03. Juli 2007 Für Jonathan Schwartz liegen Welten zwischen seiner heutigen und seiner alten Aufgabe: Vor gut einem Jahr wurde er Vorstandsvorsitzender beim amerikanischen Computerkonzern Sun Microsystems Inc. und löste damals den langjährigen Amtsinhaber und Mitgründer Scott McNealy ab.
Obwohl Schwartz schon vorher als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft zuständig und damit gewissermaßen zweiter Mann bei Sun war, änderten sich die Dinge für ihn gewaltig: In dem Moment, in dem du zum Vorstandschef wirst, richten sich alle Blicke schlagartig auf dich. Jeder im Unternehmen schaut plötzlich zu dir auf und erwartet, dass du die Richtung vorgibst, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.
Das hat nach seinen Worten gute und schlechte Seiten. Meine Arbeit ist etwas einsamer geworden, gibt er zu. Andererseits empfinde er es als beflügelnd, zu wissen, dass nun das letzte Wort bei ihm liegt und er über alle Ressourcen im Unternehmen verfügen kann (siehe auch Jonathan Schwartz im Kurzporträt).
Auferstanden aus Ruinen
Es war ein Paukenschlag, als der Hersteller von Netzwerkrechnern (Server) vor einem Jahr die Ablösung McNealys und seinen Rückzug auf die Position des Verwaltungsratschefs (Chairman) ankündigte. Denn damit trat einer der bekanntesten und auch berüchtigtsten Manager in der Technologieszene in den Hintergrund. McNealy hat Sun in den neunziger Jahren maßgeblich zu einer Glanzadresse in der Computerbranche gemacht.
Daneben sorgte er regelmäßig mit beißenden Attacken auf Wettbewerber wie Microsoft und IBM für Schlagzeilen. Nach dem Platzen der Technologieblase stürzte Sun in eine schwere Krise. Das Unternehmen wies eine lange Serie von Verlusten aus, die auch beim Führungswechsel im vergangenen Jahr noch nicht beendet war. Heute macht Sun wieder Gewinne, ist aber von den ruhmreichen früheren Tagen noch immer weit entfernt (siehe auch Sun macht wieder Gewinn).
Sun war zu unflexibel, die Chips zu langsam
Jonathan Schwartz blickt heute selbstkritisch auf den Abstieg von Sun zurück. Das Unternehmen habe sich vom einstigen Erfolg blenden lassen. Die Fische sind von selbst in unser Boot gesprungen, sagt er und meint damit, dass Sun lange Zeit nicht um Aufträge kämpfen musste. Die Folge seien kurzsichtige Entscheidungen gewesen, die an den Kunden vorbeigingen. Sun war traditionell so etwas wie die Luxusklasse bei Servern.
Alles an den Rechnern war selbst entwickelt und entsprechend teuer, von den Computerchips bis zur Software. Die wichtigsten Wettbewerber IBM, Dell und Hewlett-Packard setzten dagegen zunehmend auf billigere Standardkomponenten, also Chips von Intel oder Advanced Micro Devices (AMD), und Betriebssysteme wie Windows von Microsoft oder das lizenzgebührenfreie Linux, das keinem bestimmten Unternehmen gehört, sondern von einer weltweiten Gemeinde von Softwarebegeisterten stammt und konstant weiterentwickelt wird.
Stures Festhalten an alten Rezepten
Sun hielt dagegen stur an seinen Komplettpaketen fest, es gab nur Rechner mit den eigenen Sparc-Chips und dem eigenen Betriebssystem Solaris. Als die Zeiten ungehemmter Investitionsfreude vorbei waren, verlor Sun gegenüber seinen billigeren Wettbewerbern an Boden.
Die unflexible Strategie rächte sich nach den Worten von Schwartz umso mehr, als die Chips von Sun zu Beginn des Jahrzehnts im Vergleich zur Konkurrenz zu langsam geworden waren. Die Sun-Rechner und die zugehörige Software gab es aber nur im Verbund mit den langsamen Chips. Daher wurden auch potentielle Kunden vergrault, die gern mit der Software von Sun gearbeitet hätten, diese aber nicht separat nutzen konnten.
Friedensangebot an Linux
Erst sehr spät, als die Verluste von Sun sich bereits türmten, fing Scott McNealy an, das Unternehmen zu öffnen, und ließ verstärkt Standardanwendungen auf seinen Servern zu. Diesen Prozess hat Schwartz seit seinem Amtsantritt beschleunigt. Er predigt nun die totale Flexibilität, jede Kombination von Sun-Produkten mit Komponenten anderer Hersteller soll möglich sein. Sun verkauft heute Server mit Chips von Intel und AMD, die Solaris-Software gibt es heute - ebenso wie Linux - umsonst, und sie kann auch mit Servern anderer Hersteller arbeiten.
Nach den Worten von Schwartz ist Solaris acht Millionen Mal heruntergeladen worden, seit es kostenlos zu haben ist, und 70 Prozent dieser Programme laufen auf Rechnern der Konkurrenz von IBM, HP und Dell. Schwartz verspricht, auch stärker als bisher auf die Linux-Gemeinde zuzugehen und ihr Programme zur Verfügung zu stellen. Hier gibt es aber noch viel Skepsis, ob es Sun damit wirklich ernst meint.
Einladung zum Dinner
Um die Vorbehalte zu zerstreuen, hat Schwartz kürzlich in seinem Internettagebuch (Blog) einen offenen Brief an Linux-Initiator Linus Torvalds verfasst und darin seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit unterstrichen (wir sollten die Schwerter niederlegen). Er lud Torvalds sogar persönlich zu sich nach Hause zum Essen ein (ich koche, du bringst den Wein).
