Internet

Blogger spielen mit ihrem Arbeitsplatz

01. November 2005 Beim weltgrößten Softwarekonzern Microsoft wird dieser Tage wieder einmal Dampf abgelassen: "Ich will Gerechtigkeit", schimpft ein Mitarbeiter. Gute Leute werden nach seinen Worten im Unternehmen nicht für ihre Leistungen belohnt, schlechte nicht bestraft. "Niedrige Qualität, schlechte Neueinstellungen und schlechte Akquisitionen vergiften unser Unternehmen", meint er und beklagt "Vetternwirtschaft und einen völligen Kollaps von Verantwortung und Verantwortlichkeit" bei seinem Arbeitgeber.

Das klingt alles nach Gezeter in der Kaffeeküche, ist es aber nicht. Die süffigen Tiraden des Mitarbeiters sind für die ganze Welt einsehbar - in seinem Online-Tagebuch oder "Blog". Die Seite mit dem Namen "Mini-Microsoft" (minimsft.blogspot.com) gehört zu einer im Moment sprunghaft wachsenden Zahl an Mitarbeiter-Blogs, und sie ist so berüchtigt wie keine andere. Für Unternehmen sind solche Blogs eine ganz neue Herausforderung. Sie müssen befürchten, daß unschmeichelhafte oder geheime Dinge an die Öffentlichkeit geraten.

18 Millionen Blogs weltweit

Blogs (kurz für "web logs") sind persönliche Internetseiten. Die Betreiber schreiben in den Blogs Gedanken und Erlebnisse nieder, und sie vernetzen sie über Links zu anderen Internetseiten. Die Blogs erinnern an Tagebücher, weil sie neue Einträge in chronologischer Reihenfolge auflisten. Blogs gibt es schon seit den neunziger Jahren, ihre rasante Verbreitung ist aber noch ein recht neues Phänomen.

Als Durchbruch in Amerika galt der Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr, in den sich eine Vielzahl von Internetnutzern auf ihren eigenen Blogs mit persönlichen Ansichten und Analysen einschalteten. Seither spielen Blogs bei wichtigen Ereignissen oft eine große Rolle und liefern zusätzliche Informationsquellen. So berichteten Opfer des Hurrikans "Katrina", die New Orleans nicht verlassen wollten, direkt in Blogs von ihren Eindrücken aus der Stadt. Der Informationsdienst Intelliseek zählt mittlerweile weltweit annähernd 18 Millionen Blogs, jeden Tag kommen mehr als 30.000 neue Seiten hinzu.

Zwischen Schönfärberei und Spiegel der Wahrheit

Unternehmen haben die Internet-Tagebücher als zusätzliches Medium entdeckt, um mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Viele Top-Manager unterhalb der Ebene des Vorstandschefs haben ihre eigenen Blogs, zum Beispiel Bob Lutz, der Chefentwickler beim Autobauer General Motors (GM), Randy Baseler, Marketingchef beim Flugzeugbauer Boeing, oder Jonathan Schwarz, Präsident beim Computerkonzern Sun Microsystems. Unternehmensinterna sollte man dort nicht unbedingt erwarten. Zumeist stehen Branchenthemen im Vordergrund, und oft machen die Seiten einen sehr schöngefärbten Eindruck. Beim Lesen des Online-Tagebuchs von Lutz würde man kaum darauf kommen, daß GM in einer schweren Krise steckt. Boeing-Manager Baseler geht mit keinem Wort auf die wiederholten skandalumwitterten Führungswechsel bei dem Flugzeughersteller ein.

Tiefere Einblicke in Unternehmen finden sich dagegen in der immer größeren Zahl von Mitarbeiter-Blogs, die diesen offiziellen Charakter nicht haben und zumeist aus niedrigeren Hierarchieebenen kommen. Oft werden die Blogs unter dem Schutzmantel der Anonymität geschrieben. Der Betreiber von "Mini-Microsoft" zum Beispiel gibt sich nicht zu erkennen und nennt sich nur "Who da'Punk". Auch die Reaktionen auf die Einträge von "Who da'Punk" sind meistens anonym. Diese Anonymität macht unbekümmert.

