25. Juni 2007 Im Internet herrscht das große Kopfzerbrechen: Was ist der beste Schlachtplan, um beim Verkaufsstart des iPhone von Apple an diesem Freitag ein Gerät zu ergattern und nicht mit leeren Händen nach Hause gehen zu müssen? In Online-Foren wird kontrovers diskutiert: Soll man lieber zu einem Geschäft von Apple gehen oder einem von AT&T, dem exklusiven Mobilfunkpartner?
Ist es schlauer, in die Innenstadt zu fahren oder einen Laden in einem Vorort aufzusuchen? Wäre es gut, sich schon Stunden vor der Eröffnung der Läden auf den Weg zu machen? Apple-Vorstandschef Steve Jobs gab kürzlich der amerikanischen Kolumnistin Arianna Huffington die Empfehlung, zu AT&T zu gehen, denn die Apple-Läden würden am Tag des Verkaufsstarts bestimmt zu einem Tollhaus.
Die gewohnte Geheimniskrämerei
Ansonsten hält sich Apple in gewohnter Geheimniskrämerei mit Details zurück: Jobs hat kürzlich nur gesagt, die Geräte würden in jedem Laden in Amerika am Freitag um Punkt 18 Uhr zum Verkauf freigegeben. Einzelne Skeptiker bezweifeln die Aussage und meinen, die iPhones könnten womöglich schon vorher aus den Kartons geholt werden. Die Apple-Läden selbst sind nicht sonderlich hilfreich und liefern keine einheitlichen Angaben.
Beim Geschäft im New Yorker Stadtteil Soho lautet die Auskunft einer Dame ebenfalls 18 Uhr, sie fügt aber ein vorsichtiges glaube ich zumindest hinzu. Im Laden am Central Park bleibt man ganz vage: Ich kann nur sagen, dass es am 29. Juni kommt, heißt es hier auf Anfrage. Schon gar nicht wird verraten, wie viele iPhones der Laden am ersten Tag geliefert bekommt.
Finanzmärkte wetten auf den Erfolg
Es ist wohl schon lange nicht mehr so viel Wirbel um den Verkaufsstart eines Produkts gemacht worden wie beim iPhone. Steve Jobs hat das Gerät erstmals im Januar der Öffentlichkeit gezeigt und bekam viel Applaus. Seither sind die Erwartungen noch gestiegen. Amerikanische Medien sind seit Wochen voll mit Vorberichten zum Verkaufsstart, und Apple bombardiert die Fernsehzuschauer derzeit regelrecht mit Werbespots.
Die Finanzmärkte wetten darauf, dass Steve Jobs mit dem iPhone der nächste große Wurf nach dem digitalen Musikspieler iPod gelingt. Der Kurs der Apple-Aktie ist seit der Vorstellung im Januar um fast 45 Prozent gestiegen.
Kreuzung aus iPod und Handy
Das iPhone ist eine Kreuzung aus dem digitalen Musikspieler iPod und einem Handy, das Gerät hat außerdem eine E-Mail-Funktion und erlaubt Internetzugang. Das iPhone gehört damit in die Kategorie der Smartphones, ebenso wie zum Beispiel das vom kanadischen Unternehmen Research In Motion hergestellte Blackberry-Handy. Optisch auffälligstes Merkmal bei dem Apple-Handy ist das Fehlen einer Tastatur, das Gerät wird über einen berührungsempfindlichen Bildschirm mit dem Finger bedient.
Der Preis ist für ein Handy sehr üppig: 499 Dollar plus Steuer kostet das iPhone, in der Version mit höherer Speicherkapazität sind es 599 Dollar. Zudem muss ein Zwei-Jahres-Vertrag mit AT&T geschlossen werden. Kunden anderer Mobilfunkanbieter bleiben außen vor, bei einem Wechsel zu AT&T während eines noch laufenden Vertrags sind Strafgebühren fällig. Das iPhone ist zunächst Amerikanern vorbehalten. Die Einführung in Deutschland und Europa ist für Ende des Jahres geplant, ein genaues Datum ist noch nicht bekannt.
Jahresumsatz von rund 10 Milliarden Dollar
Steve Jobs hat ehrgeizige Ziele für das iPhone gesetzt. In einem Interview sagte er kürzlich, das iPhone solle zur dritten starken Säule für das Unternehmen werden - neben den Computern und dem Musikgeschäft mit dem iPod, die Apple einen Jahresumsatz von jeweils rund 10 Milliarden Dollar bringen. Für das Jahr 2008 hat er das Ziel ausgegeben, zehn Millionen iPhones zu verkaufen, was einem Anteil von rund einem Prozent am Weltmarkt für Handys entsprechen würde.
