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Der nächste Harry-Potter-Rausch

Von Ulrich Friese und Roland Lindner

Er mußte sein Buch zurückgeben - der Laden hatte es zu früh verkauft

Er mußte sein Buch zurückgeben - der Laden hatte es zu früh verkauft

14. Juli 2005 Edinburgh wird für „Harry Potter“-Fans zum Nabel der Welt. Denn Buchautorin Joanne Rowling bittet am Wochenende in der schottischen Stadt zur „Kinder-Pressekonferenz“. Zeitgleich mit dem Verkaufsbeginn ihres neuen Werkes finden sich zur Geisterstunde an diesem Freitag 70 Jungreporter im Lesesaal von „Edinburgh Castle“ ein. Abseits der breiten Öffentlichkeit haben die Vertreter diverser englischsprachiger Medien 24 Stunden Zeit, um sich in das 741 Gramm schwere Werk einzulesen. Für Sonntag ist dann die obligatorische Frage-und-Antwort-Runde anberaumt. Wie sich dabei Rowling und die Jungprofis von der ausländischen Presse schlagen, dürfen wiederum 2.000 handverlesene „Harry-Potter-Fans“ aus den umliegenden Schulen Edinburghs beobachten.

Sorgfältig inszeniert ist die internationale Vermarktung des Kinderbuches „Harry Potter und der Halbblut-Prinz“, dessen offizieller Verkauf Samstag um Mitternacht beginnt. Das neue Rowling-Werk ist der sechste Band der Harry-Potter-Buchreihe, von der seit 1997 rund 200 Millionen Exemplare verkauft wurden, allein 18 Millionen davon in Großbritannien.

Deutsche Übersetzung ab 1. Oktober

Die Neuerscheinung soll sich für amerikanische und britische Verlagspartner abermals als rekordverdächtiger Verkaufsschlager erweisen: Der New Yorker Kinder- und Schulbuchverlag Scholastic, der die Harry-Potter-Abenteuer exklusiv in den Vereinigten Staaten herausbringt, hat die Startauflage gegenüber dem fünften Band vor zwei Jahren drastisch gesteigert: Dieses Mal kommen 10,8 Millionen Bücher zur Auslieferung, bei Band fünf waren es 6,8 Millionen.

Ähnlich kalkuliert der britische Partner Bloomsbury. Der Londoner Verlag, der 1996 die damals unbekannte Autorin aus Schottland für ein Festhonorar von 2.500 Pfund unter Vertrag nahm, warf vor zwei Jahren eine Startauflage von 2,5 Millionen Exemplaren auf den Markt. Diesmal sind für den Absatz in Großbritannien bis zu 5 Millionen Bücher vorgesehen. Selbst bei deutschen Buchhändlern gingen für die englischsprachige Ausgabe bislang rund 120.000 Vorbestellungen ein. Der Verkaufsbeginn der deutschen Übersetzung ist für den 1. Oktober geplant.

Eine Art „Disneyworld“ für Harry-Potter-Fans

In Amerika wird das Epizentrum zum Verkaufsbeginn der New Yorker Times Square sein. Dort wird der riesige Jumbotron-Bildschirm schon heute in einem Countdown die Minuten bis Mitternacht zählen. Einige Meter weiter beginnt der Spielwarenhändler „Toys-R-Us“ drei Stunden vor Mitternacht eine große Feier vor seiner Flaggschiff-Filiale, zu der Tausende kostümierte Harry-Potter-Fans erwartet werden. Der größte amerikanische Buchhändler Barnes & Noble wird in seinen 660 Filialen im ganzen Land „Midnight Magic“-Parties halten, die größte davon ebenfalls in New York in der Filiale am Union Square. Für die Veranstaltungen hat der Händler unter anderem eine Million Harry-Potter-Brillen bestellt, die an Kinder ausgeteilt werden sollen.

