Mehr als Google und Yahoo

Die neuen Helden im Silicon Valley

Von Patrick Bernau

12. Februar 2008 Die Rivalen sind im Silicon Valley ganz nahe beieinander. Zehn Minuten fährt der Besucher von der Zentrale des Internet-Giganten Google zu der des Konkurrenten Yahoo, einmal um den Flughafen herum. Hier treffen die Großen friedlich aufeinander. Im Internet liefern sie sich eine Schlacht um die Gunst der Nutzer.

Microsoft ist nicht richtig dabei. Im Silicon Valley nicht, denn Microsofts Zentrale ist in Seattle. Und im Internet auch nicht, denn da ist Microsoft abgeschlagen. Nun will der Software-Riese richtig ankommen, im Silicon Valley und im Internet. 45 Milliarden Dollar bietet der Konzern für Yahoo. Das Ziel: den Platzhirsch Google zu verdrängen.

Vor den Jungen muss Google mehr Angst haben

Karge Umgebung: Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger am San Luis Reservoir, das Wasser unter anderem für das Silicon Valley bereitstellt

Karge Umgebung: Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger am San Luis Reservoir, das Wasser unter anderem für das Silicon Valley bereitstellt

Doch während Yahoo-Gründer Jerry Yang sich gegen die Übernahme wehrt und Microsoft um die Aktionäre wirbt, hecken nur ein paar Kilometer weiter unzählige junge Firmen Ideen aus. Und wenn der Blick der Welt in der Übernahmeschlacht jetzt auf das Silicon Valley fällt, fällt der Blick der Welt auch auf sie. Denn vor den Jungen müssen die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page mehr Angst haben als vor dem fusionierten Riesen "Microhoo", der erst mal mit sich selbst beschäftigt sein wird.

Die Kleinen haben große Ziele. Ständig arbeiten mehrere Dutzend Firmen daran, bessere Suchtechniken als Google zu entwickeln - zum Beispiel eine Suchmaschine, mit der die Nutzer sprechen können. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will gar ein neues Tor zum Internet bauen. Dazu will er auf seiner Website die allumfassende Kommunikation mit Freunden und Bekannten möglich machen. Auf Facebook soll man Fotos tauschen, sich zu Partys verabreden und sich über die neuesten Ereignisse unterhalten. Dort sollen außerdem Programme laufen - Spiele, Nachrichten, später vielleicht auch einmal das eigene Depot und die Bewerbung für den nächsten Job.

Der Platz im „Silizium-Tal“ wird langsam knapp

Facebook und die anderen jungen Firmen zeigen: Das Silicon Valley ist wieder quicklebendig. Überall sitzen Erfinder und Firmengründer und basteln an neuen Ideen, die die Welt verändern sollen. Es ist so viel los, dass es gar nicht mehr genug Platz gibt im engen "Silizium-Tal" südlich von San Francisco entlang dem Highway 101 bis San Jose.

Mehr und mehr Firmen ziehen direkt nach San Francisco, gerne in das ehemals heruntergekommene Viertel "South of Market" (SoMa), in dem jetzt auch das Museum für moderne Kunst beheimatet ist. Obdachlose gibt es in diesem Viertel kaum noch. Stattdessen sind in den Häusern inzwischen auf ganzen Stockwerken die Wände farbig gestrichen, auf Tapeziertischen stehen die Computer, davor sitzen junge Leute auf bunten Sitzbällen und tippen Codes in den Computer, aus denen einmal ein neuer Internetdienst wird.

Viele Unternehmen ziehen lieber nach San Francisco

Dass viele Start-ups in die Stadt ziehen, hat zwei Gründe: Erstens sind im Zentrum des Silicon Valley gute Leute rar. Das hat schon in den Boomjahren der Jahrtausendwende einen Zug nach San Francisco ausgelöst. Zweitens macht die technische Entwicklung das notwendig. Viele Firmen brauchen weniger tüftelnde Entwickler, darum kann man sich weiter entfernen von der Uni Stanford. Dafür brauchen die jungen Firmen kreative Köpfe, und die Kreativität entfaltet sich in der Stadt besser.

Firmensitz von Yahoo im Silicon Valley

Firmensitz von Yahoo im Silicon Valley

Schon vor Jahren hieß es über die "Bay Area", wie die Einwohner ihre Region nennen: Im Süden, in der Umgebung von San Jose, haben vor allem die Chip- und Computerbauer ihren Platz. Weiter im Norden kommen Software und Internet, und die kreativen Köpfe der Werbeagenturen sitzen in San Francisco. Jetzt sitzen dort auch die Leute, die das Internet mit neuem Leben füllen.

Milliardär mit 26

Craig Newmark zum Beispiel, der aus einem einfachen E-Mail-Veranstaltungskalender die führende Kleinanzeigen-Website Amerikas gemacht hat und sich immer noch weigert, mit dieser Website mehr Geld zu verdienen, als er zum Leben benötigt. Oder Max Levchin: Der gebürtige Ukrainer hat 1998 in Palo Alto nahe der Uni mit viel Sicherheitstechnik ein Bezahlsystem entwickelt, das heute unter dem Namen Paypal bekannt ist und das Levchin für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay verkauft hat, bevor er 26 war.

