27. Januar 2008 Wer ist Olli-Pekka Kallasvuo? Bis vor einigen Tagen hätte diese Frage in Deutschland kaum jemand beantworten können - und es hätte auch niemanden interessiert. Jetzt ist das Interesse an dem Vorstandsvorsitzenden des Handyherstellers Nokia schlagartig gestiegen. Kallasvuo ist der Buhmann. Er gilt mit seinem Unternehmen an deutschen Stammtischen in diesen Tagen als der Vorzeigekapitalist, der in Bochum die Produktion zumacht und dabei die Arbeitslosigkeit der 2300 Angestellten eiskalt und billigend in Kauf nimmt, obwohl Nokia Milliardengewinne macht.
Für Jürgen Rüttgers, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten, ist Kallasvuo gar der Anführer eines Schwarms von Subventionsheuschrecken. Die fallen im Lande ein, nehmen die Subventionen in Millionenhöhe mit und ziehen schnell weiter, wenn es woanders neues Geld zu verteilen gibt - so die einfache Logik aus der Staatskanzlei. Dazu schwieg Kallasvuo. Einzig seine Sprecherin Arja Suominen bekräftigte in Helsinki, dass die Entscheidung gut bedacht sei und nicht in Frage gestellt werde.
Olli-Pekka liebt dieses Unternehmen
In Deutschland hielten sich weitere Politiker nicht mit Beschimpfungen zurück. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer gab sein Nokia-Gerät öffentlichkeitswirksam ab und will prüfen, ob er die Marke Nokia nicht in seinem ganzen Haus verbieten lassen kann. Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck ist jetzt, nachdem er sein Nokia-Handy nicht mehr nutzen mag, auf der Suche nach einem politisch korrekten Mobiltelefon. Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck verkündete: Mir persönlich kommt kein Nokia-Handy mehr ins Haus. Ich will beim Telefonieren nicht ständig an dieses unglaubliche Ärgernis erinnert werden. Überall äußerten sich die Volksvertreter im aktuellen Wahlkampfgetümmel zum Reizthema Nokia. Demonstrationen in Bochum gaben die Kulisse für ihre Auftritte.
Von Kallasvuo aber war nichts zu hören. Er ist kein charismatischer Redner, wie es sein Vorgänger Jorma Ollila war. Trotzdem: Olli-Pekka liebt dieses Unternehmen, heißt es aus seinem Umfeld. Das mag durchaus stimmen. Kallasvuo arbeitet seit dem Jahr 1980 für Nokia. Nokia ist erst sein zweiter Arbeitgeber, und er hat sich treu nach oben gearbeitet. Dabei stand er nicht allein. Vielmehr gehörte er zu Jormas Bande. Das waren die fünf wichtigsten Mitarbeitern des langjährigen Nokia-Chefs Jorma Ollila. Dieser Zirkel machte Nokia zu dem, was der Konzern jetzt ist: der marktdominierende Hersteller von Mobiltelefonen.
Jetzt kommuniziert Kallasvuo mit der deutschen Politik
Kallasvuo ist Jurist und gilt vielen als das Urbild des Finnen. Ruhig und bedächtig erscheint er. Man darf ihn aber nicht unterschätzen, heißt es unter seinen Mitarbeitern. Im September des Jahres 2006 übernahm er den Chefsessel bei Nokia endgültig von Jorma Ollila. Kallasvuo gilt als sehr diszipliniert und analytisch - Eigenschaften, die nach Ansicht von Mitarbeitern schnell mit einem militärischen Stil verwechselt werden können. Das wird ihm manchmal nachgesagt. Militärisch heißt immer auch hierarchisch, heißt es in seinem Umfeld. Nokia ist aber eines ganz und gar nicht, und das ist hierarchisch. Es gibt in dem Unternehmen von jeher eine ausgeprägte Kommunikationskultur. Alle schreiben sich SMS oder E-Mails - auch der Vorstandschef.