Im Vorgriff auf den Verkaufsrausch zur Geisterstunde hat die britische Handelskette „Waterstone's“ ihren fünfstöckigen Einkaufstempel am Piccadilly Circus in eine Art „Disneyworld“ für Harry-Potter-Anhänger verwandelt. Schließlich rechnet der führende Buchhändler Großbritanniens damit, daß in seinen 140 Filialen innerhalb der ersten 24 Stunden mehr als 2 Millionen Bücher über die Ladentheken gehen.

Preiskampf in Großbritannien

Den Absatz der Potter-Werke bringen gleichzeitig die heimischen Supermarkt-Ketten auf Touren. Da es in der britischen Buchbranche seit 1995 keine Preisbindung mehr gibt, entfachen die Massenanbieter heftige Preiskämpfe, um jugendliche Kunden zu locken. Marktführer Tesco plant angeblich, den empfohlenen Verkaufspreis von 16,99 Pfund (24,62 Euro) um mehr als die Hälfte zu unterbieten. Rekordhalter bei Tiefpreisen ist bislang noch die Handelskette „Kwik Save“, die Rowlings jüngstes Druckwerk gar für 4,99 Pfund feilbietet.

„Bei derart ruinösen Preiskämpfen können und wollen wir nicht mithalten“, sagt Graeme Estry, Geschäftsführer von „West End Lane Books“. Der inhabergeführte Buchhändler im Londoner Nordwesten fixiert seinen Aktionspreis mit 11,99 Pfund und erwartet zudem, daß der große Verkaufsansturm an diesem Wochenende ausbleibt. „Nach den jüngsten Terroranschlägen in London ist die Konsumlaune der Verbraucher gedämpft“, sagt Estry, „viele meiden den Massenauftrieb in der Innenstadt und weichen statt dessen auf die lokalen Geschäfte in den Stadtteilen aus.“

Harry Potter als Ablenkung von anderen Sorgen

Amerikanische Buchhändler haben nach den jüngsten Absatzprognosen wohl reichlich Anlaß zum Jubeln. Beispielsweise teilte der Internethändler Amazon.com in dieser Woche mit, über 870.000 Vorbestellungen für den neuen Band zu verfügen. Das sind 10 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor der Veröffentlichung des fünften Harry-Potter-Bandes. Weltweit beziffert Amazon.com die Vorbestellungen sogar mit 1,4 Millionen. Barnes & Noble hat nach eigenen Angaben bis zum Wochenanfang in seinen Filialen sowie auf seinen Internetseiten eine Million Anfragen registriert.

Für Scholastic ist die Veröffentlichung eines neuen Harry-Potter-Buches jedes Mal ein Fest und manchmal auch die willkommene Ablenkung von anderen Sorgen. Im Jahr 2003 mußte der Verlag seine Gewinnprognosen mehrmals nach unten korrigieren, unter anderem wegen einer schwachen Entwicklung bei den Schulbüchern. Scholastic hat sich mittlerweile zwar stabilisiert, und die Aktie gewann in den vergangenen zwölf Monaten mehr als ein Drittel an Wert. Trotzdem mußte das Unternehmen für die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2004/2005 (31. Mai) einen Umsatzrückgang um 10 Prozent vermelden, weil in diese Berichtsperiode im Gegensatz zum Vorjahr keine Harry-Potter-Neuerscheinung fiel.

Scholastic legt am 21. Juli, nur wenige Tage nach dem Debüt des neuen Harry-Potter-Buches, seine Zahlen für das Gesamtjahr vor. Das Unternehmen sagt für diese Zeitspanne einen Umsatz von 2,1 Milliarden Dollar voraus. Auch ohne Verkaufsauftrieb durch „Harry Potter“ steigerte Bloomsbury im vergangenen Geschäftsjahr seinen Gewinn vor Steuern um 19 Prozent auf 16,2 Millionen Pfund.

Text: F.A.Z., 15.07.2005, Nr. 162 / Seite 18
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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