Telekommunikation

Kommunikation wird billiger, aber komplizierter

Von Holger Schmidt

04. September 2006 Die ganze Telekombranche rieb sich am vergangenen Donnerstag verwundert die Augen. "Wir werden ein Bündel aus Telefonanschluß, DSL inklusive aller Festnetzgespräche und dem Internetzugang für deutlich weniger als 40 Euro anbieten", hatte Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke noch Anfang August in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ angekündigt. Aus „deutlich unter 40 Euro" wurden während der Internationalen Funkausstellung in Berlin schließlich 49,95 Euro und die Aussage von Ricke, die Telekom wolle nicht der „billige Jakob“ der Branche sein.

Zumindest dies ist der Deutschen Telekom gelungen. Das wichtigere Ziel, nämlich den Kundenschwund zu stoppen, wird die Telekom nach Ansicht der meisten Beobachter mit diesen Preisen kaum erreichen. Etablierte Konkurrenten wie Arcor oder Hansenet sind allesamt günstiger als die Telekom, und die neuen Wettbewerber im Internetgeschäft, die Mobilfunker Vodafone und O2, haben zum gleichen Preis wie die Telekom noch Telefonate in ihre Handynetze mit dabei.

Telekom-Chef Ricke will nicht der “billige Jakob“ der Branche sein

Telekom-Chef Ricke will nicht der "billige Jakob" der Branche sein

Selbst das Einsteigerpaket der Telekom macht wenig Sinn: Für 35 Euro bekommt der Kunde eine Kombination aus einem schnellen DSL-2000-Anschluß und lächerlichen 500 Megabyte Datenvolumen. Schon ein einziges heruntergeladenes Video weist ein größeres Datenvolumen auf.

Alle Sparten wollen bei der Telekom mitverdienen

Das Feuerwerk neuer Tarife, das während der IFA verkündet wurde, hat für die Verbraucher die Übersicht über den Telekommunikationsmarkt nicht einfacher gemacht. Aus "Double Play", also der Verbindung aus Festnetztelefonie und Internet, ist im Laufe des Jahres schon "Triple Play" geworden, als das Fernsehen über die DSL-Leitung hinzukam. Das war der Telekom noch nicht genug: "Quadruple Play" heißt das neue Schlagwort der Bonner, die zusätzlich den Mobilfunk in ihr Paket integrieren.

"Quadruple" klingt zwar schön, bedeutet aber auch, daß möglichst alle Telekom-Sparten daran etwas verdienen wollen. Daß es auch einfacher - und billiger - geht, zeigen die Mobilfunker. Denn zumindest einen kompletten Festnetzanschluß, wie ihn die Telekom immer mitverkauft, braucht in Zeiten der Internettelefonie niemand mehr.

Konkurrenten unterbieten die Telekom

Vodafone und O2 müssen zwar noch den kompletten Telefonanschluß bei der Telekom mieten, nutzen aber nur den Internet-Datenkanal, das sogenannte nackte DSL. Telefoniert wird bei Vodafone auch zu Hause nur über das Handy, bei O2 über die Internetleitung. Für 50 Euro im Monat kann der Kunde zu Hause so viel surfen und ins Festnetz telefonieren, wie er möchte. Zusätzlich im Preis enthalten sind Telefonate in der Heimzone um die Wohnung herum in das Handy-Netz des Anbieters, die bei den sonst üblichen Festnetzpauschalen nicht dabei sind.

Dieser Vorteil ist bei Vodafone mit 29 Millionen Kunden deutlich größer als bei O2. Günstiger als das Telekom-Paket inklusive Handy-Pauschaltarif ist auch die Kombination aus Festnetz und Internet von Freenet und dem Handy-Pauschaltarif von Base (E-Plus).

Nacktes DSL

Handy, Fernsehen und Internet verschmelzen

Handy, Fernsehen und Internet verschmelzen

Das Modell der Mobilfunker wird 2007 einen Schub bekommen, denn dann muß die Telekom auf Anweisung der Bundesnetzagentur auch nackte DSL-Leitungen an ihre Konkurrenten vermieten. Wenn Vodafone und O2 den nicht benötigten Sprachkanal dann nicht mehr mitmieten müssen, wird die Monatsmiete für den Anschluß, die zur Zeit 10,65 Euro beträgt, deutlich sinken. Das Ende der Zwangskopplung des Sprachkanals mit dem Datenkanal wird zudem der Internettelefonie Rückenwind geben und dem Festnetzgeschäft der Telekom weitere Einbußen bringen. Für den Chef der Festnetzsparte der Telekom, Walter Raizner, wird das Marktumfeld damit abermals schwieriger. Raizner war schon als Verlierer aus der Aufsichtsratssitzung der Telekom am vergangenen Wochenende hervorgegangen. Da ihm Kundenverluste angelastet werden, mußte er als einziges Vorstandsmitglied Kompetenzen abgeben.

1&1 für Highspeed-Nutzer

Die Anbieter haben die IFA auch genutzt, um Fernsehangebote zu präsentieren. 1&1 bietet zusätzlich zu Telefonie und DSL - inklusive der obligatorischen Pauschaltarife - eine "Movie-Flat" an, die auf 100 Filme im Monat begrenzt ist. Das neue Angebot "3DSL" für rund 30 Euro im Monat hat den Charme, immer die höchste verfügbare Übertragungsgeschwindigkeit am Wohnort zu enthalten.

Im besten Fall bekommt der Kunde nach Ablauf der Einführungsphase eine superschnelle 16-Megabit-Leitung zum Preis von 46 Euro, wenn der Telefonanschluß der Telekom mitgerechnet wird. Günstiger ist zur Zeit keiner.

Text: F.A.Z., 04.09.2006, Nr. 205 / Seite 19
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.

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