Onlinehandel

Mobile verliert Marktführerschaft im Online-Autogeschäft

09. November 2003 Der Wettbewerb zwischen den Online-Autobörsen Mobile.de und Autoscout 24 könnte aus einem Lehrbuch stammen. Die Wettbewerbstheoretiker haben ganze Bücher über die gegenseitige Abhängigkeit zweier marktbeherrschender Unternehmen geschrieben. Mobile und Autoscout erfüllen diese graue Theorie mit Leben.

Die beiden Unternehmen beherrschen den Markt der Anzeigen für Gebrauchtwagen im Internet. Mobile.de hatte lange Jahre einen kleinen Vorsprung im Fahrzeug-Bestand. Beide Unternehmen boten ihren Dienst für private Internet-Nutzer, die ihr Auto verkaufen wollen, weitgehend kostenlos an. Anfang September preschte Mobile.de vor und verlangt seitdem acht, von Januar an zehn Euro für die private Autoanzeige. Das Gleichgewicht war plötzlich empfindlich gestört. Konkurrent Autoscout 24 tat nichts. Die Folge: Die privaten Autoverkäufer wandern in Scharen von Mobile.de zu Autoscout24. Quasi über Nacht ist Autoscout die Marktführerschaft zugefallen.

„Gebühren kosten Mobile.de den Wachstumspfad“

Ein entscheidender Faktor für die Attraktivität einer Autobörse ist die Zahl der angebotenen Autos. Nach der Einführung der Gebühren ist die Zahl der bei Mobile angebotenen Wagen um rund 13 Prozent auf rund 740 000 gefallen, während Autoscout im gleichen Zeitraum einen Sprung um 12 Prozent auf gut 880 000 gemacht hat. "Ende September hatte Autoscout einen Vorsprung von rund 140 000 Autos erreicht. Dieser Abstand hat sich im Oktober weiter erhöht und wird nach meiner Einschätzung im wichtigen Frühjahrsgeschäft noch größer werden", erwartet Ferdinand Dudenhöffer, Marktbeobachter und Professor an der Fachhochschule Gelsenkirchen.

Er wagt eine kühne Prognose: "Die Einführung der Gebühren kostet Mobile.de den Wachstumspfad. Autoscout hat nun beste Chancen, seine Marktführerschaft auszubauen und in zwei bis drei Jahren sogar eine Monopolstellung zu erreichen." Seine Begründung: Mittelfristig wird auch die Zahl der Händler sinken, die ihre Autos bei Mobile.de anbieten.

Zulauf privater Verkäufer ist signifikant

Im Autoscout-Management freut man sich über das frühe Weihnachtsgeschenk. Die Münchner haben Mitte September als Reaktion auf Mobile sogar die bislang erhobenen geringen Gebühren für zusätzliche Bilder abgeschafft. "Die Entscheidung, keine Gebühren von privaten Verkäufern zu erheben, war eine Entscheidung für den Handel: Private Anbieter sind auch fast immer Nachfrager", sagte Markus Hinz, Geschäftsführer von Autoscout. Der Zulauf der privaten Verkäufer ist signifikant: Der Anteil der angebotenen Fahrzeuge aus privater Hand ist bei Autoscout von 20 Prozent im August auf inzwischen 30 Prozent gestiegen. Das entspricht rund 265 000 Fahrzeugen.

Bei Mobile gibt man sich entspannt und setzt lieber auf die Qualität der angebotenen Autos. "Seit Beginn der kostenpflichtigen Inserate hat sich die Qualität der Fahrzeuginserate, die bei Mobile.de eingestellt sind, verbessert. Die Gebühreneinführung hat den Anteil an nicht ernst gemeinten Inseraten fast auf Null reduziert", sagte Vorstand Thorsten Schmidtke.

„Jahresergebnis deutlich verbessern“

Im September und Oktober seien mehr Händler neu hinzugekommen als in den Monaten zuvor. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis der Gebühreneinführung: "Der Erfolg übertrifft unsere Erwartungen. 4000 tägliche bezahlte Inserate sprechen hier eine eindeutige Sprache. Die privaten Inserate werden das ohnehin positive Jahresergebnis noch deutlich verbessern", sagte Schmidtke.

Das Geschäft mit den Autoanzeigen im Internet floriert. Rund 80 Prozent aller angebotenen Gebrauchtwagen in Deutschland werden im Netz inseriert, schätzt Dudenhöffer. "Inzwischen wird die Hälfte aller Gebrauchtwagenkäufe im Internet angebahnt", sagt Dudenhöffer. Weit mehr als 15 000 Autohändler verkaufen ihre Autos schon per Mausklick. Inzwischen haben auch die Autohersteller die Marktmacht der Autobörsen erkannt. In der vergangenen Woche hat Opel eine Kooperation mit Mobile unterschrieben.

Opel-Vertragshändler können ihren Fahrzeugbestand mit wenigen Handgriffen in die Mobile-Datenbank übertragen, um die Verkaufschancen zu erhöhen. Ford stattet seine Fahrzeuge, die bei Autoscout angeboten werden, mit einer speziellen Garantie aus. "Der Kunde legt beim Gebrauchtwagenkauf besonderen Wert auf eine umfassende Garantie", sagte Willi Wagner von Ford.

Ebay drängt ins Autogeschäft

Mobile und Autoscout bekommen allerdings Konkurrenz. Der Internet-Marktplatz Ebay will das Auto-Geschäft forcieren. Bei Ebay werden die Transaktionen nicht nur angebahnt, indem sich Käufer und Verkäufer finden, sondern einschließlich Zahlung zu Ende geführt. Im dritten Quartal sind bei Ebay-Deutschland Autos und Ersatzteile im Wert von 276 Millionen Dollar gehandelt worden, doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Zwar sind die Gebühren bei Ebay weit höher als bei Mobile, doch der Online-Marktplatz kann mit der größten Fangemeinde im Internet Punkte sammeln. "Die Händler werden dort ihre Autos anbieten, wo sie die größten Erfolgsaussichten vermuten", sagte die Ebay-Vorstandsvorsitzende Meg Whitman dieser Zeitung. Sie will das Erfolgsmodell nach Deutschland importieren. "In Amerika wurden im dritten Quartal Autos und Ersatzteile für 4,2 Milliarden Dollar bei Ebay gehandelt", sagte Whitman.

Skepsis über Ebays Erfolgsaussichten

Doch Dudenhöffer ist skeptisch, ob Ebay mit seinem Geschäftsmodell Erfolg haben wird. "Autos, insbesondere Gebrauchtwagen, werden nicht blind gekauft. In der Regel schaut sich der Käufer vor dem Kauf das Fahrzeug intensiv an. Dabei trifft er den Verkäufer nicht nur online, sondern real. Der Schritt von dem persönlichen Verkaufsgespräch zurück in die Ebay-Auktion macht das Geschäftsmodell für den Käufer nicht einfacher. Warum sich die Mühe machen, den Verkäufer aufzusuchen und das Risiko einzugehen, den Kauf dann im Internet nicht zustande zu bringen, weil jemand anders erfolgreicher steigert?" fragt sich der Professor.



Text: ht., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2003, Nr. 261 / Seite 19
Bildmaterial: dpa

 
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