Jetzt kommuniziert Kallasvuo mit der deutschen Politik. Mit Angela Merkel, die ja auch gerne SMS schreibt, hat er am Montag der vergangenen Woche telefoniert. Sie habe dem Nokia-Chef die Meinung gesagt, ließ sie danach verbreiten. Allerdings hatte die Kanzlerin nach dem Gespräch wenig Hoffnung, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben könnten. Kallasvuo scheint in dieser Hinsicht unerbittlich zu sein.
Nicht der knallharte Macker
Im Vergleich zum früheren Vorstand Jorma Ollila wirkt er beinahe spröde. Er drängt nicht so in die Öffentlichkeit. Man sagt ihm aber nach, dass er durchaus gerne mal in den Spiegel schaut. Kallasvuo ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Familie sieht er aber eher selten: OPK - so wird er von vielen Mitarbeitern genannt - ist 200 Tage im Jahr auf Reisen. Nokia ist auf allen Märkten vertreten. Das behält Kallasvuo im Blick. Er denkt im Konzern nicht in nationalen Kategorien, sondern versteht Nokia als transnationales Gebilde. Das mag auch der Grund sein, wieso er zu der Krise in Bochum so lange geschwiegen hat.
Erst am Dienstag meldete er sich zu Wort und verteidigte die Schließung: Zu hoch seien die Kosten in Bochum. Es ist die Aufgabe des Managements, die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns proaktiv zu sichern. Das ist auch meine Aufgabe, sagte er. Die Aussage, er werde für das Rausschmeißen von Leuten beDer zahlt, weist er zurück. Er sagt: Ich mache hier meine Arbeit. Er spricht auch darüber, dass es ihm nicht immer leichtfällt, wenn ihm angesichts seiner Entscheidungen Häme und Aggression entgegenschlagen. Ich muss Dinge tun, die schwierig sind und sich auf der emotionalen Ebene auch so anfühlen. Es sind viele Emotionen involviert, das ist ganz klar. Wer Kallasvuo länger beobachtet, ist geneigt, ihm das durchaus zu glauben. Er entspricht nicht dem Abziehbild des knallharten Machers.
Ein Nokia-Chef muss Entscheidungen treffen
Es mag stimmen, dass man ohne Härte und ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen nicht dorthin kommt, wo er jetzt steht. Ein Nokia-Chef muss Entscheidungen treffen. Das Unternehmen und seine Kultur sind allerdings eher auf Konsens ausgelegt, der als Modell auch die skandinavische Gesellschaft prägt. Das kennzeichnet auch die Entscheidungsfindung im Konzern - und lässt das Unternehmen nach außen manchmal etwas sektenhaft erscheinen, wenn alle ganz fest einer Meinung sind.
Vor diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, wenn Kallasvuo sagt, man habe die Werksschließung in Bochum sehr lange und von allen Seiten bedacht und sei aber dann zu diesem Ergebnis gekommen. Damit war der Fall für ihn und für Nokia klar. Diese Überzeugung wurde auch dadurch getragen, dass Nokia der letzte große Anbieter ist, der mit seiner Handyfertigung aus Deutschland abzieht. Wir haben lange Jahre versucht, Bochum zu retten, sagt Kallasvuo. Jetzt aber stünden neue Investitionen an, und die würden die Kostennachteile des Werkes noch steigern.
Kallasvuo hat zu lange geschwiegen
Am Donnerstags der vergangenen Woche wurde aus der Sauerei, wie die Gewerkschaften den Vorgang bisher bezeichnet hatten, dann eine Riesensauerei. Angesichts der Milliardengewinne und branchenweit einmaligen Profitabilität, die aus den frisch vorgelegten Jahreszahlen von Nokia sprach, war die Wut in Bochum nicht zu bremsen. Wir werden jetzt wahrscheinlich erst einen Bonus bekommen und dann unsere Entlassungspapiere, wetterte die Bochumer Betriebsratsvorsitzende Gisela Achenbach am Abend im ZDF.
