Branchen (128): Telekommunikation

Der Kampf um den Anschluss

Von Johannes Winkelhage

27. Januar 2008 Die Telekommunikationsbranche ist im Umbruch. Das gilt besonders für das Festnetzgeschäft. Zehn Jahre nach der Marktöffnung hat sich in Deutschland ein Preisniveau entwickelt, von dem die Kunden früher nur träumen konnten. Für knapp 30 Euro gibt es heute einen Telefonanschluss mit DSL-Breitbandzugang. Auch die Gespräche ins Festnetz und der Internetverkehr sind damit schon bezahlt.

Die Flatrate ist das Bezahlmodell der Stunde - außer für die Gespräche in die Mobilfunknetze. Die Minutenabrechnung von Telefongesprächen wird aber über kurz oder lang ganz ausgedient haben.

Nicht mehr viel Luft nach unten

Grund für diese Entwicklung ist der harte Wettbewerb, der dem ehemaligen Monopolisten Deutsche Telekom zunehmend zu schaffen macht. Dabei geht es längst nicht mehr darum, der Telekom allein die Telefonminuten abzujagen. Jetzt geht es um den Telefonanschluss. Die Konkurrenz will den Kunden ganz - und ist dabei durchaus erfolgreich. Bis zum Ende des vergangenen Jahres haben sich nach Schätzungen der Bundesnetzagentur rund 7,1 Millionen oder mehr als 18 Prozent der Haushalte entschlossen, zu einem Wettbewerber der Telekom zu wechseln. Die Tendenz ist weiter stark steigend. So freuen sich Arcor und Hansenet mit der Marke Alice , Versatel und die anderen Stadtnetzbetreiber über das große Interesse der deutschen Kunden. Sie locken diese mit immer preiswerteren Bündelangeboten. Neue Preisrunden waren besonders in den vergangenen Monaten die Folge.

„Da ist viel Marge vernichtet worden“, sagt etwa Harald Stöber, der Vorstandsvorsitzende der Arcor AG aus Eschborn. „Nach den Preissenkungen im abgelaufenen Jahr ist hier nicht mehr viel Luft nach unten.“ In der Branche wird daher damit gerechnet, dass der Preis von 29,90 Euro für das Komplettpaket noch etwas länger stabil bleibt und sich der Wettbewerb in anderer Weise bemerkbar macht. So erwarten die Beobachter, dass der Kunde in Zukunft wahrscheinlich gleich hohe oder ähnliche Beträge zahlen wird wie bisher, dafür aber mehr Leistung zum Beispiel in Form von höheren Bandbreiten an seinem DSL-Anschluss erhalten wird.

Telekom verliert weiter Marktanteile

Dieser harte Wettbewerb hinterlässt Spuren im Umsatz des Festnetzgeschäftes. Während der Preisverfall in den ersten Jahren nach der Marktöffnung noch durch mehr Telefonminuten überkompensiert wurde, meldet das Festnetzgeschäft inzwischen sinkende Einnahmen. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz nach Schätzungen des Branchenverbandes VATM auf der Höhe von rund 37 Milliarden Euro - 1,4 Milliarden Euro weniger als im Jahr zuvor. Davon entfielen mit etwas mehr als 23 Milliarden Euro immer noch rund 62 Prozent auf die Deutsche Telekom. Die Wettbewerber kamen zusammen auf knapp 14 Milliarden Euro, nach 13,3 Milliarden im Jahr zuvor. Der Umsatzrückgang trifft also vor allem den ehemaligen Monopolisten, der im Jahr 2006 im Geschäftsfeld Festnetz/Breitband noch Erlöse von 24,7 Milliarden Euro ausgewiesen hatte.

Die Verlagerung des Wettbewerbs auf den Kampf um den Telefonanschluss hat in den vergangenen zwei Jahren auch dazu geführt, dass die Telekom sich vor allem noch zwei Wettbewerbergruppen gegenübersieht. Auf der einen Seite sind dies die Stadtnetzbetreiber wie Netcologne oder EWE-Tel, die einen starke Präsenz in ihren Städten haben, über ihre Region hinaus aber kaum eine Rolle spielen. Einzig der Stadtnetzverbund unter dem Dach der börsennotierten Versatel kann eine gewisse Überregionalität für sich in Anspruch nehmen.

