11. August 2005 Der 62 Jahre alte Terry Semel hat einen jungen Freund. Er heißt Jerry Yang, Jahrgang 1968. Solche guten Beziehungen über eine Generation hinweg können hilfreich sein, persönlich und geschäftlich. Das erleben die Mitarbeiter des kalifornischen Internetunternehmens Yahoo, aber auch Semel und Yang selbst - und das nun schon seit vier Jahren.
Damals hat Yang seinen Freund Semel zu Yahoo geholt und zum Vorstandsvorsitzenden gemacht. Das lag in Yangs Macht; er hat Yahoo 1994 gemeinsam mit David Filo gegründet. Yangs Schachzug war für die Branche eine Überraschung. Mehr als zwanzig Jahre hatte Semel zuvor an der Spitze des Hollywood-Studios Warner Brothers gestanden, jetzt sollte er das ins Schlingern geratene Internetunternehmen führen. Ohne von Computern Ahnung zu haben.
Yang ist immer noch für die großen Ideen zuständig
Am Donnerstag dieser Woche war es wieder Yang, der in der Internetszene für eine Überraschung gesorgt hat. Yahoo kauft sich in China ein und beteiligt sich am Online-Auktionshaus Alibaba.com. Dabei überrascht nicht, daß Yang und Semel den chinesischen Internetmarkt für interessant halten. Spannend ist, daß Yang seinen lebenserfahrenen Freund Semel davon überzeugt hat, daß man für einen Anteil von 40 Prozent an einem Unternehmen mit einem Umsatz von 68 Millionen Dollar 1 Milliarde Dollar zahlen sollte - in bar und nicht in Aktien, so wie Yahoo seine bisherigen Übernahmen in der Regel bezahlt hat, zuzüglich aller Internetaktivitäten, die sich Yahoo in China in den vergangenen Jahren aus eigener Kraft aufgebaut hat.
Daran zeigt sich, daß Yang bei Yahoo immer noch für die großen Ideen zuständig ist, und zwar immer dann, wenn es darum geht, die künftige Entwicklung des Internet im Auge zu behalten. Doch waren Yang, Filo und ihr Verwaltungsrat eben auch klug genug, in der Krise nach einem Manager Ausschau zu halten, der Yahoo inzwischen wieder so sehr in Ordnung gebracht hat, daß das Unternehmen solche Visionen überhaupt noch Wirklichkeit werden lassen kann.
Der aus der analogen Welt stammende Medienmanager Semel hat Yahoo zu einem Medienkonzern der digitalen Welt gemacht - ohne das Unternehmen zu verkaufen, was nach seinem Amtsantritt erwartet worden war. Den Umbau hat Semel ohne großes Aufsehen bewältigt, stimmungsvolle Reden auf öffentlichen Bühnen schwingt er nicht. Selbst Interviews gibt Semel nur selten. Und wenn er etwas sagt, ist die Diktion langweilig: Das Tolle am Internet im Vergleich zu allen anderen Medien, die vor ihm entstanden sind, ist seine wirklich weltumspannende Verbreitung. Das hat riesige Auswirkungen.
Werbe- und Medienprofis zu Yahoo geholt
Wer jetzt ermüdet nach Kaffee fragt, verärgert Semel damit nicht. Semel hat im Mediengeschäft Hollywoods gelernt, daß die Erfolgschancen in Verhandlungen steigen, je weniger man zuvor öffentlich sagt. Der graumelierte Semel arbeitet hinter den Kulissen. Er hat sich bei Yahoo nicht mit Internetfreaks, sondern mit Werbe- und Medienprofis umgeben. Gemeinsam mit seinem für das Tagesgeschäft zuständigen Adjutanten Dan Rosenzweig hat er Schritt für Schritt neue Erlösquellen neben den sogenannten Banner-Anzeigen erschlossen, von denen Yahoo bis 2001 gelebt hat.
Aus dem Verlustbringer Yahoo ist so innerhalb von vier Jahren ein Unternehmen mit 3 Milliarden Dollar Umsatz und einem Betriebsergebnis von mehr als 1 Milliarde Dollar geworden. Der Rivale Google mag der größere Liebling der Börse sein, aber Semel kann darauf verweisen, das ausgefeilteste Angebot für Werbekunden im Internet zu besitzen.
Und während Semel an dieser Strategie feilte, hat sich Yang auf dem Golfplatz Pebble Beach mit Jack Ma getroffen. Ma ist der chinesische Internetpionier schlechthin und der Gründer von Alibaba. Beim Golf begannen die Gespräche, die nun zu dem Milliardengeschäft geführt haben. Aber Yahoo beteiligt sich nicht nur an Alibaba, Ma sitzt nun mit im Boot - und damit der Manager, der in der chinesischen Internetwelt wohl über die meiste Erfahrung verfügt. Das ist weise. Seit Yang Semel kennt, weiß er, daß Erfahrung durch nichts zu ersetzen ist - und durch jugendlichen Wagemut höchstens bereichert werden kann.
Text: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 17
Bildmaterial: AP
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