07. August 2005 Wieder war sie nicht dabei. Wie so oft hat Friede Springer zu Hause gewartet auf einen Anruf, der sie über den Ausgang der Verhandlungen ihrer Manager in Kenntnis setzt. Am Freitag morgen war es soweit. Die Verträge mit Haim Saban, dem amerikanisch-israelischen Milliardär, und seiner Investorengruppe, denen die Privatsenderkette ProSiebenSat.1 gehört, seien unterzeichnet, ließ sie der Vorstandsvorsitzende von Springer, Mathias Döpfner, wissen.
Wenn also alles gutgeht und die Kartellbehörden keinen Einspruch erheben, wird die Senderkette ProSiebenSat.1 Teil des Springerkonzerns werden. Wie so oft war sie nervös und angespannt, ob die Dinge sich in ihrem Sinne wenden lassen. Aufgeregtes Warten - das kennt sie seit Jahrzehnten. Es geht ihr immer so, wenn sie etwas wirklich will.
Springer wollte zweites Geschäftsfeld
Sie wollte die Mehrheit an ProSiebenSat.1. Unbedingt. Sie hatte sich vor Monaten von Döpfner überzeugen lassen, daß der Zeitungs- und Zeitschriftenkonzern Axel Springer, in dem sie mit einer durchgerechneten Stimmenmehrheit von mehr als 55 Prozent allein das Sagen hat, in einer zunehmend digitalisierten Welt ein zweites Geschäftsfeld braucht.
Daß schon andere diese Vision verfolgten, daß ihr Mann, der Verlagsgründer Axel Springer, schon zu Beginn des Fernsehzeitalters eine Kombination von gedruckten und bewegten Bildern vor Augen hatte, daß auch ihr größter Widersacher und Angstgegner Leo Kirch von dieser Konstellation fasziniert war, ist für sie längst Vergangenheit. Eine Randnotiz. Es spielte in ihrer Entscheidung, ihrem engen Vertrauten Döpfner für sein gewagtes Vorhaben ihre Zustimmung zu geben, keine Rolle.
Macht und Einfluß sind kein Ziel
Friede Springer denkt nur an das, was kommt. Das hat sie immer getan und sich so oft gefragt, wie es wohl weitergeht mit Springers Lebenswerk, das längst zu ihrem geworden ist. Die Übernahme der Privatsender kommt zur rechten Zeit. Ich denke nur an die Sicherung der Zukunft des Verlagshauses meines Mannes, sagt sie dieser Zeitung. Und dafür brauchen wir ein zweites Standbein.
Macht und Einfluß auf die Meinungsbildung in Deutschland über auflagenstarke Blätter und bald auch noch über das Fernsehen - das ist kein Antrieb für Friede Springer und erst recht kein Ziel. Eine letzte, endgültige Demütigung des an ihr gescheiterten Medienunternehmers Leo Kirch - nein, denn Kirch, das war einmal, die Zeiten sind vorbei. Missionarischer Eifer ist ihre Sache nicht, sie denkt nicht daran, mischt sich nicht ein. Nicht in die Arbeit der Redaktionen und schon gar nicht in die Politik. Ihre konservative Weltsicht hat sie von Axel Springer übernommen und verinnerlicht. Im Grunde aber ist sie unpolitisch.
Geldverdienen vor Sendungsbewußtsein
Beim Konzernchef Mathias Döpfner, ihrem Vertrauten, den die Verlegerwitwe gegen heftige Widerstände 2002 zum Vorstandsvorsitzenden machte, ist das anders. Er hat das Sendungsbewußtsein, das Friede Springer abgeht. Als konservativ-liberal könnte man ihn bezeichnen, als jemanden, dem sehr am Herzen liegt, daß eine Gesellschaft Werte hat. Die Vorstellung, nach erfolgreicher Integration der privaten Sender in den Konzern den Wertekatalog des Konzerns und damit seinen eigenen in gedruckten Worten und bewegten Bildern massenwirksam zu transportieren, muß ihm gefallen. Um das parteipolitische Kleinklein geht es ihm dabei nicht.
Doch lange vor dem Sendungsbewußtsein kommt das Geldverdienen. Das weiß auch Döpfner. Ertragskraft und ein steigender Aktienkurs - daran wird er gemessen, nicht daran, ob er in Deutschland Meinung machen kann. Und dafür muß auch Döpfner auf die Zukunft der weltweiten Medienmärkte schauen und sich die Frage stellen, ob ein Medienkonzern, der sich auf Zeitungen und Zeitschriften konzentriert, langfristig ertragsstark bleiben kann.
Übernimmt sich der Konzern?
Döpfner hat sich für die große Lösung entschieden, die - sollte sie genehmigt werden - den Verlag bis zu 4,16 Milliarden Euro kosten kann. Einen Großteil davon wird er über Kredite finanzieren, die die Verschuldung des Konzerns in schwindelerregende Höhen treiben werden. Eine Kapitalerhöhung braucht er auch, die allerdings erst später.
