World of Warcraft

Die Neue Welt

Von Andreas Rosenfelder, Menethil

22. Januar 2007 Wenn Sie noch nie im Leben das Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ gespielt haben, hilft Ihnen vielleicht ein kleines Gedankenexperiment, den Trubel zu verstehen, den das Erscheinen der Spielerweiterung „The Burning Crusade“ am Dienstag erzeugte, die Schlangen vor den Elektronikmärkten und die Vorfreude der Fans.

Stellen Sie sich einfach für einen Moment folgende Situation vor: In Ihrer Karriere haben Sie alles durchprobiert - Fondsmanager, Gerüstbauer, Pianist. Auch an käuflichen Dingen haben Sie alles schon einmal besessen - Bauhausvilla, Kampfhund, Wasserbett. Und schließlich haben Sie sämtliche angeblich interessanten Orte auf diesem Globus bereist - sogar Miami und Mikronesien. Kurzum: Es gibt keinen triftigen Grund mehr, weiterzuleben.

Doch dann kündigt Gott plötzlich ein „Add-On“ zur Schöpfung an, ein Erweiterungspaket, das ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Es gibt neue Berufe, die bisher in keinem Stellenmarkt auftauchten. Die Erde wird um einen kompletten Kontinent ergänzt. Und außerdem können Sie künftig statt mit der Linienmaschine auch auf dem Rücken eines Flugdrachens nach New York jetten. Wahrscheinlich würden Sie dann am Erscheinungstag auch um Mitternacht vor dem Einzelhändler Ihres Vertrauens anstehen.

„Add-On“ wahrscheinlich schon zugelegt

Wenn Sie „World of Warcraft“ spielen, brauchen Sie solche Vergleiche natürlich nicht und haben sich das „Add-On“ wahrscheinlich schon zugelegt. Womöglich gehören Sie sogar zu den Meisterspielern, die in den wenigen Tagen seit dem Erscheinen am Mittwoch schon die wichtigsten Spielräume der Erweiterung ausgelotet haben und leicht enttäuscht sind, dass es so schnell ging.

Besonders das „Hochleveln“ der eigenen Spielfigur auf 70 Levels - bisher lag die Obergrenze bei 60 - ist offenbar leichter, als viele erwarteten. Der Level eines Charakters steigt mit der Erfahrung, die er beim Erkunden fremder Gebiete, im Kampf und bei der Bewältigung der „Quests“ gewinnt - so heißen die zahlreichen Aufgaben, die zum Alltag eines Heldenlebens gehören. Ein höherer Level erlaubt jeweils den Gebrauch neuer Waffen und Zaubersprüche. So kann erst ein Level-20-Spieler die Giftherstellung erlernen und erst ein Level-40-Kämpe ein Reittier kaufen.

Nun knackte schon, 28 Stunden nachdem „The Burning Crusade“ auf dem Markt war, ein französischer Spieler die neue Höchststufe von 70 Levels. Seine Spielfigur ist ein Gnom, gehört zur Klasse der Magier und heißt „Gawell“.

Tatkräftig ging ihm bei diesem europäischen Rekord seine Gilde „Millennium“ zur Hand. Gawell befasste sich nicht mit der Drecksarbeit und versetzte seinen Gegnern jeweils nur einen einzigen Hieb - jeweils den ersten, weil er dadurch die Punkte für die Erledigung des Gegners bekam. Den Rest erledigten dann seine Gildenfreunde, die ihn außerdem wie Sanitäter am Spielfeldrand immer wieder mit ihren Heilkräften aufpäppelten.

Mit dem Höchstlevel 70 kann der Zaubergnom nun zum Beispiel beim Schmied eine „runenverzierte Eterniumklinge“ erstehen.

Durchs Fantasy-Universum ging ein Ruck

Während die Medien in der vergangenen Woche gebannt auf die Elektronikmärkte blickten, ging durchs Fantasy-Universum namens Azeroth längst ein Ruck. Wie in den Fußgängerzonen der echten Welt kam es in den hinzugefügten Regionen der künstlichen Welt zu Massenaufläufen - was zum Teil dazu führte, dass die Server zusammenbrachen, auf denen die Physik des Universums gespeichert ist.

