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Dann bloggen wir eben aus Tobago

Von Imke Donner und Harald Staun

In Deutschland eines unter vielen, in Russland Marktführer: das Weblog „Livejournal”

In Deutschland eines unter vielen, in Russland Marktführer: das Weblog „Livejournal”

04. Februar 2007 Er war nicht unbedingt die Top-Nachricht der Medienbranche, der Deal, der Ende Oktober vergangenen Jahres zwischen dem russischen Medienunternehmen Sup.com und der amerikanischen Softwarefirma Six Apart geschlossen wurde. Die Sorge um die Zukunft der russischen Demokratie hatte damals ganz andere Namen: Am Anfang des Monats war die kremlkritische Journalistin Anna Politkowskaja erschossen worden; ein paar Tage später hatte das Energieunternehmen Gasprom mit dem Einstieg als Sponsor des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 Aufsehen erregt und damit zu Recht besorgte Stimmen heraufbeschworen, die vor der Medienmacht des Großkonzerns warnten.

Kein Wunder, dass sich kaum jemand dafür interessierte, was sich genau hinter dem „Trademark License Agreement“ verbarg, das zwei mittelgroße Medienunternehmen vereinbarten. Da half es weder, dass die Vereinbarung mit angeblich 20 Millionen US-Dollar eine durchaus bemerkenswerte Größe erreichte, noch dass mit Aleksandr Mamut auch hinter dem unbekannten Start-up Sup.com eine jener Oligarchenfiguren steckt, die im Westen oft als Inbegriff von Kremltreue und Zensur gelten.

Worüber nun nicht mehr diskutiert wird

Für die Pressefreiheit in Russland jedoch ist der übersehene Deal kaum weniger bedrohlich als die Einkaufstouren Gasproms im russischen Blätterwald. Denn wie bei anderen aktuellen Übernahmen der Internetbranche war es nicht einfach ein Stück Technologie, das hier den Besitzer wechselte, sondern gewissermaßen Humankapital: Sup.com, so sieht es die Vereinbarung vor, betreut seitdem die russischen Mitglieder der Six-Apart-Weblog-Community „Livejournal“, einer Website für Online-Tagebücher, die ähnlich wie „Myspace“ nach dem Prinzip eines sozialen Netzwerkes funktioniert. Das Prekäre an dem Deal: Im Westen ist „Livejournal“ ein Anbieter unter vielen. In Russland beherrscht der Dienst den Markt.

Wie wichtig das „Livejournal“ für Russland ist, das zeigt sich schon am Sprachgebrauch: „Sche-Sche“, die Abkürzung für „Schiwoi-Schournal“, das „Livejournal“, ist mittlerweile zum russischen Synonym für „Weblog“ geworden - 35 Prozent aller russischen Blogger versammeln sich im „Livejournal“. Im „Sche-Sche“ wird laut diskutiert, worüber sonst besser geschwiegen wird - sei es über Tschetschenien, die unaufgeklärten Journalistenmorde oder über den Atomstreit zwischen Iran und den Vereinigten Staaten. Die politisch aktiven Russen haben sich hierfür bewusst einen amerikanischen Server ausgesucht. Für sie ist der Schreibboden hier sicherer - aus Vorsicht vor dem russischen Geheimdienst FSB. „Fernsehen kann man bei uns nicht“, erklärt der „Livejournal“-Nutzer Oleg Kirejew. „Dafür lesen die Leute in der Zeit, in der sie sonst vielleicht fernsehen würden, alle das Sche-Sche.“

Politische Debatten dominieren

Das Internet ist das wichtigste nichtstaatliche Medium in Russland. Und niemand käme auf die Idee, die Gemeinschaften wie „Livejournal“ für ein Jugendphänomen wie „Myspace“ zu halten. Anders als bei ihren Bloggerkollegen im Westen, stehen in russischen Blogs nicht die Themen „Musik“ und „Lifestyle“ im Vordergrund - politische Diskussionen dominieren. Auch die Zusammensetzung der Mitglieder unterscheidet sich vom Rest der Blogosphäre: Journalisten, Wissenschaftler, Philosophen schreiben hier, was sie denken. Obwohl die insgesamt 1,15 Millionen russischsprachigen Weblogs nur zwei Prozent der weltweiten Blogosphäre ausmachen, erscheinen dort sieben Prozent aller Beiträge - 106.000 täglich. Russischsprachige Blogger sind damit dreimal produktiver als westliche Blogger. „Wenn heute REN-TV geschlossen würde, ein Sender der als oppositionell gilt, wäre das weit weniger schlimm, als wenn das ,Livejournal' geschlossen würde“, meint der Blog-Aktivist Oleg Kaschin: „Es ist wichtiger als der Radiosender Echo Moskau und wichtiger als die Zeitungen.“

