30. November 2005 Millionen deutscher Fernsehzuschauer können Programme wie RTL, Sat.1 und Pro Sieben möglicherweise bald nur noch gegen eine Gebühr empfangen. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus Verhandlungskreisen verhandeln die beiden führenden deutschen Privatfernsehgruppen RTL und Pro Sieben Sat.1 seit mehreren Monaten mit dem Satellitenbetreiber SES Astra über eine Verschlüsselung ihrer Programme im digitalen Satellitenfernsehen.
Werden die Pläne umgesetzt, benötigen Fernsehhaushalte zur Entschlüsselung der Programme an ihrem Satellitenempfangsgerät (Receiver) ein Zusatzmodul (Conditional Access), das sie freischaltet. Im Gespräch ist dafür eine monatliche Gebühr, die bei etwa 3 Euro liegen soll. RTL und Pro Sieben Sat.1 kontrollieren zusammen fast das gesamte deutsche Privatfernsehangebot. SES Astra beherrscht den europäischen Markt für Satellitenübertragungen.
Haushalte bräuchten neue Receiver
Ende 2004 hatten rund 4,5 Millionen deutsche Haushalte digitales Satellitenfernsehen. Neuere Marktzahlen liegen nicht vor, doch wuchs die Zahl der digitalen Satellitenempfänger in den vergangenen Jahren stark. Ein Teil der Zuschauer hat aber nur einfache Receiver, die keine Programmentschlüsselung erlauben. Diese Haushalte müßten sich deshalb neue Geräte zulegen, die mit einer offenen Schnittstelle (Common Interface) für das Entschlüsselungsmdodul ausgestattet sind.
Bisher soll es noch keine bindende Vereinbarung zwischen den Sendern und SES Astra geben. Doch sind die Verhandlungen offenbar in einem fortgeschrittenen Stadium: Die Ankündigung der Pläne ist demnächst denkbar, die Einführung ist für 2007 realistisch, heißt es in Verhandlungskreisen. Beobachter vermuten, daß die Partner die Entscheidung des Bundeskartellamtes zur umstrittenen Übernahme von Pro Sieben Sat.1 durch den Axel Springer Verlag abwarten wollen. Die Verschlüsselungspläne könnten die Skepsis der Wettbewerbshüter gegenüber dem Geschäft weiter verstärken.
Zukunftsdenken kann das Free-TV kosten
Die Fernsehsender und SES Astra hielten sich am Dienstag auf Anfrage weitgehend bedeckt. Der Satellitenbetreiber lehnte eine Stellungnahme ab. Ein RTL-Sprecher sagte lediglich, die Sendergruppe prüfe viele Optionen. Eine Sprecherin von Pro Sieben Sat.1 sagte, das Thema stehe derzeit nicht auf der Tagesordnung. Das Thema ist schon länger erledigt, sagte Pro-Sieben-Sat.1-Chef Guillaume de Posch dann am Mittwoch der dpa in München. Von 2004 bis Anfang dieses Jahres sei das Thema zwar im Unternehmen diskutiert worden. Wir haben aber bereits vor Monaten die Entscheidung getroffen, das Projekt nicht durchzuführen, sagte de Posch.
Angeblich drängen Programmlieferanten immer stärker darauf, daß ihre Inhalte nur noch in scharf abgegrenzten Gebieten empfangen werden können. Ohne Verschlüsselung ist dies bei der Satellitenausstrahlung nicht möglich.
Die Verschlüsselung bisher frei empfangbarer Fernsehprogramme wäre ein Wendepunkt im deutschen Fernsehen. Bislang finanzieren sich RTL und Pro Sieben Sat.1 vor allem über Werbeeinnahmen, doch sind diese in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Schon seit längerem suchen die Sendergruppen deshalb nach neuen Einnahmemöglichkeiten. Es muß eine technische Infrastruktur geschaffen werden, die auch in Zukunft eine Refinanzierung der Programme erlaubt, heißt es. Zusätzliche Programmangebote im digitalen Fernsehen könnten nicht mehr allein über Werbung finanziert werden. Der Einstieg ins Bezahlfernsehen sei deshalb notwendig.
Kein gemeinsames Unternehmen
In Verhandlungskreisen heißt es, die jetzt vorgesehene Gebühr sei zur Finanzierung der für die Verschlüsselung nötigen Technik vorgesehen. Auch mit den Betreibern der deutschen Fernsehkabelnetze verhandeln die Sender schon seit längerem über die Spielregeln im digitalen Fernsehen. Aus kartellrechtlichen Gründen wollen RTL, Pro Sieben Sat.1 offenbar kein gemeinsames Unternehmen für die Digitalverschlüsselung gründen. Voranfragen der Sender beim Kartellamt und bei der EU-Kommission waren auf Bedenken der Wettbewerbsbehörden gestoßen.
Statt dessen wird nun erwogen, daß SES Astra eine neutrale, allen Anbietern offenstehende technische Plattform für die Verschlüsselung im Auftrag der Sender betreibt. Die Voraussetzungen dafür bietet der Satellitenbetreiber: SES Astra hat im vergangenen Jahr bereits das digitale Sendezentrum des Münchner Bezahlsenders Premiere übernommen, das eine Verschlüsselung ermöglicht.
Text: theu./F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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