Heftiges Gedrängel gab es vor allem auf der Höllenfeuerhalbinsel, die zur Scherbenwelt gehört, einem verwüsteten Kontinent in Rottönen, wo Eber-Mutationen und Dämonen dem Durchreisenden auflauern. Anfänglich bestand die Karte von „World of Warcraft“ nur aus Kalimdor und den Östlichen Königreichen, doch mit dem „Add-On“ öffnet ein Portal seine Tore, das in die ehemals den Orks gehörende Scherbenwelt führt.

Im Februar 2005 wurde Azeroth besiedelt, mittlerweile bevölkern es acht Millionen Spieler aus der ganzen Welt, allein aus Deutschland kommen um die 680 000. Mit dem „Add-On“ wurde nicht nur neuer Lebensraum jenseits des „Dunklen Portals“ geschaffen. Die Lebenswissenschaftler von der Herstellerfirma „Blizzard Entertainment“ tüftelten im Labor auch zwei neue Völker aus, natürlich ganz ohne Gentechnik.

Durch Zauberkraft die Zunge binden

Mit den Blutelfen, die ihren Gegnern durch Zauberkraft die Zunge binden können, und den Dranei, die über starke Heilzauber verfügen, ist die phantastische Rassenkunde von „World of Warcraft“ um zwei Kapitel reicher. Außerdem gefährden die neuen Ethnien das geopolitische Gleichgewicht von Azeroth nicht: Die Dranei kämpfen auf der Seite der „Allianz“ zusammen mit Menschen, Nachtelfen, Zwergen und Gnomen. Auf der Gegenseite stoßen die Blutelfen zur verfeindeten „Horde“, zu der auch Orks, Tauren, Untote und Trolle zählen.

Schon seit der Erschaffung der Welt von „World of Warcraft“ schwelt zwischen „Allianz“ und „Horde“ ein Konflikt, den man in der Sprache der modernen Kriegstheorie wohl als „Low Intensity War“ bezeichnen würde: Es kommt an allen Ecken und Enden zu kleineren Scharmützeln und größeren „Raids“, also organisierten Überfällen. Aber es gibt, wie es sich für jedes „Massively Multiplayer Online Role Playing Game“ (MMORPG) gehört, keine abgeschlossene Handlung und somit auch kein absehbares Ende der Dauerstreitigkeiten.

Da man Kommandounternehmen, Raub- oder Feldzüge nur mit Verbündeten durchführen kann, dominierten über lange Zeit die Gilden das Geschehen in „World of Warcraft“ - also Zusammenschlüsse von Spielern, die sich meistens nach Feierabend zu mehrstündigen Operationen verabredeten und mal gegen das feindliche Lager, mal gegen vom Computer gesteuerte Monster wie die schwarze Drachendame Onyxia zu Felde zogen oder gegen Ossirian, den Narbenlosen.

Beliebte Form der Abendgestaltung

Die „Raids“ sind eine beliebte Form der Abendgestaltung, und der Sieg über die Ungeheuer wird in Azeroth mit ausdauernden Freudentänzen gefeiert, wobei die Charaktere lustig durch die Gegend hüpfen wie auf einer Wohnzimmerparty. Über bedeutsame Schlachten informiert ein Nachrichtensystem, das auf den Fanseiten gepflegt wird und das die Sprache der alten Heldensagen mit dem Jargon der Schlagzeilen paart: „Onyxia mit 3 Mann gelegt“ heißt es da, oder: „Loatheb erfolgreich mit 5 Mann geschlagen.“

Das Gildenwesen passt zu dieser Fantasy-Welt mit ihren ausgeprägten Handwerkskulturen von der Lederverarbeitung bis zur Schmiedekunst. Und es erinnert mit seinen oft strengen Regeln an die Handwerkerzünfte des Mittelalters. Abhängig von der Rassenzugehörigkeit stehen bestimmte Karrieren offen: Trolle können die Profession des Jägers ergreifen, nicht aber die des Hexenmeisters, Menschen hingegen können zwar Priester werden, nicht aber Schamanen. Darüber hinaus bietet „World of Warcraft“ ein System beruflicher Spezialisierung und Weiterbildung, das jede Handwerkskammer und erst recht jedes Arbeitsamt in den Schatten stellt.

So besteht eine der Neuerungen von „The Burning Crusade“ darin, dass sich Alchemisten künftig zum Tränkemeister fortbilden können, wenn sie den Königslevel 70 erreicht haben und in den Zangarmarschen die Aufgabe „Master of Potions“ in der Zuflucht des Cenarius gelöst haben.