Mobilfunkanbieter sind eine ernstzunehmende Konkurrenz

Auf der anderen Seite konkurriert die Telekom mit den finanzstarken Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen. So steht hinter Hansenet und deren Marke Alice die Telecom Italia, Arcor gehört zur britischen Vodafone, und die Telefónica ist mit einer Gesellschaft angetreten, die inzwischen eines der größten alternativen Festnetze in Deutschland betreibt, die Produkte aber nicht unter eigenem Namen an den Endkunden bringt. Allerdings liefert Telefónica Festnetzanschlüsse zum Beispiel an 1&1 oder auch Freenet und die Mobilfunk-Schwestergesellschaft O2. Einzig die Kölner QSC AG hat sich mit einem gut ausgebauten Netz bisher als konzernunabhängiges Unternehmen in dem Wettbewerb behaupten können, ist aber stärker auf Geschäftskunden konzentriert.

Der Wettbewerb für das Festnetz der Telekom wird inzwischen auch von den Kabelnetzbetreibern forciert, die ihre Netze in immer mehr Gebieten aufgerüstet haben und jetzt auch Telefonate und einen DSL-ähnlichen Internetanschluss anbieten. Nicht zuletzt trägt zudem der Mobilfunk zu einer Verschärfung der Konkurrenz auf dem Kommunikationsmarkt bei. Immer mehr Kunden kündigen ihren Festnetzanschluss vollständig und setzen komplett auf die Angebote der Mobilfunker. Dort ermöglicht der leistungsstarke Datenfunk UMTS inzwischen schnelle Internetzugänge in DSL-Qualität im Mobilfunknetz. Dem Wettbewerb in Deutschland steht in den kommenden Jahren aber eine weitere Runde bevor, die zu einer neuen Ordnung auf dem Markt führen wird.

Dies hat vor allem technische Gründe und hängt mit der Umstellung der Netze auf das Internet-Protokoll (IP) zusammen, das nach Ansicht der Fachleute künftig der alleinige Standard für den Transport von Sprache und Daten in den Netzen sein wird. Das hört sich zwar einfach an, ermöglicht aber einen aufwendigen Umbau der Netzstruktur, die am Ende indes hohe Effizienzgewinne bringt. Die Telekom will ihr Netz bis zum Jahr 2012 vollständig auf IP umstellen. Die Wettbewerber werden etwas früher damit fertig sein.

50 Prozent weniger Kosten

Zu den wesentlichen Neuerungen der IP-Netze gehört es, dass erheblich weniger Schaltstellen im Netz gebraucht werden. Insgesamt erhofft sich die Branche eine Kostensenkung von bis zu 50 Prozent für den Netzbetrieb. Dieses Sparpotential resultiert daraus, dass die IP-Netze mit deutlich weniger Personal betrieben werden können; was dazu führt, dass die Telekom auch in Zukunft zu einem weiteren Personalabbau gezwungen sein wird. Die ganze Branche hofft, ihre Ertragskraft weiter steigern zu können, auch wenn der Umsatz im Festnetzgeschäft wahrscheinlich nicht wieder deutlich steigen wird.

Ein wichtiger Teil der neuen Netzstruktur für die Telekom ist der Ausbau des VDSL-Netzes, das die Glasfaserleitung näher an den Kunden bringt und damit sehr hohe Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglicht. Dafür wird das Glasfasernetz in den großen Städten bis zu den kleinen grauen Kästen am Straßenrand, die in der Fachsprache als Kabelverzweiger oder KVZ bezeichnet werden, ausgebaut. Dadurch werden Dienste möglich, für die die konventionellen Netze bisher nicht ausgelegt waren.

Die Hoffnungen ruhen auf VDSL

Ein Beispiel ist das von der Telekom jetzt angebotene IPTV, das Fernsehsignale auf der Basis des Internet-Protokolls in die Wohnzimmer bringt. Die Wettbewerber Arcor und Hansenet haben zwar ähnliche Angebote, nutzen dafür aber bisher die klassische Kupferleitung, die in Sachen Geschwindigkeit an ihre Grenzen stößt - auch wenn moderne DSL-Übertragungstechnik genutzt wird. So wird die gleichzeitige Übertragung von zwei unterschiedlichen Programmen in hoher Auflösung (HD) problematisch. Dennoch hofft die gesamte Festnetzbranche durch solche neuen Dienste auf Umsatzsteigerungen.

So dringen auch die Wettbewerber darauf, einen eigenen Zugang zu dem VDSL-Netz der Telekom zu erhalten, was der Konzern aber zu verhindern sucht. Eine Lösung für diese Frage steht bisher aus. Obwohl das Verwaltungsgericht Köln in der vergangenen Woche der Bundesnetzagentur recht gegeben und im Eilverfahren eine Entscheidung der Behörde bestätigt hat. Demnach muss die Telekom ihren Wettbewerbern den Zugang zum KVZ gewähren. Darüber verhandeln die Wettbewerber auch schon mit der Telekom - bislang allerdings ohne Ergebnis.



Text: F.A.Z., 28.01.2008, Nr. 23 / Seite 23
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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