Internet

Ein Netz für die Menschen

Von Holger Schmidt

10. Oktober 2006 Wer kann Google oder Ebay im Internet noch Paroli bieten? Einzelne Konkurrenten haben den Wettbewerb schon aufgegeben. Nur die Gemeinschaft der Internetnutzer, die sich in Scharen auf Plattformen wie Youtube oder Myspace versammelt, schickt sich an, noch stärker zu werden als die Giganten der ersten Internetgeneration. Web 2.0 heißt daher das neue Zauberwort im Internet, das die Massen begeistert und Milliarden bewegt.

Die Nutzer tauschen sich im Netz aus, präsentieren sich gegenseitig ihre Fotos und Videos, knüpfen Kontakte, verabreden sich und verlagern einen Teil ihres sozialen Umfeldes ins Netz. Das soziale Internet weist Wachstumsraten auf, von denen selbst Google nur träumen konnte: Die Video-Gemeinschaft Youtube wird – nur wenige Monate nach dem Start – von mehr als 60 Millionen Menschen jeden Monat besucht, die jeden Tag 65.000 neue Filme ins Netz stellen und mehr als 100 Millionen Videos ansehen.

Jugendliche präsentieren lieber eigene Videos

Längst haben die Netzwerkeffekte eingesetzt, die einst Ebay so groß gemacht haben: Jeder neue Nutzer erhöht den Wert der Mitgliedschaft für die anderen Nutzer. Deshalb wächst Youtube immer schneller. Während zu Jahresanfang die Zahl der Nutzer im Monat um fünf Millionen zulegte, kommen zur Zeit schon zehn Millionen Menschen monatlich hinzu. Für die meist jugendlichen Nutzer ist es interessanter, interaktiv im Netz unterwegs zu sein, ihre eigenen Videos zu drehen und Gleichgesinnten zu präsentieren, als sich den starren Programmschemen der Fernsehsender unterzuordnen, die auf ein Massenpublikum ausgerichtet sind, aber Nischen nur selten besetzen.

Diese Bedürfnisse befriedigen heute die Online-Gemeinschaften – mit wachsendem Erfolg. Längst sind die Geschichten von unbekannten Bands, die ihre Musikvideos bei Youtube eingestellt haben und damit quasi über Nacht ein Millionenpublikum erreicht haben, Kult. Sie sind aber auch Geschäft, denn die Musik- und Filmindustrie haben erkannt, daß sich ihre Produkte besser verkaufen lassen, wenn sie auf Youtube oder Myspace eingestellt sind. Ihren Widerstand gegen Youtube wegen Verletzungen des Urheberrechts haben die meisten Filmstudios daher schnell aufgegeben. Die anderen Studios werden wohl folgen, wenn Google das Ruder übernimmt.

Imitatoren haben kaum eine Chance

In aller Welt setzen Medienunternehmen auf Online-Gemeinschaften. Neben Murdochs News Corp. hat auch schon die „New York Times“ mehrere hundert Millionen Dollar für Online-Gemeinschaften ausgegeben. In Deutschland hat RTL die Gemeinschaft Clipfish gestartet, während sich ProSieben Sat.1 an Myvideo beteiligt hat. Beide Nachahmer-Angebote sind aber selbst auf dem deutschen Markt viel kleiner als Youtube, das im August schon 3,2 Millionen deutsche Internetnutzer angelockt hat und klarer Marktführer ist.

Was den Nachahmern fehlt, ist das Momentum der Pioniere. Imitatoren haben wegen der Netzwerkeffekte kaum eine Chance auf diesen Märkten, deren attraktive Felder inzwischen besetzt sind: Myspace steht für Kontakte und Musik, Youtube für Videos, Flickr für Fotos, Facebook für die Studenten und OpenBC, die sich gerade in Xing umbenennt, für Geschäftskontakte.

Nutzer treffen sich ohne teure Werbekampagnen

Selbst Google ist daran gescheitert, gegen diese Netzwerkeffekte anzukämpfen. Die Suchmaschine konnte mit ihrem eigenen Videoangebot nicht mit Youtube mithalten. Daher hat Google konsequent und richtig gehandelt: 1,65 Milliarden Dollar (in Aktien) für eine Online-Gemeinschaft zu zahlen, die noch keinen Gewinn erzielt, klingt zwar auf den ersten Blick nach einer zweiten Internetblase, ist es aber angesichts der Dynamik der Online-Gemeinschaft nicht. Denn die Bedingungen, aus der Anziehungskraft einer populären Seite wie Youtube Kapital zu schlagen, sind 2006 ungleich besser als im Jahr 2000. Heute ist das Internet ein Massenmarkt, auf dem allein in Amerika in diesem Jahr rund 20 Milliarden Dollar Umsatz mit Online-Werbung erzielt werden.

In großem Stil werden zur Zeit Werbebudgets ins Netz verlagert. Anders als im Web 1.0 müssen Nutzer mit gleichen Interessen nicht mühsam auf eine Internetseite gelockt werden, um ihnen dann dort Werbung zu präsentieren. Heute treffen und gruppieren sich die Nutzer spontan und ohne teure Werbekampagnen im Netz. Damit wird das Internet zum idealen Werbeumfeld, um Zielgruppen zu erreichen, die sich mit den traditionellen Massenmedien kaum punktgenau erreichen lassen.

Kaufinteressenten aus allen Ecken

Wie schnell sich eine Investition in eine Online-Gemeinschaft rechnen kann, hat jüngst Medientycoon Rupert Murdoch gezeigt. Für 580 Millionen Dollar hat er Myspace übernommen, um nur wenig später 900 Millionen Dollar von Google zu kassieren, damit Google als Suchmaschine auf Myspace präsent ist. Gerade Google hat die Mechanismen verstanden, mit unaufdringlicher, aber effektiver Online-Werbung Geld zu verdienen. Die Youtube-Übernahme ermöglicht Google, sein erfolgreiches Geschäftsmodell auf ein schnell wachsendes Umfeld auszudehnen. Da Google unabhängig von den Filmstudios agieren kann, stehen der Suchmaschine zusätzlich alle Wege offen, auch mit dem Vertrieb von Filmen Geld zu verdienen. Daher war Google der logische Käufer für Youtube.

Die Dynamik der Online-Gemeinschaften zieht aber Kaufinteressenten aus allen Ecken an. Internetunternehmen der ersten Generation strecken ebenfalls ihre Fühler aus wie die traditionellen Medien. Die Übernahmewelle rollt. Da die Pioniere sehr schnell dominante Marktanteile erreichen, herrscht Zeitdruck. Schon wird die Studenten-Gemeinschaft Facebook als nächster Kaufkandidat gehandelt – und Yahoo als Käufer.



Text: F.A.Z., 11.10.2006, Nr. 236 / Seite 13
Bildmaterial: AP, dpa

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,36 -0,26
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Gold 855,65 +0,97
Öl 76,65 -7,49
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