Von Johanna Adorján
27. Januar 2008 Am Dienstag, 15 Uhr 35 Ortszeit wurde Heath Ledger von seiner Putzfrau und seiner Masseurin tot in seiner Wohnung in New York gefunden. Nur fünfundsechzig Minuten später meldete die Celebrity-Gossip-Seite TMZ.com im Internet seinen Tod. Die Nachricht beendete das Online-Klatschportal so: Man hat uns erzählt, dass Heath letzte Nacht mit seinem Model-Girlfriend Gemma Ward zu Abend gegessen hat. Fortsetzung folgt . . . Klatsch as usual, der Leichnam ist da noch warm.
Noch nie haben so viele Leute sich für das Privatleben so vieler Leute interessiert wie heute, noch nie war die Verbreitung von Gerüchten so gut organisiert. Internet-Sites stellen minütlich neue Paparazzifotos online, Hunderte Starmagazine veröffentlichen etwas später dieselben Bilder, im Fernsehen sind verwackelte kleine Filmchen zu sehen, die jemand Prominenten beim Konsumieren von Drogen zeigen. Und das Publikum will immer noch mehr.
Hunderte Paparazzi liefern Beweise
In Amerika ist längst von gossip addiction die Rede, von einer Sucht nach Neuigkeiten aus der Welt der Stars. Und tatsächlich hat sich, was einmal relativ harmlos als Klatsch und Tratsch angefangen hat und für Hausfrauen gedacht war, die sich unter der Trockenhaube langweilten, zu einer internationalen, geschlechterübergreifenden Obsession entwickelt, bei der so etwas wie Respekt oder Privatsphäre nicht mehr gilt. Stattdessen regieren Häme und Spott. Im höflichsten Fall eine verlogene Doppelmoral.
Bevor ich fortfahre, mich über diese Entwicklung zu entrüsten und so zu tun, als könnte ich das alles gar nicht verstehen, möchte ich zugeben, dass ich selbst regelmäßig Magazine wie In Touch, Bunte, Gala, Vanity Fair, Hello, OK! oder Heat kaufe, beinahe täglich im Internet gucke, was es für neue Paparazzifotos gibt, und dass bei jedem Termin, den Prinzessin Caroline von Monaco vor Gericht hat, etwas in mir hofft, sie möge unterliegen und es mögen weiterhin Fotos von ihr zu sehen sein, die sie am Strand zeigen, an der Tankstelle oder im Supermarkt. Ich kann also mit dem Finger auf mich zeigen und fragen: Warum interessiert es mich, ob Jennifer Aniston, eine Frau, die mich nicht kennt, immer noch Single ist? Eine Antwort könnte sein: Weil ich es erfahren kann. Hunderte Paparazzi liefern Beweise, gewissenhaft wie Privatdetektive, und auch so gnadenlos.
Wer heute noch ein Star sein will, ist selber schuld
Wahrscheinlich ist die Gier nach Informationen aus dem Privatleben von Stars heute nicht größer als früher - sie wird nur in viel größerem Maße befriedigt. Und wenn einem jemand täglich etwas Neues über das Privatleben anderer erzählen will, warum sollte man es sich dann nicht auch täglich anhören? Am Montag trägt Kate Moss bei einer Shopping-Tour in London schwarze Overknee-Stiefel, am Dienstag trägt sie dieselben Stiefel bei einer Vernissage, am Mittwoch wieder die Stiefel, und dann ist Donnerstag, und sie ist gerade in New York gelandet, und was hat sie an - gibt's doch gar nicht! Das Ganze hat den Charakter einer Live-Daily-Soap, ist mit den schönsten, teuersten Darstellern der Welt besetzt, und es ist auch noch: echt! Die Geschwindigkeit, mit der sich die Neuigkeiten überschlagen, hat einen Reiz, dem nur schwer zu widerstehen ist (man denke nur an die live im Fernsehen übertragene Verfolgung von O. J. Simpson); durch die tägliche Fortsetzung entspinnt sich eine Handlung, deren Inhalt man frei raten kann. Es ist, als verfolge man im Fernsehen eine Serie ohne Ton.