Zusatzqualifikation im Schattenweben

Als Schneidermeister kann man sich von jetzt an eine Zusatzqualifikation im Schattenweben erwerben, wenn man die Ausbilder an ihren entlegenen Adressen auf der Höllenfeuerhalbinsel aufsucht. Natürlich gibt es den Meistertitel nach wie vor auch als Koch, Kräutersammler oder Kürschner. Gilden achten oft genau darauf, dass sich die Berufe der Spieler gut ergänzen - und zum Beispiel ein Bergmann den Schmied mit Rohstoffen beliefert.

Doch die Macher von „World of Warcraft“ haben längst erkannt, dass die eingefleischten Gildenspieler, die das Außenbild der Online-Rollenspiele lange Zeit geprägt haben, als Zielgruppe nicht genügen. Wer hat schon Zeit oder auch nur Lust, regelmäßig ganze Abende oder Samstage freizuschaufeln, um zum verabredeten Zeitpunkt im Spinnenflügel von Naxxramas zur Stelle zu sein und im Verbund die Großwitwe Faerlina zur Strecke zu bringen?

Zwar ist „World of Warcraft“, anders als „Second Life“, keine Zweitausgabe der urbanen Gegenwart, die sich an Individualisten und Hedonisten richtet. Wer nach Azeroth geht, sucht eine nebelverhangene Vergangenheit mit starken Mythen und verbindlichen Regeln, die an das Tolkiensche Fantasy-Land „Mittelerde“ erinnern, wo „Der Herr der Ringe“ spielt.

Trotzdem zielt die Erweiterung „Burning Crusade“ nicht in erster Linie auf Hardcore-Gamer mit riesigem Zeithaushalt, wie „Blizzard“-

Geschäftsführer Paul Sams im August auf der Leipziger Games Convention im Gespräch mit dieser Zeitung ausführte, sondern ebenso auf Gelegenheitsspieler.

„Einsame Wölfe“ anlocken

Die neuen Rassen sollen auch „einsame Wölfe“ anlocken, die keine Lust auf aufwendige Verabredungen und auf die permanente Abstimmung mit Mitstreitern haben. Und auch für ein Publikum, das sonst vielleicht lieber „Nintendogs“ streichelt oder Wohnungen in den „Sims“ einrichtet, bietet „Burning Crusade“ in der Sonderedition eine Attraktion: die Netherdrachenwelpen, die ihre Besitzer als Haustiere begleiten, ansonsten aber keine Funktion haben.

Ausgerechnet bei diesem Extra unterlief den Herstellern ein „unvorhergesehener Produktionsfehler“, wie es auf der Blizzard-Internetseite heißt. Die nutzlosen Begleiter lassen sich nicht einfach online aktivieren. Spieler müssen das Begleitheft ihrer teuer erworbenen „Collectors Edition“ zerschneiden und den Strichcode per Post nach Frankreich schicken.

Das größte Risiko besteht für Kriegskünstler darin, das neue Höchstlevel 70 so schnell zu erreichen, dass die Wartezeit auf die nächste Horizont-Erweiterung zu lange gerät.

Wie sich das „Hochleveln“ in die Länge ziehen lässt, führte die amerikanische Zeichentrick-Fernsehserie „South Park“ in ihrer Folge „Make Love, Not Warcraft“ vor, die unter Gamern längst Kultstatus genießt. Darin erreichen der dicke Cartman und seine Kumpels das Höchstlevel, indem sie im Elwynn Forst bei den Westfällen in siebenwöchiger Fleißarbeit insgesamt 65 340 285 Eber erlegen - anstatt auf herkömmlichem Weg einfach ein paar anspruchsvolle Großgegner zu stürzen. Aber es gibt durchaus schöneren Zeitvertreib in Azeroth.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 8
Bildmaterial: Blizzard Entertainment

Was erwartet den Spieler in dieser Burg? Ein Troll unterwegs im Geisterland Geboren aus dem Licht: Naaru Ein Gruftwandler in Ghostlands Schöne neue Völker in der Burning Crusade Ganz schön scharf, dieser Anblick - des Schwertes Säbelzahnartige Wesen schleichen durch die virtuelle Welt Sieht ein bisschen aus, als wären die Schlümpfe in der Zukunft angekommen Ein neues Volk: Draenei Und noch ein neues Volk: Blutelfen Blitzschnelle Duelle