Kein Wunder, dass Brad Fitzpatrick, der 26-jährige Gründer von „Livejournal“, wie ein Popstar behandelt wurde, als er im Oktober nach Moskau reiste. Geschäftlich. Wichtige Verträge gebe es zu verhandeln. Alles strikt geheim. Unzählige „Livejournal“-Nutzer wollten ihn sehen, aber nur ausgewählte Nutzer erhielten eine Einladung zu einer „Brad Fitz Party“. In den Blogs wurde wild gechattet, gerätselt, beraten, wie und wo man ihn am besten würde treffen können. Der A-Promi der russischen Internetsphäre rockte sich durch die Moskauer Clubs. Und er genoss sichtlich die Aufmerksamkeit der jungen Russinnen, ließ sich standesgemäß feiern und fotografieren, mit mehreren Fans im Arm. Zurück in seiner kalifornischen Heimat schwärmte er auf seiner Website von der unfassbar exzessiven und freizügigen Partystadt Moskau.

Einige Tage später aber kursierten die ersten Details des Deals - und die russischen Mitglieder stiegen auf die Barrikaden. In einem offenen Brief schilderten sie ihre Sorge, dass der Verkauf das Ende für die Meinungsfreiheit bedeuten könnte. Die Skepsis galt vor allem zwei Personen: dem neuen Eigentümer Aleksandr Mamut, dem man beste Kontakte zum Kreml, diverse Politikerbestechungen sowie angebliche Geldwäschegeschäfte mit der Bank of New York nachsagt. Und dem Sup-Manager Anton Nossik, selbst ein prominenter Blogger, der als Kopf eines neuen Kontrollteams eingesetzt wurde, um die Einhaltung der „Livejournal“-Geschäftsbedingungen zu überwachen.

Erste Anmeldungen werden storniert

Dass der Einsatz dieses Kontrollteams, eine Art Moderation der geschriebenen Beiträge, im Prinzip nicht unangebracht ist, zeigten schon die antisemitischen Beschimpfungen, die sich in die Kritik gegen Nossik mischten. Doch auch Nossik selbst neigte in der Vergangenheit zu drastischen Ausdrücken, bezeichnete „Livejournal“-Nutzer als Idioten und machte großzügig Gebrauch von seinem Recht, den Leuten das Wort abzuschneiden, Kommentare zu löschen oder ganze Anmeldungen zu schließen. Vor allem gilt er in Russland als Liberaler - was einige Nutzer gerne als pro-amerikanisch auslegen. Ohnehin haben die vielen russischsprachigen Blogger eine ganz eigene Vorstellung von Meinungsfreiheit: Viele Einträge in den Journalen sind rechtsextrem, frauenfeindlich, gegen Homosexualität und pflegen einen brutalen Humor.

Auf jedes Zeichen von Zensur jedenfalls reagieren die Nutzer sehr sensibel. 52 Prozent der russischen „Livejournal“-Mitglieder halten einer Umfrage zufolge die Übernahme durch Sup.com für eine negative Entwicklung. Nach unzähligen Protestaufrufen antwortete endlich auch Fitzpatrick. „Mamut ist ein Geschäftsmann. Alles, woran er interessiert ist, ist schnell und viel Geld zu machen. Es macht keinen Sinn, nur um dem Kreml zu gefallen, die Journale zu schließen. Dann würde ja auch kein Geld mehr fließen.“ Für viele Blogger klingen das beschwichtigend, nicht überzeugend. „Es geht nicht um die Frage, warum sich der FSB oder andere für die kleinen Diskurse interessieren sollte, sondern darum, dass er es könnte“, meint ein Blogger namens Dimrub. „Allein die Möglichkeit macht den Leuten Angst, und ja, mir auch.“

Viele „Livejournal“-Nutzer haben bereits freiwillig ihre Anmeldungen storniert und sind auf der Suche nach einer neuen virtuellen Heimat, wo sie weiterhin schreiben dürfen, was sie denken. Die ersten Blogger haben schon eine gefunden: Sie rufen dazu auf, ihr Nutzerprofil einfach auf „Trinidad und Tobago“ zu ändern. Ihre Devise: „Lasst uns diesen kleinen, aber stolzen Staat zum Führer des weltweiten Internets machen!“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.02.2007, Nr. 5 / Seite 33
Bildmaterial: Livejournal.com

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