Manche Analysten halten dieses Ziel für untertrieben. Gene Munster von der Investmentbank Piper Jaffray traut Apple einen Absatz von 12,4 Millionen iPhones im Jahr 2008 zu, für 2009 erwartet er sogar 45 Millionen. Etwas vorsichtiger zeigt sich Benjamin Reitzes von UBS, der Apple voraussagt, im nächsten Jahr 7,4 Millionen der Geräte zu verkaufen.
AT&T heuerte 2000 Aushilfsmitarbeiter an
Diese Prognosen sind freilich ein Stochern im Nebel, solange das Produkt noch nicht auf dem Markt ist und die Verbraucher keine Erfahrungen in der alltäglichen Nutzung gemacht haben. Genau hierin liegt nach Einschätzung von Beobachtern auch die größte Gefahr. Kann das schon im Vorfeld zum Wundergerät hochstilisierte iPhone die Erwartungen überhaupt erfüllen? Zumal es bei technischen Geräten in ihrer ersten Version oft Fehler und Störungen gibt. Eine der offenen Fragen ist zum Beispiel, ob der berührungsempfindliche Bildschirm so gut funktioniert, wie versprochen wurde.
Das Interesse zum Verkaufsstart ist jedenfalls riesig, und es dürfte mit einem Ansturm von Kaufwilligen zu rechnen sein. Das Gerät wird es zunächst nur in den rund 160 Apple-eigenen Läden und in den 1800 Geschäften von AT&T geben. AT&T hat eigens für den Verkaufsstart des iPhone 2000 Aushilfsmitarbeiter eingestellt und geschult, außerdem zusätzliches Sicherheitspersonal, um Chaos in den Läden zu verhindern.
Wettbewerber kontern mit neuen Geräten
In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts M. Metrics haben 9 Prozent aller Handynutzer in Amerika starkes Interesse am Kauf eines iPhone signalisiert, was 19 Millionen Menschen entsprechen würde. Nach Angaben von AT&T haben sich mehr als eine Million Verbraucher auf der Internetseite des Unternehmens registriert, um Informationen über das iPhone zu bekommen. Davon seien 40 Prozent bislang Kunden eines anderen Mobilfunkanbieters.
Die Konkurrenten von AT&T und Apple geben sich mit Blick auf das iPhone demonstrativ gelassen. Vielmehr vertreten sie die Position, dass ihnen das iPhone sogar nutzen könnte. Apple könnte Verbraucher an hohe Preise gewöhnen und teure Handys zu einem viel größeren Markt als bislang machen. Schließlich wird ein Großteil der Handys heute subventioniert und zu Niedrigpreisen verkauft. Einige Wettbewerber kontern selbst mit neuen Multifunktionsgeräten: Der finnische Nokia-Konzern verkauft zum Beispiel seit einigen Monaten das Multimedia-Handy N95, das noch teurer ist als das iPhone. Der südkoreanische Hersteller LG Electronics hat zusammen mit dem italienischen Modehaus Prada das Handy LG Prada entwickelt, das wie das iPhone einen berührungsempfindlichen Bildschirm hat.
Jobs sorgte für einen steilen Aufstieg
Die Aufregung um das iPhone nimmt zum Teil auch merkwürdige Züge an. In der vergangenen Woche reichte bereits die Meldung, dass das iPhone eine größere Batterielaufzeit haben werde als zunächst gedacht, der Apple-Aktie einen Kurssprung von 4 Prozent zu bescheren. Das verdeutlicht, wie weit Apple gekommen ist, seit das Unternehmen vor zehn Jahren in der Krise steckte.
Damals kam Steve Jobs, der Apple Mitte der achtziger Jahre im Streit verlassen hatte, an die Spitze zurück. Er sorgte bald für eine Wiederbelebung mit neuen Computermodellen wie dem modern aussehenden iMac-Computer und dem iBook-Laptop. Der steile Aufstieg in den vergangenen Jahren ist aber auf den iPod zurückzuführen, der in seiner ersten Version im Jahr 2001 auf den Markt kam. Auch bei den iPods spielten sich in den Läden oft chaotische Szenen ab, wenn ein neues Modell herauskam.
Text: F.A.Z., 25.06.2007, Nr. 144 / Seite 16
Bildmaterial: AFP, AP, dpa
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