Mobiles Internet

Nokia schießt sich auf Google ein

Von Johannes Winkelhage, Barcelona

Mit seinem N97 will Nokia den Markt für das mobile Internet erobern

Mit seinem N97 will Nokia den Markt für das mobile Internet erobern

04. Dezember 2008 Eigentlich sind Olli-Pekka Kallasvuo und Anssi Vanjoki eher zurückhaltende Zeitgenossen. Kürzlich aber sparten die Nokia-Vorstände nicht mit Sticheleien gegen den Wettbewerber Google. „Unsere digitalen Landkarten sind dynamisch. Wir zeigen den Nutzern, welche ihrer Freunde in der Nähe sind, und vieles mehr. Es ist nicht so fürchterlich statisch - wie die Google-Maps“, erklärte zum Beispiel Vanjoki, der im Nokia-Vorstand unter anderem für Vertrieb, Produktion und Marketing zuständig ist.

Dabei sprach er den Namen des Wettbewerbers aus, als habe er eine bittere Pille im Mund. Auch der Vorstandsvorsitzende Kallasvuo konnte sich leichte Seitenhiebe nicht verkneifen. Mit den Zwischentönen während ihres Auftritts machten die beiden Manager der in Barcelona versammelten Schar von internationalen Kunden, Analysten und Journalisten eines klar: Vor allem Google ist für Nokia der gefährliche Wettbewerber, bedrohlicher noch als Apple und das iPhone. Gegen Google richtet sich Nokias Internet-Strategie, die das Unternehmen Ende 2007 gestartet hat.

Frontalangriff im Kerngeschäft

Die bissigen Untertöne haben einen handfesten geschäftlichen Hintergrund: Google greift die Finnen mit seinem Handybetriebssystem „Android“ frontal in ihrem Kerngeschäft an. Bisher hat Nokia hier mit seinem „Symbian“-System die Nase vorn. Die Betriebsysteme sind die Schnittstelle zum Kunden auf den Handybildschirmen. Sie definieren, was ein Handy kann und was nicht. Wer hier dominiert, ist den Wettbewerbern einen Schritt voraus. Genau diesen Vorsprung will sich jedes Unternehmen sichern. Auch die iPhone-Strategie von Apple zielt in diese Richtung. Keiner will das mobile Internet verpassen, das vielen Beobachtern als der aktuelle Megatrend und der künftige Wachstumsmarkt im Mobilfunk gilt.

Google will auch in der mobilen Internetwelt für die Vermarktung der Werbung zuständig sein. Nokia will seine Geräte verkaufen - und Datendienste, aus denen über kurz oder lang ein kräftiger Umsatzstrom entstehen soll. Viele dieser Angebote, die Nokia in seinem Portal „Ovi“ - das finnische Wort für Tür - bündelt, werden eng verbunden mit dem Symbian-System und schon vorinstalliert auf den Nokia-Handys zum Kunden geliefert.

Ein kräftiges Standbein

Deutlich mehr als 400 Millionen Handys werden die Finnen in diesem Jahr verkaufen. „Die Dienste fördern den Handyabsatz, und dieser unterstützt wieder die Nutzung der Dienste“, beschreibt Kallasvuo die Spirale, die er gerne in Gang setzen würde. Bisher macht das Unternehmen allerdings erst einen Bruchteil seines Umsatzes mit solchen Diensten. Gerade einmal 140 Millionen Euro hat Nokia im dritten Quartal damit eingenommen - bei einem Gesamtumsatz von mehr als 12 Milliarden Euro. Künftig sollen die Angebote aber ein kräftiges Standbein werden, daran lässt Kallasvuo keine Zweifel, ohne aber konkrete Prognosen abzugeben.

Nachdem Nokia schon Musikangebote und die Navigation in das Ovi-Portal integriert hat, kommen jetzt ein eigener E-Mail-Dienst und weitere Angebote hinzu. Vor allem die eigene E-Mail soll die Kunden langfristig an Ovi binden. Dabei hat Nokia nicht zuerst die Industrieländer im Blick. „Rund 75 Prozent der Weltbevölkerung haben noch nie eine E-Mail geschrieben, und es ist unwahrscheinlich, dass viele künftige Nutzer damit auf einem stationären Computer anfangen werden. Das Handy wird die E-Mail-Maschine“, erklärte Kallasvuo in Barcelona und untermauert diese Prognose mit einigen Fakten: „Von den rund 6,5 Milliarden Menschen auf der Welt haben Anfang des kommenden Jahres wahrscheinlich 4 Milliarden ein Mobiltelefon.“ Davon nutzen eine Milliarde Menschen heute schon ein Nokia-Handy, und geht es nach Kallasvuo, dann soll diese Zahl weiter deutlich stiegen. Fast 40 Prozent aller neu verkauften Geräte kommen derzeit von Nokia.

„Wir sind bestens aufgestellt, um das Internet in die Hände von mehr Menschen an mehr Orten zu bringen als jedes andere Unternehmen im Markt. Und genau das werden wir tun“, sagte der Nokia-Chef und ergänzte mit Blick auf die Wettbewerber: „Wir sehen bis dato kein anderes Internetunternehmen, das dies leisten kann.“ Vor allem auf Einsteigergeräten, die der Konzern massenhaft in Schwellenländern verkauft, soll die E-Mail-Software vorinstalliert werden. „Wir versorgen Nutzer mit einer Internet-Identität, die noch keine haben“, betonte Kallasvuo. Für Kunden, die schon E-Mail nutzen, wird ein neuer Service angeboten, der die Dienste anderer Anbieter auf Nokia-Geräte bringt - einschließlich der gMail von Google.

Dem iPhone etwas entgegensetzen

Neben den E-Mail-Diensten sind für den Nokia-Chef auch Dienste auf der Basis von digitalen Karten zentrale Anwendungen, die Menschen künftig auf ihrem Mobiltelefon nutzen werden. Nicht ohne Grund hat der Handyhersteller für mehr als 8 Milliarden Dollar das Unternehmen Navteq gekauft, einen von nur zwei Anbietern von digitalen Landkarten. Dabei sollen die künftigen Angebote weit über klassische Navigationshilfen hinausgehen. Die digitale Karte ist nur der Anfang, ist die Projektionsfläche. „Wir bilden die sozialen Gemeinschaften des Web 2.0 auf den Karten ab und lassen dem Nutzer die freie Wahl, was ihm an zusätzlichen Informationen angezeigt werden soll“, sagte Vanjoki.

Neben Google gehört auch Apple weiter zu den Wettbewerbern, denen Nokia besondere Aufmerksamkeit widmet. So verwunderte es wenig, dass der Konzern mit einem neuen Gerät versucht, dem Erfolg des iPhone etwas entgegenzusetzen. Mit dem N97 setzt Nokia auch auf einen berühungssensitiven Bildschirm - und schließt so zumindest etwas zu Apple auf.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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