Seniorenhandy

Das große Katharina

Von Thiemo Heeg

Gegen den Trend? Handy für Senioren

Gegen den Trend? Handy für Senioren

13. März 2006 Ob Nokia, Samsung oder Benq - in einem Punkt sind sich die Handyhersteller dieser Welt einig: In immer kleinere Gehäuse muß immer mehr Technik rein. SMS schreiben, Fotos schießen, MP3- Songs hören; das ist heute Standard in Geräten, die kaum größer sind als eine Zigarettenpackung. Telefonieren? Ja, auch das kann man. "Der Trend zu immer komplizierteren High-Tech-Handys ist jetzt durchbrochen", jubelt dagegen Darius Khoschlessan. Auf seinem kleinen Stand auf der Computermesse Cebit präsentiert der 42jährige ein Telefon, das sich fundamental von den Ausstellungsstücken der High-Tech-Nachbarn unterscheidet.

Eigentlich sieht es aus, als habe sich "Katharina das Große" aus den frühen neunziger Jahren in das neue Jahrtausend verirrt. In das 18 Zentimeter lange, drei Zentimeter dicke und gut ein viertel Kilo schwere backsteinähnliche Gerät würden moderne Handys dreimal passen. Zum Start der D-Netze in Deutschland hätte man damit sicher ordentlich Eindruck schinden können. Aber heute?

„Katharina“ ist sogar mit Handschuhen bedienbar

Die Kunden von Katharina wollen nicht auftrumpfen, sondern vor allem eines: anrufen und angerufen werden, ist sich Khoschlessan sicher. Eine Kamera interessiert sie nicht, glaubt er, und selbst SMS sind mit Katharina nur mit Hilfe einer gesonderten Einstellung abzuschicken. Nicht einmal über ein Farbdisplay verfügt das Gerät. Dafür erscheinen eingetippte Nummern so groß, daß sie aus fünf Metern Entfernung noch zu erkennen sind. Und die Tasten selbst sind so üppig ausgefallen, daß man sie im Fall des Falles auch mit Handschuhen bedienen kann, schwärmt der Erfinder.

Das ungewöhnliche Design basiert auf Erfahrungen, die Khoschlessan mit seinem Seniorenshop Senio gesammelt hat. Diesen Fachhandel für die ältere Generation gründete der promovierte Arzt 1993; zu einer Zeit, als die Rente noch sicher war und Demographie und "50 plus" kein Thema. Heute liefert Khoschlessan Zehntausenden Kunden Einkaufsroller, Garneinfädler, Badewannenlifter, sprechende Uhren und extragroße Telefone ins Haus.

Großkonzerne hatten kein Interesse

Ein geeignetes Handy fehlte bislang im Sortiment. So kam der umtriebige Mediziner vor zwei Jahren auf die Idee, selbst eines zu bauen. Nachfragen bei den großen Produzenten scheiterten. Man habe bereits geeignete Geräte im Programm oder wolle zum jetzigen Zeitpunkt keine Seniorenhandys anbieten, hieß es stets von seiten der Konzerne.

Wer ihm gegenübersitzt, versteht, daß Khoschlessan sich von solchen Bescheiden nicht entmutigen läßt. Dazu ist der Mann zu sehr Unternehmer und Verkäufer. Also überzeugte er Vater und Bekannte vom Projekt und machte sie zu Finanziers. Bei den Banken biß er auf Granit. Wer mag schon einem Mann Geld leihen, der sein eigenes Handy entwickeln will - wenn er von der Materie kaum etwas versteht und sich selbst die Großproduzenten nicht darauf einlassen wollen?

Komplett „made in Germany“

So hört sich die Handy-Geschichte des Mediziners an wie eine Garagenstory aus dem Silicon Valley. Khoschlessan legt allerdings größten Wert darauf, daß es sich nicht um ein "Familienprojekt" handele (auch wenn er abends mit seinen Kindern am Gehäuse bastelte). Vielmehr seien Profi-Firmen engagiert. Deren Namen freilich kennt niemand - es sind kleine deutsche Mittelständler und Elektronikbuden. Entwicklung und Produktion seien komplett "made in Germany", versichert Khoschlessan - wohlwissend, daß das bei der Kundengruppe gut ankommt. Die elektronischen Bauteile freilich bezieht auch er aus Asien.

Von April an soll "Katharina" für 289 Euro im Fachhandel, in Elektronikmärkten und Apotheken zu haben sein. Kommt das Gerät bei den Kunden an, ist schon der Nachfolger geplant: "Friedrich das Große", mit Sprachausgabe und Sprachsteuerung.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.03.2006, Nr. 10 / Seite 45
Bildmaterial: Daniel Pilar

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