Google-Arbeitsplätze im Silicon Valley

Google-Arbeitsplätze im Silicon Valley

Nun arbeitet er in San Francisco in SoMa. Dort baut er seine neue Firma Slide auf, die Diaschauen und Valentinskarten für Mitmachseiten wie Facebook und Myspace entwickelt. Das ist technisch nicht anspruchsvoll, aber auf jeden Fall kreativ.

Google ist nicht mehr so hip wie früher

Aber auch für die Tüftler bleibt genug zu tun. Im Zentrum des Silicon Valley liefern sich die Firmen einen harten Konkurrenzkampf um die klügsten Köpfe. Die Entwickler freut's. Kostenlose Mahlzeiten und ein Reinigungsdienst für Kleidung sind Standard. Google hält seine Leute außerdem mit kostenlosen Ärzten und Massagen gesund, regelmäßig kommt der Friseurbus in die Zentrale. Immer wieder veranstaltet das Unternehmen Wettbewerbe darum, welches Team seinen Arbeitsplatz am schönsten geschmückt hat: mit Lampions zum Beispiel, mit den Flaggen der Alma Mater oder mit Zelten aus eingefärbten Betttüchern. Die Idee: Solche Arbeitsplätze ziehen die guten Leute erst an und halten sie dann bis spät in die Nacht im Büro.

Uhrtürmchen des Netzwerkspezialisten Sun Microsystems im Silicon Valley

Uhrtürmchen des Netzwerkspezialisten Sun Microsystems im Silicon Valley

Ein gutes Gehalt und kostenlose Massagen sind das eine. Das andere ist das Prestige, das der Job steigern soll. Dazu haben die Leute im Silicon Valley ihre ganz eigenen Ansichten. "In Los Angeles achtet jeder darauf, wie du aussiehst. Hier achtet jeder darauf, ob du an dem nächsten großen Ding mitarbeitest", sagt der Investor Howard Hartenbaum. Lange Zeit war Google der Favorit. Doch mit neun Jahren und 17000 Mitarbeitern ist der Konzern nicht mehr so hip. Angesagter ist Facebook. "Das ist spannend, denn das kann auch noch schiefgehen", sagt Hartenbaum.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, 23, tut viel dafür, damit seine Firma hip bleibt und die Absolventen anzieht. Er hat seine 450 Mitarbeiter mitten in Palo Alto untergebracht, nur ein paar Schritte entfernt vom Bahnhof, von schicken Cafés und vom Apple-Laden. Die Wände sind mit Graffiti bemalt, dafür hat Zuckerberg Künstler engagiert. Zur berühmten Uni Stanford sind es nur ein paar Minuten Fußweg. So zieht Facebook sogar Literaturstudenten an. „Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, in der IT zu arbeiten“, erzählt ein Stanford-Absolvent. „Aber alle meine Freunde waren bei Facebook.“ Jetzt kümmert er sich um den Kundendienst. Im Silicon Valley ist eben nicht nur wichtig, dass viele Leute aus der Computer- und Elektronikbranche vor Ort sind. Auch Berkeley und vor allem Stanford, die zwei renommierten Universitäten in der Umgebung von San Francisco, sind ein entscheidender Grund dafür, dass junge, intelligente Leute in die Gegend kommen und dass immer wieder etwas Neues im „Silicon Valley“ erfunden wird.

Der Mythos entstand vor hundert Jahren

Dessen Mythos entstand vor hundert Jahren, als sich um die Bucht von San Francisco Radiotechniker versammelten. 1956 begann in Mountain View die erste kommerzielle Transistorfertigung, später folgte die Gründung von HP in Palo Alto in einer Garage, die heute noch besichtigt werden kann.

Die Firmen und Universitäten ziehen die Menschen an, und der Freizeitwert der Region hilft: Das Wetter ist kalifornisch, zum Strand und in die Berge ist es nah. Das ist attraktiv für Optimisten und Utopisten. Schließlich behauptet jeder Zweite, er könne die Welt verändern. Die wichtigste Beschäftigung ist das Netzwerken. Kaum ein Gespräch endet, ohne dass die Gesprächspartner einander ein oder zwei Bekannte vorstellen. „Mit diesen Vorstellungen wird teils richtig gehandelt“, sagt Auren Hoffman, der gerade seine vierte Internetfirma gründet. „Gibst du mir eine, geb ich dir eine.“ Wertvoller noch sind die Kontakte zu Ex- Kollegen. So helfen sich ehemalige Mitarbeiter des Internet-Bezahldienstes „Paypal“ bei ihren neuen Firmengründungen mit Kapital und Arbeitskraft - so erfolgreich, dass sie als „Paypal-Mafia“ bekannt geworden sind. Zur Paypal-Mafia gehört der deutsche Investor Peter Thiel, der Facebook früh entdeckt hat, aber auch die Geschäftsleute-Gemeinschaft LinkedIn finanziert.