Sie stieß aber darüber hinaus in einer Formulierung zum Kern des Problems vor: Wir haben uns doch so gefühlt wie eine Familie, sagte sie anklagend in Richtung der Nokia-Führung. Diese sehr emotionale Bindung, die viele Mitarbeiter - neben der ökonomischen Abhängigkeit - an das Unternehmen haben, macht Nokia zu etwas Besonderem. Sie macht es aber auch sehr schwer, wenn Entscheidungen wie die in Bochum durchzusetzen sind.
Dabei hat Kallasvuo den Fehler gemacht, zu lange zu zögern und zu schweigen. Einzelheiten zu den unterschiedlichen Kostenstrukturen zwischen den anderen Nokia-Werken und Bochum kamen zu spät auf den Tisch und in die öffentliche Diskussion. Es ist uns in den ersten Tagen nicht gelungen, unsere Gründe wirklich zu vermitteln. Das mag etwas ,kalt' gewirkt haben, gesteht er ein.
Keine Rettung für Bochum
Dieses Zögern ist für Kallasvuo ungewöhnlich. Er hat als Finanzchef in den Jahren 1992 bis 1997 und von 1999 bis 2004 den Umbauprozess des Konzerns von einem Gemischtwarenladen zum Handyhersteller mit gesteuert - und das durchaus zupackend. Auch als das Handygeschäft im Jahr 2003 strauchelte, kam er als Sanierer im Jahr 2004 ins Spiel und stellte den wichtigsten Bereich von Nokia binnen Jahresfrist vom Kopf wieder auf die Füße.
Auch derzeit baut Kallasvuo den Konzern grundlegend um. Aus dem reinen Handyhersteller soll ein Internetunternehmen werden, das seinen Kunden neben den Geräten auch Dienste wie Musik, Navigation oder Spiele anbietet. Längst hat Kallasvuo die Apples und Googles dieser Welt als die künftigen Konkurrenten ausgemacht. Entsprechend verhält er sich.
Das Geld für diesen Transformationsprozess, den der Nokia-Chef für unentbehrlich zur Überlebenssicherung des Konzerns hält, muss aber mit dem Handy verdient werden. Dieses Geschäft muss Milliarden-Übernahmen wie jüngst die von Navteq, einem Anbieter von digitalen Landkarten, finanzieren. Wie dünn das Eis ist, auf dem auch Marktführer gehen, hat Nokia Anfang des Jahrzehnts erfahren müssen. Einen solchen Einbruch will Kallasvuo nicht noch einmal erleben. Daher wird es mit ihm wohl keine Rettung für Bochum geben.
Der Mensch
Olli-Pekka Kallasvuo wird 1953 im westfinnischen Livia als Sohn eines Apothekers geboren. Er studiert Jura an der Universität in Helsinki. Nach dem Studium arbeitet er kurz bei der Union Bank of Finnland. Im Jahr 1980 wechselt er zu Nokia und bleibt dem Unternehmen bis heute treu.
Zunächst arbeitet er dort als Jurist, wechselt aber nach acht Jahren ins Finanzressort, das er von 1992 bis 1997 leitet. Es folgen zwei Jahre als Leiter des Geschäftes in Amerika, dann übernimmt er bis zum Jahr 2004 wieder die Finanzen. Später steigt er zum Leiter der Handysparte auf. Seit dem Jahr 2005 übernimmt er schrittweise die Führung des Konzerns. Kallasvuo ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Das Unternehmen
Nokia ist der größte Handyhersteller der Welt und hat es im vierten Quartal des Jahres 2007 zum ersten Mal geschafft, einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent zu gewinnen. Dieser Erfolg ist zwar auch durch das Schwächeln von Wettbewerbern zu erklären, aber vor allem durch die kluge Produktpolitik, die Nokia wieder betreibt.
Daher profitiert Nokia von einem branchenweit bewunderten Produktionsverbund, der die Geräte zu sehr niedrigen Preisen und damit extrem wettbewerbsfähig herstellen kann. So hat Nokia im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 51 Milliarden Euro etwa 7,2 Milliarden Euro Reingewinn ausgewiesen. Ein Umbau des Unternehmens soll jetzt dafür sorgen, dass das so bleibt.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa
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