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Windows ist in die Jahre gekommen

Von Roland Lindner, New York

Kaufen oder nicht kaufen? Ein Massenansturm ist nicht zu erwarten

Kaufen oder nicht kaufen? Ein Massenansturm ist nicht zu erwarten

29. Januar 2007 Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, aber es gab einmal Zeiten, da war das Betriebssystem Windows von Microsoft für Massenhysterien gut. Es war im Spätsommer 1995, als die Version „Windows 95“ mit großem Getöse auf den Markt kam. Das New Yorker Empire State Building wurde in den Farben des Windows-Logos angestrahlt. Computerhändler in ganz Amerika öffneten ihre Geschäfte zum Verkaufsstart um Mitternacht. Vor den Läden bildeten sich lange Schlangen, und die Verbraucher rissen sich geradezu um die bunten Packungen mit den Windows-Programmen. Solche Szenen spielen sich heute ab, wenn ein neuer Band aus der Harry-Potter-Buchreihe auf den Markt kommt oder - erst vor ein paar Wochen - eine Erweiterung des Videospiel-Phänomens „World of Warcraft“.

Wenn am Dienstag der Startschuss für den Verkauf von „Windows Vista“ an Privatkunden fällt, ist dagegen eher nicht mit Tumulten zu rechnen. Dabei wird sich Microsoft alle Mühe geben, die Neuerscheinung zum Großereignis hochzujubeln. Chairman Bill Gates und Vorstandsvorsitzender Steve Ballmer kommen am Nachmittag vorher für eine große Party an den New Yorker Times Square. Der Einzelhandel spielt zumindest zum Teil mit: Der Computerhändler CompUSA wird alle seine 230 Läden in Amerika um Mitternacht geöffnet halten, die größeren Elektronikketten wie Best Buy machen dies in einer kleinen Anzahl von Geschäften. Die Händler versuchen, die Verbraucher mit Sonderpreisen für neue Computer mit Windows Vista in die Läden zu locken oder mit Angeboten für die Installation von Vista auf alte Rechner.

Kein Massenansturm erwartet

Mit einem Massenansturm rechnen Beobachter dennoch erst einmal nicht. Bei „Windows 95“ war die Ausgangslage ganz anders: Damals wuchs der Computermarkt explosionsartig. Die Verbreitung von Computern in Privathaushalten war noch am Anfang und stieg rasant an, es waren die frühen Tage von Internet und E-Mail. Heute dagegen ist der Markt gesättigt. Schon der Start der bislang letzten Windows-Version „XP“ im Jahr 2001 war um einiges unspektakulärer.

Viel Zeit ist vergangen für die Neuauflage von Windows, dem mit Abstand wichtigsten Produkt von Microsoft. Zusammen mit der Bürosoftware Office, die am Dienstag ebenfalls in einer neuen Version kommt, steht Windows für weit mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes von Microsoft und trägt einen noch größeren Anteil zum Gewinn bei. Mehr als 90 Prozent aller Personal Computer auf der ganzen Welt laufen mit Windows.

Vista war von einer ganzen Serie von Verzögerungen geplagt. Ursprünglich sollte das Programm schon im Jahr 2004 erscheinen, dem üblichen Rhythmus von rund drei Jahren bei Windows-Neuauflagen. Microsoft hatte aber mit Sicherheitsproblemen in alten Windows-Versionen zu kämpfen, weil das Programm immer öfter zur Zielscheibe von Computerviren wurde. Um weitere Verzögerungen zu vermeiden, machte Microsoft Abstriche bei der Ausstattung von Vista und verzichtete zum Beispiel auf ein geplantes Ablage- und Suchsystem. Im November kamen Windows Vista und Office 2007 für Unternehmenskunden auf den Markt, nun sind die Endverbraucher an der Reihe.

Das Revier von Windows

Seit dem Start der letzten Windows-Version haben sich die Computerwelt und das Nutzerverhalten erheblich gewandelt - und die Frage nach dem Platz von Windows in diesem Umfeld aufgeworfen. Das Revier von Windows und seinen vielen Komponenten ist der standortgebundene Computer und dessen Festplatte. Verbraucher verlagern ihre Aktivitäten aber zunehmend ins Internet, zum Beispiel über netzbasierte E-Mail-Dienste oder Online-Fotoverwaltungsseiten.

Das Internet wird auch zunehmend zum Vertrieb von Software genutzt, im Gegensatz zum traditionellen Microsoft-Modell, Programme auf Datenträgern oder vorinstalliert auf dem Computer zu verkaufen. Die Internetgesellschaft Google zum Beispiel bietet ihre vielen Programme über das Netz an. Dabei hat Google auch immer mehr Angebote, die traditionell eine Domäne von Microsoft sind, zum Beispiel Programme für Textverarbeitung und Tabellenkalkulation. Microsoft hat selbst zuletzt verstärkt internetbasierte Programme auf den Markt gebracht.

Vista wird wohl massiver Umsatzträger

Trotz dieser Entwicklungen wird Vista für Microsoft zu einem massiven Umsatzträger werden, allein schon weil das Betriebssystem zur Ausstattung vieler neu gekaufter Computer gehören wird. Sowohl Privat- als auch Unternehmenskunden werden sich aber die Frage stellen, ob der Nutzen von Vista gegenüber XP groß genug ist, um aufzurüsten oder einen neuen Rechner zu kaufen. Insofern ist das Windows-Vorgängermodell XP zunächst einmal einer der größten Konkurrenten von Vista. Viele Unternehmen werden womöglich erst dann auf Vista umsatteln, wenn sie ohnehin alte Rechner ersetzen. Das Marktforschungsinstitut Gartner erwartet, dass Vista im laufenden Jahr weltweit einen Anteil von 12,3 Prozent am Markt für Betriebssysteme erlangen wird. Erst im Jahr 2009 werde Vista XP als marktführendes Betriebssystem ablösen.

Microsoft hat derweil in den vergangenen Jahren verstärkt Geschäftsfelder jenseits seiner etablierten Produktfamilien aufgebaut. Ein Beispiel ist die Videospielekonsole Xbox, deren zweite Generation vor gut einem Jahr auf den Markt kam. Nach dem am Donnerstag veröffentlichten Quartalsbericht trug die Konzernsparte, unter der die Xbox und zugehörige Spiele angesiedelt sind, in den vergangenen drei Monaten 23 Prozent zum Gesamtumsatz von 12,5 Milliarden Dollar bei. Vor einem Jahr waren es noch 14 Prozent. Die Sparte weist aber Verluste aus. Im vergangenen Herbst hat Microsoft außerdem einen digitalen Musikspieler mit dem Namen Zune auf den Markt gebracht, um damit dem populären iPod von Apple Konkurrenz zu machen. Der Zune ist aber bislang kein Verkaufsschlager.

Text: F.A.Z., 29.01.2007, Nr. 24 / Seite 16
Bildmaterial: AFP

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