charmanten und anregenden Plauderer und einnehmenden Gesprächspartner Farbe bekannt hat das Chamäleon Kirch bei solchen Gelegenheiten freilich nie.
Der Mensch Leo Kirch blieb ein weitgehendes Rätsel. Die Informationen über ihn sind nur Bruchstücke. Der Handwerkersohn aus dem fränkischen Volkach gilt als gläubiger Christ und ist erzkonservativ. Er soll schwer zuckerkrank sein und ist angeblich halbblind. Mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl soll den promovierten Betriebswirt eine jahrzehntelange Freundschaft verbinden. Kirch hat ultimativ die Entlassung des damaligen Chefredakteurs der "Welt" gefordert, weil der einen liberalen Kommentar zum Gerichtsurteil um die Kruzifixe in bayerischen Klassenzimmern geschrieben hatte. Der Medienunternehmer war damals Großaktionär des Axel Springer Verlags, der das Blatt herausgibt.
Seine Spielernatur kostete ihn das Lebenswerk
Die Medienmacht des "Ungeheuren", wie ihn die "taz" einmal bezeichnet hat, war lange Zeit nicht nur der politischen Linken im Land suspekt. Auch Friede Springer, die Haupteignerin des größten deutschen Zeitungshauses, stand ihm misstrauisch gegenüber und wollte ihn deshalb liebend gerne loswerden. Im Zenit seiner Macht nach der Jahrtausendwende kontrollierte der Citizen Kane aus Franken nicht nur 40 Prozent an Springer. Ihm gehörten auch der Privatfernsehkonzern Pro Sieben Sat.1 und der Abonnementsender Premiere. Kirch war der größte europäische Filmrechtehändler und zur Hälfte am Formel-Eins-Veranstalter SLEC beteiligt. Kirch ist im Mediengeschäft immer ein Vordenker gewesen - Pionier im Filmhandel, Privat- und Digitalfernsehen.
Doch Kirch war auch Spielernatur, und das hat ihn vor fünf Jahren sein Lebenswerk gekostet. Bizarr mutet an, in welche vielfältige Abhängigkeiten sich der Unternehmer vor dem Zusammenbruch seines Medienkonzerns begeben hatte. Um seine wagemutige Expansion in den späten neunziger Jahren zu finanzieren, hatte sich Kirch Milliardenschulden aufgeladen und sich auf Verträge eingelassen, die er nach dem Ende des Medienbooms nach der Jahrtausendwende nicht mehr erfüllen konnte.
In der Medienindustrie und auch in der Fußball-Bundesliga war Kirch nach der Insolvenz lange verbrannt. Zu groß war das Erdbeben auch in den Fußball-Vereinen gewesen, deren wichtigster Finanzier Kirch mit seinen Fernsehgeldern war. Dass der alte Mann aus München nun wieder groß ins Geschäft einsteigen kann, ist deshalb eine faustdicke Überraschung, ein Fußballmärchen, an das noch vor wenigen Monaten niemand geglaubt hätte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jan Roeder - F.A.Z.