Eine Antwort auf die Einladung steht aber noch aus, wie Schwartz zugibt. Was bedeutet es für das Geschäft von Sun, wenn bisherige Einnahmen wie Lizenzgebühren beim Verkauf von Software wegfallen? Sun kann noch immer Umsätze mit Dienstleistungen wie Beratung und Wartung erzielen, und das mit einer größeren Kundenbasis, die sich auch auf Nutzer von konkurrierenden Servern erstreckt.
Schwartz denkt aber noch viel weiter: Die Öffnung der Sun-Programme diene vor allem dazu, Softwareentwickler außerhalb des Unternehmens wieder für sich zu begeistern und sie dazu zu bringen, neue Anwendungen auf Basis von Sun-Produkten zu schaffen. Diese Entwickler sind nach den Worten von Schwartz eine einflussreiche Macht, denn sie entscheiden darüber, welche Programme relevant sind. Umsatz ist letztlich eine Funktion der Verbreitung bei Softwareentwicklern, sagt Schwartz. Das werde sich aber erst auf längere Sicht in Zahlen niederschlagen.
Youtube sorgt für rasante Nachfrage
Allgemein hat sich das Umfeld im Markt für Server nach den Worten des Sun-Chefs in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Gerade junge Internetdienste wie die Online-Gemeinden Youtube und Myspace sorgen für rasant steigende Nachfrage. Sie haben einen enormen Bedarf an Rechnerkapazitäten, um ihre aufwendigen Seiten zu betreiben.
Sun hat zuletzt zwei Quartale hintereinander mit Gewinn abgeschlossen. Das war ein großer Fortschritt, denn das Unternehmen hatte zuvor eine lange Serie an Verlustquartalen hingelegt. Zur Rückkehr in die Gewinnzone haben Kostensenkungen beigetragen, so hat Schwartz bald nach seinem Amtsantritt den Abbau von 5000 Arbeitsplätzen angekündigt. Trotzdem war das jüngste dritte Quartal des Geschäftsjahres 2006/2007 (30. Juni) auch eine Enttäuschung, denn Sun schaffte nur ein Umsatzwachstum von 3 Prozent und damit deutlich weniger als vom Markt erhofft.
Die Börse bleibt skeptisch
Schwartz sagt, dies habe allein mit einer allgemeinen Investitionszurückhaltung im amerikanischen Markt zu tun, die auch Wettbewerber treffe. Amerika steht bei Sun für mehr als 40 Prozent des Umsatzes. Ein dramatischer Aufschwung ist für das nun auslaufende Schlussquartal des Geschäftsjahres offenbar nicht zu erwarten. Wir sehen eine leichte Belebung, aber es gibt noch immer große Unsicherheit.
Die Wall Street steht Sun bisher noch skeptisch gegenüber: Der Aktienkurs kam vor dem Führungswechsel jahrelang kaum voran, nachher gab es ein Zwischenhoch, aber heute notiert das Papier nur noch wenig über dem Wert beim Amtsantritt von Schwartz. Die Wall Street spiegelt nicht das Potential wider, das wir sehen, sagt Schwartz.
Dafür hat Sun aber in diesem Jahr einen prominenten Investor aus der Finanzszene bekommen. Die Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) hat für 700 Millionen Dollar (umgerechnet 514 Millionen Euro) einen Minderheitsanteil gekauft. Schwartz sieht das vor allem als Bestätigung der eigenen Strategie.
Wir stehen jeden zum Verkauf
Spekulationen, wonach der Einstieg von KKR ein Hindernis für eine Übernahme durch ein anderes Unternehmen aufbauen sollte, weist Schwartz von sich: Wir sind ein börsennotiertes Unternehmen und stehen jeden Tag zum Verkauf. Daran ändert ein Aktionär mit einem kleinen Minderheitsanteil nichts.
Nach den Worten von Schwartz könne Sun vielmehr bei der eigenen Akquisitionsstrategie von dem finanzkräftigen Investor profitieren. Sun sei aktiv und aggressiver als noch vor einem Jahr auf der Suche nach Kaufobjekten, vor allem im Bereich lizenzgebührenfreier Programme. Dabei kämen auch Übernahmen im Volumen von mehreren Milliarden Dollar in Frage, sagt Schwartz. Sun verfügt selbst über liquide Mittel von fast 5,5 Milliarden Dollar (rund 4 Milliarden Euro).
Schwartz mag nicht die Konfrontation
Schwartz sieht sich im Vergleich zu seinem Vorgänger McNealy als ganz anderes Naturell. Ich bin wahrscheinlich etwas weniger ideologisch, sagt er. Während McNealy gern auf Konfrontationskurs mit seinen Wettbewerbern ging, setzt Schwartz auf Partnerschaften.
In seiner ersten Woche als Vorstandsvorsitzender habe er jeden einzelnen seiner Konkurrenten angesprochen und seine Offenheit zur Zusammenarbeit signalisiert. Es gibt so viel kämpferisches Gerede im Markt, meint Schwartz. Er selbst halte sich da lieber heraus, um es sich nicht mit möglichen Partnern zu verderben. Das heißt nicht, dass Schwartz weniger kämpferisch ist: Ich denke halt im Stillen.
Das Gespräch führte Roland Lindner.
Text: F.A.Z., 03.07.2007, Nr. 151 / Seite 14
Bildmaterial: AP, dpa
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