26. November 2007 Die Breitbandlücke kann schnell zur privaten Vermögenslücke werden. In Gemeinden ohne Anbindung an das schnelle Internet sind Grundstücke und Häuser in aller Regel nur mit hohen Abschlägen zu verkaufen - wenn sich überhaupt noch ein Interessent findet, beschreibt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB), das Dilemma in vielen Dörfern und Kleinstädten. Meistens sind es Handwerksbetriebe, die sich bei ihm über die mangelnde Breitbandversorgung ihrer Gemeinde beklagen. Selbst kleine Schreinereien überlegen sich inzwischen, ihren Betrieb zu verlegen, weil sie auf einen schnellen Internetzugang angewiesen sind, sagte er der F.A.Z.
Der DStGB und der Deutsche Landkreistag (DLT) sehen in der Breitbandversorgung eine gesamtstaatliche Aufgabe der Daseinsvorsorge. Für die vom Grundgesetz geforderte Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen spiele der Zugang zur Datenautobahn eine ebenso große Rolle wie die Verkehrsanbindung oder das Schulangebot. Breitband ist als Standortfaktor von größter Bedeutung, gerade in den Gebieten, die mit Landflucht zu kämpfen haben, so DLT-Hauptgeschäftsführer Hans-Günter Henneke. Als letztes Mittel könnten deshalb auch staatliche Hilfen notwendig werden, wenn sich der Anschluss an das Internet wirtschaftlich überhaupt nicht rechne, argumentieren Landkreistag und DStGB. Die Europäische Union hat ihre Fördertöpfe schon für diesen Zweck geöffnet. In Deutschland ist ein von Verbraucherminister Horst Seehofer aufgelegtes Programm in der Startphase. Mit gemeinsam von Bund und Ländern finanzierten 16,6 Millionen Euro sollen Pilotprojekte angeschoben werden.
Mühsame Kleinarbeit
Auch Landkreistag und DStGB vertrauen nicht mehr allein auf den Markt. Zusammen mit dem Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), einem Zusammenschluss von Konkurrenten der Deutschen Telekom, haben sie eine Breitbandoffensive ins Leben gerufen. Das Vorhaben, das auch vom Bundeswirtschaftsministerium und der Bundesnetzagentur unterstützt wird, besteht vor allem aus mühsamer Kleinarbeit. Hauptziel ist es, eine verlässliche, kleinräumliche Datengrundlage für Kommunen und Unternehmen zu schaffen und daraus möglichst effektive technische Lösungen für die Internet-Anbindung zu entwickeln. Wir müssen Angebot und Nachfrage passgenauer zusammenbringen, meinte Henneke. Den Anfang macht eine Bestandsaufnahme der digitalen Wüste.
Die ist weitaus größer, als es der vom Wirtschaftsministerium veröffentlichte Breitbandatlas vermuten lässt. Er weist rund 1400 Gemeinden mit etwa einer Million Haushalten ohne Breitbandanschluss aus. Dabei allerdings wird bereits eine Übertragungsgeschwindigkeit von 128 Kilobit in der Sekunde als breitbandig definiert. Mit diesem Standard könne auch der Schreinerbetrieb, der sich Zeichnungen oder Entwürfe in hochauflösender Grafik auf seinen Rechner laden wolle, nicht mehr viel anfangen, meint Landsberg.
Die drei an dem Projekt beteiligten Organisationen ziehen die Grenze zwischen Versorgung und Unterversorgung deshalb bei einem Megabit pro Sekunde. Dann kommen wahrscheinlich mehr als 2500 unterversorgte Gemeinden mit etwa drei Millionen Haushalten zusammen, wie eine erste Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) erwarten lässt. Ein Megabit je Sekunde: Das ist die bis vor einigen Jahren gängige Standardrate von DSL-Anschlüssen, mit der sich in den Städten allerdings kaum noch ein Surfer zufriedengeben mag. Digitaler Luxus wie Video on demand oder Internet-Fernsehen sind damit nicht zu haben. Mit weniger als 6 Megabit trauen sich in den Ballungsgebieten nur noch wenige Anbieter auf den Markt; oft sind es inzwischen 16 oder sogar 50 Megabit wie im neuen VDSL-Hochgeschwindigkeitsnetz der Deutschen Telekom. Aber DStGB und Landkreistag wollen für die Provinz nur eine Grundversorgung, und dafür reiche die Bandbreite von einem Megabit auch mittelfristig aus.
Alternative Anbieter häufig billiger
Um ans DSL-Netz der Telekom zu kommen, beteiligen sich manche Gemeinden an den Erschließungskosten oder lassen selbst die Kabelkanäle ausheben. Alternative Anbieter können es häufig billiger. Die Oldenburger EWE TEL beispielsweise hat - ganz ohne Kostenzuschüsse - mehrere kleine Gemeinden in Niedersachsen und Bremen ans DSL-Netz gebracht, nachdem die Deutsche Telekom den Ausbau dort als zu teuer abgelehnt hatte. Oft jedoch gibt es für abgelegene Kommunen besser geeignete und damit auch preiswertere Technik. Zum Beispiel die Funktechnologie Wimax, mit der sich in einem Radius von 5 Kilometern um die Sendeanlagen Übertragungsraten von 2 bis 5 Megabit erreichen lassen. Andere Alternativen sind Satellitenfunk oder die Internetnutzung von Fernsehkabeln, die dafür modernisiert und rückkanalfähig gemacht werden müssen.
Für sehr kleine Gemeinden komme auch der Aufbau von W-Lan-Netzen in Frage, meint VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner. Was wo am besten und mit den geringsten Kosten funktionieren könnte, hängt von vielen Faktoren ab. Die Zahl potentieller Kunden spielt eine große Rolle, ebenso die Entfernung zum nächsten Breitbandknoten der Telekom und die topographische Situation. Grützner erwartet, dass bereits die genaue Kartierung alternative Anbieter auf den Plan rufen wird: Viele kleine und mittlere Unternehmen warten nur auf diese Daten, um Angebote entwickeln zu können. Wenn man es richtig macht, lassen sich 90 Prozent aller noch unversorgten Gemeinden ohne jede Subvention ans Netz bringen.
Text: F.A.Z., 26.11.2007, Nr. 275 / Seite 19
Bildmaterial: DPA
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