02. September 2004 Legal und schnell Musik aus dem Netz laden: Das ist ein neuer Trend. In Amerika hat Apple mit seiner Online-Musikplattform iTunes schon mehrere hundert Millionen Titel verkauft. Auch die Wettbewerber präsentieren stolz ihre Angebote: Sony startete unlängst sein Connect-System, und die On-Demand-Distribution 2 (OD2) ist mit Tiscali, Karstadt, World of Music und dem Media-Markt im Geschäft. Microsoft bietet seit Anfang September in den Vereinigten Staaten ebenfalls kostenpflichtige Musik-Downloads an.
Alle diese Anbieter haben eines gemeinsam: Sie vertreiben komprimierte Tondaten in den Formaten MP3, AAC und WMA. Die Abkürzungen stehen für unterschiedliche Verfahren. Dabei wird die CD-Musik auf ungefähr ein Zehntel ihres ursprünglichen Umfangs eingedampft. Der Vorteil: Auf gängige Speichermedien paßt jede Menge Musik. Eine 512-Megabyte-Karte im Briefmarkenformat, wie sie in einem günstigen MP3-Spieler zum Einsatz kommt, kann rund 150 Titel oder 15 CDs bereithalten.
Ein Lebensvorrat an Musik
Auf den Festplatten-Spielern mit ihrem riesigen Fassungsvermögen läßt sich ein ganzer Lebensvorrat an Musik lagern. Die aktuellen iPod-Modelle von Apple bieten 20 oder gar 40 Gigabyte für 300 oder 400 Euro. Zur besseren Orientierung kann man seine Stücke katalogisieren, kennzeichnen oder nach verschiedenen Kriterien sortieren. Die iPod-Idee überzeugt: Am Freitag präsentierte Hewlett Packard in Miami seinen ersten Musikspieler, der mit iPod nahezu identisch ist.
Auch die Qualität stimmt. Bei den MP3-Tauschbörsen wußte man erst nach einer langwierigen Prozedur des Suchens, Findens und Ladens, ob es sich um einen unbrauchbaren Radiomitschnitt oder ein Stück in guter Qualität handelte. Diese Unsicherheit gibt es bei den Internetportalen nicht.
iPod gilt als Kultobjekt
Der Computerhersteller Apple ist Marktführer bei der mobilen Musik: Sein tragbares Abspielgerät, der iPod, gilt schon seit 2002 als Kultobjekt. Viele Prominente nutzen dieses hochwertige und teure Schmuckstück mit seiner weißen Vorderseite und dem Rücken aus kühlem Metall. Karl Lagerfeld hat angeblich 40 iPods mit 60.000 CD-Alben, also 1.500 auf einem Gerät. Bei so viel Besitzerstolz verzeihen die Fans selbst einige kleine und große Macken des Geräts: etwa den nicht wechselbaren Akku, die fehlende Aufnahmefunktion, nervige Laufgeräusche der Festplatte oder die Tatsache, daß man jeden Fingerabdruck am Gehäuse sieht.
Erfolgreich ist nun auch Apples Musikplattform im Internet, iTunes genannt. Hier ist alles aus einem Guß. Wer die iPod-Software auf seinem PC installiert, erhält gleichzeitig das i-Tunes-Paket: Dieser Zugang zum elektronischen "Music Store" ist also ein Teil des iPod-Verwaltungsprogramms.
Alte deutsche Titel kaum vertreten
Wer einen schnellen DSL-Zugang zum Internet hat, merkt kaum einen Unterschied zwischen "online" und "offline". Zunächst "offline": Soll die Musik von der Audio-CD auf den kleinen iPod wandern, legt man einfach die Silberscheibe in das Computerlaufwerk ein. In rund fünf Minuten wird eine typische Audio-CD auf das platzsparende AAC-Format eingedampft und kopiert. Zudem identifiziert die Apple-Software den Titel mit Hilfe einer Datenbank im Internet: Jedes Stück hat automatisch den richtigen Namen.
Dann "online": Wer ein Lied oder ein Album noch nicht hat, kauft es im "Music Store". Zuvor muß man sich mit Name, Anschrift, E-Mail-Adresse und seinen Kreditkartendaten online registrieren. Apple bietet nach eigenen Angaben mehr als 700.000 Titel an, etwa doppelt soviel wie OD2 und ebenfalls mehr als Sony Connect (300.000 Titel) oder Phonoline (250.000 Titel). Die große Zahl bedeutet aber nicht, daß alles im Angebot wäre. Wer den Mainstream von Rock und Pop sucht, ist hier gut aufgehoben. Eher seltene Titel aus den Bereichen Jazz oder Klassik wird man bei i-Tunes indes nicht finden. Deutsche Gruppen wie BAP oder Spliff waren in der vergangenen Woche noch gar nicht vertreten, und von Nina Hagen, Kraftwerk oder Grönemeyer fanden wir nur wenige Titel.
Alben lassen sich bis zu siebenmal brennen
Eine ordentliche und schnelle Suchfunktion hilft beim Finden der Stücke. Mit einem Doppelklick auf den Titel kann man die ersten 30 Sekunden unentgeltlich zur Probe hören. Das Laden eines Liedes kostet 99 Cent, ein Album wie die aktuelle Anastacia-CD 9,99 Euro. Das ist günstiger als die CD im Handel, man bekommt aber nur die datenreduzierte AAC-Datei und sonst nichts.
Mit einer DSL-Verbindung braucht die Software ungefähr eine Minute, um einen Titel in den PC zu schaufeln. Die Stücke sind mit einem Kopierschutz versehen, der bei Apple allerdings sehr locker gehalten ist: Einzelne Lieder lassen sich beliebig oft auf CD brennen, ganze Alben bis zu siebenmal. Beim Brennen wird eine gewöhnliche Audio-CD erstellt, die sich mit so gut wie jedem Abspielgerät lesen läßt.
Keine CD-Qualität
Was die Datenkompression betrifft, gilt jedoch: Was weg ist, ist weg. Wenn beim elektronischen Eindampfen der Musik bestimmte Frequenzbereiche beschnitten werden, sind das irreparable Eingriffe. Läuft der iPod an einer guten Stereoanlage, hört man sofort, daß von "CD-Qualität" keine Rede sein kann. Die Breite und Tiefe der Aufnahmen und die Lebendigkeit von Stimmen leiden ebenso wie die Tiefenstaffelung von Instrumenten im Raum. Auf den kleinen Abspielgeräten für unterwegs lassen sich solche Einbußen kaum hören. Als Konsummusik sind MP3 und Co. erfolgreicher denn je. Der Musik aus den virtuellen Plattenläden im Internet gehört in diesem Sinne also die Zukunft.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.08.2004, Nr. 35 / Seite 47
Bildmaterial: Apple
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