03. Mai 2005 Dem Siemens-Konzern in München fällt es äußerst schwer, einen Käufer oder Partner für sein verlustreiches Mobiltelefongeschäft zu finden. Der amerikanische Konkurrent Motorola, der zweitgrößte Handy-Hersteller der Welt, hat nach Informationen dieser Zeitung kurzfristig eine Übernahme der Siemens-Sparte abgelehnt.
Sie hat zuletzt einen Quartalsverlust von 138 Millionen Euro erlitten. Die Verträge für einen vollständigen Verkauf seien unterschriftsreif gewesen und sollten schon am Montag vor einer Woche unterzeichnet werden, heißt es bei Siemens in München. Der amerikanische Konzern habe überraschend einen Rückzieher gemacht.
Der Aufsichtsrat von Siemens sollte am Tag darauf über den Verkauf entscheiden, doch Motorola war in dem Kontrollgremium nicht einmal mehr ein Thema. Die Gründe für die Absage wurden zunächst nicht genannt. Sprecher von Siemens und Motorola lehnten einen Kommentar ab.
Ausgliederung angekündigt
In der vergangenen Woche hatte Klaus Kleinfeld, Nachfolger von Heinrich von Pierer als Vorstandsvorsitzender von Siemens, angekündigt, die Geschäftseinheit mit den Mobiltelefonen und den schnurlosen Festnetztelefonen mit einem Jahresumsatz von 5,5 Milliarden Euro und mehr als 10000 Mitarbeitern auszugliedern. Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger hatte den Ausstieg aus dem Handy-Geschäft angedeutet. Die Marke soll aber erhalten werden. Motorola zählte zu den engsten Anwärtern auf eine Partnerschaft oder einen Kauf.
Beide Unternehmen haben schon in der Vergangenheit kooperiert. So basierten die ersten UMTS-Handys von Siemens auf der Technik des amerikanischen Konzerns. Vor drei Jahren hatten beide Unternehmen ein Tauschgeschäft erwogen. Motorola sollte das Mobiltelefongeschäft von Siemens übernehmen, die Münchner im Gegenzug die Infrastruktursparte (Mobilfunknetze) von den Amerikanern. Doch auch diese Transaktion platzte. Nach unbestätigten Berichten war auch im vergangenen Jahr eine Vereinbarung für einen Verkauf an Motorola doch noch gescheitert. Kleinfeld hatte in der vergangenen Woche behauptet, es gebe viele Interessenten für die Handy-Sparte. Zu den Namen, die in der Branche kursieren, gehört der Elektronikkonzern Acer aus Taiwan.
Gewerkschaft fürchtet um Arbeitsplätze
Die IG Metall befürchtet, daß ein Rückzug von Siemens aus dem Handy-Geschäft die Arbeitsplätze der Sparte in der Forschung und Entwicklung sowie in der Produktion bedroht. "Jeder mögliche Partner hat selbst die notwendigen Kapazitäten", sagte Wolfgang Müller, Leiter des Siemens-Teams der Gewerkschaft und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens. Als mahnendes Beispiel nannte er das Gemeinschaftsunternehmen Sony Ericsson, das nach seiner Gründung die Entwicklung in München eingestellt hat.
Große Sorgen bereitet Konzernchef Kleinfeld auch die Sparte Siemens Business Services (SBS), die Dienstleistungen in der Informationstechnik (IT) anbietet. Sie hat Siemens in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres mit einem Betriebsverlust von 154 Millionen Euro belastet. In der Branche heißt es, der Vorstand von Siemens habe mittlerweile entschieden, SBS nicht auf eigene Faust zu sanieren. Stattdessen würden - wie für die Handys - Partner oder Käufer gesucht. Möglich sei auch ein Verkauf einzelner Unternehmensteile, wie dies mit der Tochtergesellschaft Sinitec geschehen ist. Angestrebt werde eine Lösung in zwei bis drei Monaten. Kleinfeld hatte vor einer Woche noch offengelassen, ob Partnerschaften für SBS in Frage kommen, aber hinzugefügt, der französische Konkurrent Atos Origin sei nicht der einzige Interessent für die IT-Sparte.
Text: him., F.A.Z., 4. Mai 2005
Bildmaterial: F.A.Z., Siemens AG
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