Allerdings hat diese Serie ihre Unschuld verloren, wenn sie denn je eine hatte. Die Faszination für die Protagonisten entspringt nicht der Bewunderung, sondern dem Neid. Wer heute noch ein Star sein will, ist selber schuld. Das ist die geltende Vereinbarung - und wer es dennoch wagt, wird bestraft. In der Dschungelshow wird das nur am deutlichsten: Menschen, die kaum jemand kennt, werden zu Stars ernannt, und ein Millionenpublikum schaut zu, wie sie sich vorführen und erniedrigen lassen. Denn wie anders sollen Prüfungen sonst gemeint sein, bei denen die Kandidaten Maden essen müssen und mit Schleim übergossen werden? Und wenn sie aussteigen wollen, müssen sie sich dafür lächerlich machen, mit dem lauten Ruf: Ich bin ein Star . . .! Du hältst dich für was Besseres - na warte: das ist die Haltung, die hinter dem Spektakel steht, das Anfang des Jahrtausends in England erfunden wurde.
Je essgestörter, desto besser
Und jede Woche wird jemand Neues zur Sau gemacht, die man dann ungeniert durchs Dorf treiben kann, und alle schauen zu und freuen sich. Jetzt ist es eben DJ Tomekk, von dem man auch nicht gedacht hätte, dass er einem mal leid tun würde. Ja nun, dann hat er halt, meine Güte, es hat wohl jeder schon mal privat etwas Verbotenes gemacht. Das eigentlich Empörende ist doch, dass jemand den Medien private Aufnahmen zuspielt - ob Hitlergruß, Kokainkonsum oder Crackrauchen: es werden ja wohl privat noch Fehler gemacht werden dürfen oder sehr schlechte Witze, wo denn sonst. Und wenn bestimmte Medien tatsächlich an die Vorbildfunktion von Prominenten glaubten, die sie dann immer so laut einklagen, dann sollten sie solche Filmchen halt nicht veröffentlichen.
In Wahrheit aber scheint die größte Faszination von etwas ganz anderem auszugehen: vom Körpergewicht der weiblichen Protagonisten. Fast jede Publikation bringt es gleich auf dem Titel: Der perfekte Body: Wer noch kämpft, wer ihn hat, wer es übertreibt. Je essgestörter, desto besser. Wen kümmert es, ob irgendeine normalgewichtige Prominente gerade ein Baby geboren hat, wenn Letizia von Spanien noch mal mindestens zwölf Kilo abgenommen hat? Oft liegt dabei nur eine Zeitschriftenausgabe zwischen Ist sie zu dürr? und Ist das ein Babybäuchlein?. Aber die Fixierung auf Körper und Gewicht passt zu der Art, in der Klatsch konsumiert wird: möglichst schnell möglichst viel, und hinterher könnte man kotzen - es hat etwas von Bulimie.
Gut, dass wir Joachim Sauer haben
Aus irgendeinem Grund, womöglich einzig wegen ihrer medialen Verfügbarkeit, sind Stars uns zu einem Bezugssystem geworden, an dem sich jeder messen kann. Bin ich zu dick, zu dünn, zu gestört, zu jung für eine Nasenoperation, zu alt für geflochtene Zöpfe? Gleichzeitig dient Klatsch natürlich dazu, niederste Instinkte zu befriedigen, und das ohne Konsequenz und bisweilen ja auch auf sehr kindlichem Niveau. In Touch etwa druckt eine Foto-Doppelseite mit Prominenten, die schlecht aus dem Sitzen hochkommen: Jung sehen sie ja aus. Aber sobald sich diese Promis bewegen, altern sie um Jahrzehnte . . . Wer im Zirkus über den dummen August lachen kann, wird auch daran seine Freude haben.
