03. September 2007 Neue Töne aus Helsinki: Nokia, wiedererstarkter Primus unter den Handyherstellern, wird ein "internetgetriebenes Erlebnisunternehmen". Dem Vorstandsvorsitzenden Olli-Pekka Kallasvuo ging die Beschreibung der neuen Marschrichtung während der Präsentation in London noch etwas zäh über die Lippen. Dafür fühlte er sich beim Namen des zugehörigen Internetproduktes wieder heimisch: "Ovi", das finnische Wort für Tür, nennt sich das Internetportal von Nokia. "Ovi ist die Vision von Nokia, um Internet und Mobilität zu verbinden", sagte Kallasvuo.
Nur Geräte herzustellen ist nicht mehr genug
Ovi wird eine Mischung aus Musikladen, Spieleseite und Web-2.0-Angebot, ergänzt um Navigation. Künftig sollen die Menschen dort also nicht nur Musikstücke kaufen und Spiele herunterladen, sondern auch Foto- und Video-Communitys aufbauen und durch die Welt navigieren. "Nur Geräte herzustellen ist nicht mehr genug", begründete Kallusvuo den Strategiewechsel, obwohl Nokia nach einer Schwächephase wieder unangefochten an der Spitze der Handyhersteller steht.
Nokia möchte mit Ovi in Märkte eindringen, die andere eigentlich gerne besetzen möchten: Apple hat mit seinem iTunes Store den Maßstab unter den Online-Musikläden gesetzt, während die Handynetzbetreiber wie Vodafone oder T-Mobile ihre Kunden gerne zum Musikkauf in ihren eigenen Läden halten wollen. "Manche Netzbetreiber werden unsere Pläne nicht mögen", sagte daher Nokias Multimedia-Chef Anssi Vanjoki. Er plant eine Kopie des Apple-Modells: Aus dem Internet geladene Musikstücke können nur auf Nokia-Handys oder auf dem Personal Computer gehört werden, um die Kundenbindung zu erhöhen. "900 Millionen Menschen nutzen ein Nokia-Handy. Dieses Potential wollen wir nutzen", sagte Kallasvuo.
Nokia und das Web 2.0
Allerdings ist das Vorhaben ambitioniert, denn Sony hat gerade das Ende seines Musikdienstes Connect nach nur zwei Jahren verkündet. Die Musikstücke konnten ausschließlich auf Sony-Geräten gehört werden und waren überdies in einem ungewöhnlichen Format, das die Nutzer nicht akzeptiert haben.
Nokia setzt auch auf den großen Trend im Internet, das Web 2.0. Zwar gibt es dort schon genug Foto- und Video-Communitiys wie Flickr oder Youtube. Allerdings haben die hohen Datentarife der Netzbetreiber bisher verhindert, dass Fotos oder Videos, die eigentlich mit modernen Mobiltelefonen schnell produziert sind, in großem Stil direkt ins Internet gestellt werden. So wie die Multimedia-Nachricht (MMS) zum Flop wurde, kranken auch mobile Foto- und Videogemeinschaften an der lange Zeit restriktiven Preispolitik der Netzbetreiber. Nun lockern die Anbieter die Preisschraube zwar, aber das Stigma "Mit dem Handy ins Internet ist teuer" wird die gesamte Branche so bald nicht loswerden. Dieser Markt steht Nokia noch weit offen.
N-Gage: Auferstanden von den Toten
Das dritte Wachstumsfeld, das Nokia gerne besetzen möchte, sind die Spiele. Dafür belebt Nokia eine alte Marke wieder, obwohl diese für einen doppelten Flop steht: N-Gage hieß der Versuch der Finnen, ein eigenes Spielehandy am Markt zu etablieren. Trotz der schnellen Überarbeitung des ersten N-Gage-Gerätes hatte Nokia kein Glück mit der Produktlinie. Nun soll die Marke nicht mehr für ein Gerät, sondern für eine Spieleplattform genutzt werden. Dort können Handyspiele von Electronic Arts oder Gameloft heruntergeladen werden.
Konkurrent Sony-Ericsson ist allerdings auch auf die Idee gekommen, dass Spiele ein attraktiver Markt sind. "Spiele sind im Moment der am meisten ausgereifte Inhalt auf Mobiltelefonen", sagte Peter Ahnegard, zuständig für die Handyspiele-Sparte bei Sony Ericsson. Die Leistung der neuen Smartphones W960i und das P1 seien auf dem Niveau der Sony Playstation Portable. Die Einführung eines Playstation-Handys stehe definitiv auf dem Plan, sagte Ahnegard.
Text: ht./F.A.Z., 03.09.2007, Nr. 204 / Seite 19
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller, Nokia, Peter Thomas
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