Mehr als viereinhalbmal so hoch wie der gemeinsame Gewinn von Springer und ProSiebenSat.1 vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen wird die Verschuldung des neuen Mediengiganten sein. Ein Unterfangen also, daß nur dann gelingen kann, wenn Springer und ProSiebenSat.1, die noch vor drei Jahren beide durch tiefe Krisen gingen, erfolgreich bleiben und künftig gemeinsam noch mehr Erträge erwirtschaften. Ob sich der Konzern mit der kostspieligen Übernahme von ProSiebenSat.1 übernehmen wird? Zumindest Haim Saban und die amerikanische Investorengruppe Hellmann&Friedman, die derzeit fast ein Fünftel an Springer halten, glauben an die Vision des Konzernchefs und wollen bei einer notwendigen Kapitalerhöhung mitziehen. Immerhin ein Indiz - mehr noch nicht.
Sparsam und risikoscheu
Und Friede Springer? Sie hat gelernt, daß mit den Chancen auch die Risiken steigen. Schon früher, als sie noch dabei war, Verlagsanteile zurückzukaufen, hat manch einer ihrer Kritiker gespottet, sie habe viel zuviel bezahlt. Im Grunde ihres Herzens sparsam und risikoscheu, hat sie sich dennoch davon nicht beirren lassen. Risiken ist sie viele eingegangen. Die Übernahme von ProSiebenSat.1 wird nicht das letzte sein.
Vom wirtschaftlichen Erfolg der geplanten Übernahme ist sie, die Mehrheitsaktionärin, abhängig. Denn noch immer ist sie durch den Zukauf des letzten großen Aktienpakets von mehr als 10 Prozent vor knapp drei Jahren hoch verschuldet. Döpfner muß Geld verdienen, sonst kann sie auf Dauer ihre Schulden nicht bedienen und langfristig die Mehrheit am Konzern nicht halten. Bisher hat er die Hoffnungen, die sie in den anfänglich betriebswirtschaftlich unerfahrenen Musikwissenschaftler setzte, nicht enttäuscht. Im Gegenteil - seine unternehmerische Kreativität und sein Verhandlungsgeschick verblüffen sein Publikum. Und dieses Mal auch Friede Springer.
Personalpolitik ist ihr Feld
Sie hat immer daran geglaubt, daß er das schaffen kann, woran seine Vorgänger, die sie selbst berufen und entlassen hat, gescheitert sind. Sie hat ihm voll vertraut und läßt ihn auch jetzt gewähren. Sie schenkt Vertrauen, mischt sich nicht ein. Doch ihr Vertrauen ist nicht für die Ewigkeit. Es währt nur so lange, wie sich Erfolge zeigen. Das weiß auch Döpfner.
Weder den Wertetransport über Inhalte noch die Entwicklung eines dauerhaft ertragreichen Geschäftsmodells für den Konzern sieht sie als ihre Aufgabe. Sie könnte es gar nicht. Ihr fehlte schlicht die Expertise. Und das weiß sie. Die Personalpolitik dagegen ist ihr Feld. Vorstand und Aufsichtsrat sind so besetzt, wie sie es wollte. Mit Giuseppe Vita, Michael Otto, Gerhard Cromme und Leonhard Fischer hat sie vier erfolgreiche Manager in das Kontrollgremium an ihre Seite geholt, dem sie selbst seit Jahren stellvertretend vorsitzt. Bei der Besetzung des Vorstandes hat sie dem Konzernchef freie Hand gelassen. Er sollte sich die Kollegen wählen, auf die er würde bauen können. Die wiederum sind aufgrund seiner Nähe zur Verlegerin ihm vollkommen ergeben und ziehen - zum ersten Mal in der Verlagsgeschichte - an einem Strang.
Mehr Zukunft als je zuvor
Vorbei sind die Zeiten, in denen absurde Grabenkriege um Macht und Einfluß an der Konzernspitze die Aktiengesellschaft lähmten, wirtschaftlichen Erfolg verhinderten und die Öffentlichkeit unterhielten. In ihren Personalentscheidungen sieht sie sich längst bestätigt. Hier muß sie als Mehrheitsaktionärin letztlich allein entscheiden, und sie will es auch. Die Mehrheit am Verlagshaus, die sie sich über Jahrzehnte mühsam erkämpft hat, wird sie sich nie mehr nehmen lassen.
Ich hänge an dem Haus. Es ist mein Leben, sagt sie. Es könnte gar nicht anders sein, denn ein anderes Leben hat die Verlegerin nicht. Wieder sind die über Monate zähen Verhandlungen mit Haim Saban in ihrem Sinne gelaufen. Das Warten hat sich für sie vorerst gelohnt. Die Aufregung auch. Der Verlag hat ihrer Meinung nach jetzt mehr Zukunft als vorher. Sie ist zufrieden.
Von F.A.S.-Redakteurin Inge Kloepfer ist im Februar 2005 erschienen: Friede Springer - die Biographie.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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