Von Thiemo Heeg
14. Mai 2006 Wenn Bill Gates persönlich auftritt, geht es um viel. Wenn er dann noch Details aus seinem Privatleben zum besten gibt, geht es um noch mehr.
Vergangene Woche besuchte der Microsoft-Gründer überraschend und zum ersten Mal die Electronic Entertainment Expo (E3) in Los Angeles. Auf der wichtigsten Weltmesse der Videospielindustrie berichtete der reichste Mann der Welt, wie es in seinen Wohnzimmern so zugeht.
Die ganze Familie liebt demnach Videospiele. Er selbst schätzt Rennspiele wie Project Gotham Racing 3 und Forza. Die zehn Jahre alte Tochter Jennifer Katharine mag das Puzzlespiel Zuma. Der sechsjährige Sohn Rory John lernt gerade mit Marble Blast Ultra den Umgang mit dem Spielgerät. Die vierjährige Phoebe Adelle muß noch ins Joystick-Alter hineinwachsen. Dafür ist Gattin Melinda im Urlaub auf Hawaii oder in Mexiko Feuer und Flamme fürs Computerdaddeln. Bei Zuma ist sie so gut wie ich. Manchmal sogar besser, verriet Gates.
Erstaunlich lange Produkt-Zyklen
Der 50jährige weiß, was er an Eigenmarketing seiner Firmen-Produktfamilie Games & Xbox schuldig ist. Spielkonsolen und Videospiele haben sich inzwischen zu einem Multi-Milliarden-Markt entwickelt, und die voraussichtlichen Wachstumsraten sind aller Gatesscher Mühen wert.
Nach Schätzungen setzte die Computerspielbranche 2005 weltweit mehr als 35 Milliarden Dollar um, Tendenz voraussichtlich stark steigend. Der globale Videospielmarkt wird bis 2009 jährlich um 16,5 Prozent zulegen, in Europa sogar um 19 Prozent, prognostiziert Markus Ehret vom Beratungsunternehmen Pricewaterhouse-Coopers.
Solch optimistische Analysen stützen sich auch auf die Tatsache, daß die großen drei Anbieter Sony, Microsoft und Nintendo 2005 und 2006 zum großen Schlag ausholen. Alle drängen mit neuen Modellen auf den Markt. Das beflügelt das Geschäft: Ähnlich wie in der Automobilbranche warten die verspielten Kunden gerne, wenn sich eine Nachfolgeversion ankündigt - und im Konsolenbereich sind die Zyklen trotz der Rasanz des Computergeschäfts erstaunlich lang.
Die Konkurrenz gibt sich unbeeindruckt
Die noch immer aktuelle Playstation 2 bietet Sony seit dem Jahr 2000 an; inzwischen wurden mehr als 100 Millionen Stück verkauft. Microsofts 2001 eingeführte Xbox ging 24 Millionen Mal über die Ladentheken. Bislang waren also die Japaner unangefochtene Marktführer.
Ob die Fernost-Dominanz erhalten bleibt wie bisher, bezweifeln inzwischen manche Experten. Microsoft hat sich mit der neuen Xbox 360 einen erheblichen Startvorteil gesichert. Das Gerät ist seit vergangenem November erhältlich; auf die neue Playstation 3 und Nintendos Wii-Konsole müssen die Autorenn- und Kampfspielbegeisterten noch rund ein halbes Jahr warten. Bis dahin will die Windows-Firma bereits zehn Millionen Xbox-Exemplare verkauft haben, wie Bill Gates in Los Angeles stolz ankündigte.
Offiziell gibt sich die Konkurrenz unbeeindruckt. Als erster zur Tür draußen zu sein ist nicht annähernd so wichtig, wie der Beste zu sein, sagt der amerikanische Sony-Manager Jack Tretton. Selbst wenn er mit dieser These recht hat: Möglicherweise könnte dem Elektronikriesen auch das Streben nach Perfektion das Geschäft leicht verhageln.
Wer wird Sieger im Konsolen-Krieg?
In der neuesten Version der Playstation ist High-Tech satt eingebaut: ein neuer Prozessor, 35mal schneller als beim Vorgängergerät und eine erheblich bessere Grafik. Dazu kommt ein sogenannter Blu-Ray-Spieler. Blu Ray ist der Nachfolger der DVD; er bietet so viel Speicherplatz, daß sich auf diesen Discs auch die neuen hochauflösende Filme unterbringen lassen.
Die neuen Konsolen sind nicht nur Spiel-, sondern auch Multimediageräte. Solche Spitzentechnik hat ihren Preis. Die Playstation soll mit mindestens 499 Dollar zu Buche schlagen, Microsofts teuerste Xbox kostet 100 Dollar weniger. Für Jugendliche ist das ein Vermögen. Deshalb wollen die Anbieter die Alterszielgruppe nach hinten ausweiten. Tatsächlich sind heute auch Gamer jenseits der 40 keine Seltenheit mehr.
Wer im Konsolenkrieg letztlich als Sieger hervorgeht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das amerikanische Analyseunternehmen In-Stat glaubt, daß die neue Playstation an die bisherigen Sony-Marktanteile (rund 51 Prozent) anknüpfen kann. Andere sehen Microsoft in der Führungsposition.
Technischer Quantensprung
Wahrscheinlich dürfte Nintendo als ein lachender Dritter aus der Schlacht der beiden Branchenriesen hervorgehen. Die Nummer drei im Videospielmarkt verfolgt mit der Wii-Konsole ein einfacheres und billigeres Konzept.
Bemerkenswert daran ist, daß die Konsolensteuerung - sie sieht aus wie eine TV-Fernbedienung - über einen Sensor verfügt. In einer Tennissimulation läßt sich die Bedienung in einen virtuellen Schläger umfunktionieren. Im Fachchinesisch ist die Rede von einer bewegungssensitiven Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.
Ein Quantensprung, verglichen mit den ersten Tennissimulationen aus den achtziger Jahren. Wenn sich die Verkäufe künftig auch so rasant entwickeln, können die Unternehmen zufrieden sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.2006
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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