Ahnenverehrung im Netz

Netzseelen

Von Jörg Becker

24. Juli 2006 Stirbt ein Mensch in China, so heißt das noch lange nicht, daß er nicht mehr existiert. Der Gestorbene lebt nach chinesischer Annahme lediglich in einer anderen Welt. Seinen tiefen Respekt vor den somit anderweitig aktiven Ahnen bringt ein Chinese am besten zum Ausdruck, indem er dafür sorgt, daß sich am Grabstein die Angehörigen dieser beiden Welten treffen und miteinander sprechen. Die traditionellen Anlässe für solche Grabbesuche sind das Qingming-Fest im Frühjahr, auch Fest des Hellen Lichts oder Fest des Grabsteinfegens genannt, aber auch das Fest der Geister am fünfzehnten Tag des siebten Mondmonats und die Totengedenktage der Verstorbenen.

Die traditionellen chinesischen Großfamilien aber zerfallen und zerstreuen sich übers Land. Die verstopften Straßen in Peking lassen dann die Einhaltung solcher Termine für Familien-Friedhofsfeiern nicht mehr zu. Ein Familienmitglied arbeitet nun in Taiwan, ein anderes in Schanghai, und so hindert die auch in China immer größer werdende räumliche Mobilität die Menschen daran, ihren sozialen Verpflichtungen zur Ahnenverehrung nachzukommen. Doch es gibt Hilfe: www.netor.com, einer von rund einem Dutzend Betreiber großer virtueller Friedhöfe. Und daneben gibt es weitere Cyber-Friedhöfe wie www.inter-cemetery.com, www.shfsy.com oder den Ausländerfriedhof www.wanfoyuan.com.

63.000 virtuelle Urnen

Man kann auf einem Cyber-Friedhof ein virtuelles Monument für den Verstorbenen erbauen, man kann ein Online-Grab mit Blumen schmücken, man kann die Vorfahren virtuell mit all dem versorgen, was sie in der anderen Welt brauchen (Geld, Auto, Coca-Cola, Freundin). Man kann den Verstorbenen auch mit dessen Lieblingsmusik beglücken oder ihm frohe Kunde senden: „Mein Lieber, ich habe ein Online-Grab für Dich eingerichtet. So kann ich Dich oft besuchen. Ich weiß nicht, ob die Seele sich im Netz bewegen kann. Aber es macht auch nichts, wenn es nicht der Fall ist. Ich weiß, Du bist immer bei mir.“

Allein am Qingming-Fest in diesem Frühling besuchten sechs Millionen Chinesen den virtuellen Friedhof des größten Betreibers „Netor-Gedenkdienste“. Seit dem Geschäftsbeginn vor sechs Jahren hat der Betreiber 63.000 virtuellen Urnen für Leichenasche Platz eingeräumt und 1500 virtuelle Grabplätze für VIPs eingerichtet. Loggt man sich bei Netor ein, kann der Nutzer Fotos, Lebenslauf und sogar Video-Clips des Verstorbenen hinterlegen. Unter dem Fenster „Elektronische Trauer“ bietet ein Menü folgende Service-Leistungen an: virtuelle Blumen, Musik, Kerzenlicht, Wein, Gewürze, Räucherstäbchen, Früchte, Süßigkeiten, Fotos oder Worte der Trauer - „Lieber Papa, ich habe für Dich und Mutti ein Cyber-Haus gebaut - in der Hoffnung, daß ihr im Paradies ein glückliches Leben habt. Eure Tochter wird Euch oft besuchen.“

Der Verfasser leitet die Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH in Solingen. Er forschte in der ersten Hälfte dieses Jahres in China. Die bisherigen Folgen unserer Serie erschienen am 13., 17., 18. und 21. Juli.



Text: F.A.Z., 25.07.2006, Nr. 170 / Seite 36
Bildmaterial: AP

 
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