Wer niemanden kennt, der muss nicht verzagen, sondern geht am besten frühstücken in Buck's Restaurant. Das ist längst nicht der einzige, auf jeden Fall aber der bekannteste Treffpunkt der Investoren- und Gründerszene. Buck's fällt schon auf, weil es so eigenartig geschmückt ist: Von der Decke hängen ein Holzdelphin und ein Flugzeugmodell, an der Wand klebt und ein Opium-Rezept von 1943 und natürlich Computerchips. Buck's-Eigentümer James McNiven weiß sich selbst in Szene zu setzen. Er bezeichnet sich als „die zweitgrößte Mediennutte Amerikas“ - und hat es mit aktiver Medienarbeit geschafft, seinen Ruf auch über die schlechten Zeiten des Silicon Valley zu retten.

Hier treffen Ideen auf Geld

Hier treffen Ideen auf Geld. Am Südwestrand des Stanford-Campus haben sich die Investoren niedergelassen, die jungen Firmen Risikokapital geben. Auf einer Anhöhe voller Wiesen und Bäume haben sie ausladende Büros, teils mit Marmorfoyers. Es ist der letzte Hort der Krawatten im Valley. Unter den Investoren herrscht Optimismus. Eine Rezession stört aber Leute wie Howard Hartenbaum von der Investmentgesellschaft Draper Richards nicht. Er hat als erster Investor die Internettelefonfirma Skype entdeckt, die später für 2,6 Milliarden Dollar an Ebay verkauft wurde. „Risikokapital ist eine langfristige Investition, oft über zehn Jahre“, sagt er. Da könne er auch mal damit leben, wenn in den nächsten Jahren etwas weniger Geld fließe. Ohnehin gebe es mehr Geld als gute Ideen. Wenn Amerika jetzt in den Abschwung komme, schade das dem Silicon Valley gar nicht. „Die besten Firmen entstehen in der Krise“, sagt er.

JUNGE FIRMEN IM SILICON VALLEY - EIN STREIFZUG

Powerset: Fragen beantworten

Seit Jahren träumen Suchmaschinen-Nutzer davon, dass sie in das Suchfeld nur noch eine Frage eintippen müssen und dann eine klare Antwort bekommen. Das haben schon viele Firmen versucht, Powerset hat jedoch besonders gute Startbedingungen: Es arbeitet mit Technik aus dem berühmten „Palo Alto Research Center“ von Xerox. Leider ist der Dienst online noch nicht frei zugänglich.

Mint: Geld sparen

Mint wertet Kreditkarten-Abrechnungen und Kontoauszüge aus und gibt dem Nutzer eine Übersicht darüber, wofür er sein Geld ausgibt - und für was er mehr zahlt als andere Leute. In Zukunft soll Mint konkrete Spartipps geben, zum Beispiel sagen, wo es den Strom billiger gibt. Mint funktioniert bisher nur in den Vereinigten Staaten.

Delicious: Weblinks tauschen

Del.icio.us funktioniert wie die „Favoriten“ auf dem heimischen Rechner - es merkt sich die Lieblings-Internetseiten seiner Nutzer. Mit einem Unterschied: Die Nutzer können ihre Favoriten für andere Leute freischalten und so interessante Links austauschen. Yahoo hat den Dienst vor zwei Jahren gekauft, der Gründer arbeitet seitdem in der Yahoo-Zentrale.

Slide: Facebook aufpeppen

Im StudiVZ „gruscheln“ sich die Teilnehmer gegenseitig, auf Facebook heißt das „Poke“. Das allein ist den Machern von Slide zu langweilig. Sie haben Facebooks Gruschel-Funktion „Poke“ um das „Super-Poke“ erweitert, das auch Umarmungen und virtuelle Blumengrüße erlaubt. Super-Poke gehört zu den beliebtesten Facebook-Erweiterungen. Doch Slide baut nicht nur Erweiterungen für Facebook. Seine Fotoschau funktioniert auch auf Myspace und anderen Mitmach-Netzwerken.

Rapleaf: Renommee testen

Nur anhand der E-Mail-Adresse will Rapleaf in Zukunft erkennen können, wie angesehen ein Mensch im Internet ist. Dazu wertet Rapleaf allgemein zugängliche Internetseiten aus. Das können Blogs sein und Einträge auf Mitmach-Seiten wie Myspace. Wer sich nicht von Rapleaf ausspionieren lassen will, kann sich löschen lassen.

Postini: E-Mails sichern

Spamschutz und E-Mail-Archive für Unternehmen: Damit verdient Postini sein Geld. Im Sommer hat Google das Unternehmen gekauft. Seit Dienstag sind die Dienste in Googles E-Mail-Dienst integriert. Aber nutzen darf sie nur, wer dafür auch bezahlt.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite 40
Bildmaterial: AFP, dpa, F.A.Z., Frank Röth

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