Mehrzahl der Mitarbeiter-Blogs ist positiv

Bei "Mini-Microsoft" wird hemmungslos über Gründer Bill Gates und Vorstandschef Steve Ballmer gelästert, und man findet sogar die Forderung, Ballmer zu entlassen. Die Seite ist aber nicht allein destruktiv, sondern hat Vorschläge, wie man den früheren Glanz von Microsoft wiederherstellen könnte. Das einst in der Softwarebranche unangefochtene Unternehmen sieht sich heute verschärftem Wettbewerb gegenüber und ist an der Börse in Ungnade gefallen. "Mini-Microsoft" hat mittlerweile Nachahmer gefunden. Vor rund zwei Wochen startete ein Mitarbeiter des Internetdienstes AOL ein Blog mit dem Namen "Mini-AOL". Das Konzept ist ähnlich wie beim Microsoft-Blogger, wenngleich die Kommentare bisher noch zahmer sind. Auch der AOL-Blogger bleibt anonym und gibt sich nur als "Cybermagellan" zu erkennen.

Für Unternehmen können offenherzige Blogs von Mitarbeitern auf der einen Seite peinlich sein, wenn sie in ein schlechtes Licht gerückt oder wenn Interna und Geschäftsgeheimnisse preisgegeben werden. Auf der anderen Seite kann sich das Management solche Blogs aber auch zunutze machen: Sie bekommen ein ungefiltertes Bild von den Vorgängen im Unternehmen und etwaigen Sorgen ihrer Mitarbeiter - und können entsprechend versuchen gegenzusteuern. Darüber hinaus ist die Mehrzahl der Mitarbeiter-Blogs ohnehin positiv für Unternehmen. Intelliseek fand in einer Untersuchung über einen Sechsmonatszeitraum heraus, daß doppelt so viele Blogger davon sprachen, ihren Arbeitsplatz zu lieben, als ihn zu hassen. Das könnte die Seiten zu einem wichtigen Marketing-Instrument machen. Die Beratungsgesellschaft Edelman weist auf eine Studie hin, wonach Kunden mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit den Worten eines durchschnittlichen Mitarbeiters vertrauen als einem Vorstandschef.

Beispiele für entlassene Blogger gibt es reichlich

Dennoch lassen sich die Mitarbeiter-Blogger mit ihren Internetseiten auf ein gefährliches Spiel ein und riskieren ihren Arbeitsplatz, falls ihre Identität trotz anonymer Veröffentlichung auffliegen sollte. Es gibt eine Fülle von Beispielen für Entlassungen: Im Januar setzte die für ihre Verschwiegenheit bekannte Internetgesellschaft Google einen gerade erst eingestellten Mitarbeiter vor die Tür. Er hatte auf seinem Blog über seine ersten Eindrücke bei Google geschrieben und die Gehaltsstrukturen des Unternehmens mit seinem früheren Arbeitgeber Microsoft verglichen. Die Kaffeehauskette Starbucks feuerte einen Mitarbeiter in Kanada, nachdem er sich auf seinem Blog über seinen Chef beschwert hatte. Eine Stewardess von Delta Air Lines wurde entlassen, als sie auf ihrem Blog Fotos von sich selbst in Delta-Uniform veröffentlichte, die das Unternehmen als "unangemessen" bezeichnete. Mitarbeiter-Blogger können sich gegen eine Kündigung nicht mit dem Verweis auf das Recht auf freie Meinungsäußerung wehren, weil dieses nur gegenüber der Regierung, nicht aber gegenüber Unternehmen gilt. Außerdem sind die Möglichkeiten, in Amerika gegen Entlassungen vorzugehen, ohnehin beschränkt. In den meisten Bundesstaaten können Unternehmen Mitarbeiter mehr oder weniger grundlos vor die Tür setzen.

Text: lid., F.A.Z., 01.11.2005, Nr. 254 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.-Kai

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