Und es gibt kein einziges Anzeichen dafür, dass die allgemeine Beschäftigung mit Klatsch sich so bald legen wird. Im Gegenteil. Selbst der Spiegel druckt eine vierzehnseitige Titelgeschichte über die Liaison des französischen Präsidenten mit einem Model, und das vier Wochen, nachdem die Affäre bekannt geworden ist und ohne eine einzige neue Information. Aber es ist natürlich eine schöne Gelegenheit für ein Nachrichtenmagazin, mal eine junge Frau in aufreizenden Posen zu zeigen. Und endlich dürfen politische Kommentatoren sich auch mal an ein schlüpfriges Thema wagen. Haben nachgelesen, dass Carla Bruni schon früher Sex hatte, und schwärmen lustvoll drauflos vom glücklichen Frankreich, das es so viel besser habe als wir mit unserem Joachim Sauer. Ich zum Beispiel bin sehr froh, dass wir Joachim Sauer haben. Ich bin sehr froh, dass Angela Merkel nicht mit Markus Schenkenberg (männliches Model) zusammen ist. Ich bin auch froh, dass sie keine Radikaldiät macht, und würde mir wegen ihr donnerstags keine Zeitschrift kaufen.
Du redest über die, als ob du sie kennst
Die Chefredakteurin der Bunten, Patricia Riekel, bekam vor einer Woche in Berlin den Preis als beste Journalistin in der Sparte Unterhaltung verliehen. In ihrer Dankesrede sinnierte sie über die neue Arbeitsteilung: Während der Spiegel Sarkozy und Bruni auf den Titel hebe, werde in Bunte Woche für Woche von allen Prominenten Angela Merkel am häufigsten genannt. Tatsächlich bewegen sich seriösere Medien immer weiter in Richtung Oberfläche. Wenn Paris Hilton, die es nur gibt, weil über sie berichtet wird, ins Gefängnis kommt, einen Hund verliert oder über eine Straße geht, ist das selbst Zeitungen eine Nachricht wert, die vor allem ihres Wirtschaftsteils wegen gekauft werden. Und wenn Oprah Winfrey sich für Barack Obama ausspricht, wird das so ernst genommen, als wäre er damit gewählt.
Als ich neulich, es war Donnerstagabend, am Kiosk ein paar Klatschmagazine an die Kasse legte, sagte die Verkäuferin mit kleinem Seufzen: Was zum Träumen. Dabei besteht Anlass zur Sorge, dass es längst Realität ist. Als ich neulich in einem Gespräch mit einer Freundin - wir sprachen über Familienmodelle - Angelina Jolie erwähnte, bemerkte die verwundert: Du redest über die, als ob du sie kennst. Und eine andere Freundin lag einmal in Ibiza am Strand, als auf einmal ein kleiner Junge in ihr Blickfeld lief. Moment mal, dachte sie, den kenne ich doch, das ist doch - der Sohn von Elle McPherson, dem Model, das man auch The Body nennt. Sie sah hoch, tatsächlich, da stand Elle McPherson.
Dreizehn Minuten der Aufrichtigkeit
Und kein Tag ohne neue Nachrichten von Britney Spears. Vor knapp einem Jahr, an dem Abend des Tages, an dem Britney Spears sich den Kopf kahlgeschoren hatte, gab es im amerikanischen Fernsehen einen kurzen ungemütlichen Moment. Craig Ferguson, der Moderator der CBS- Late Late Show, der in seinem Eröffnungsmonolog sonst wie alle anderen Witze über Prominente macht, sagte, er habe sich entschieden, über Britney Spears nicht mehr zu spotten. Gespanntes Auflachen des Publikums im Saal. Nein, er meine das ernst, sagte er. Das Publikumslachen brandet auf. Und dann erzählte Ferguson von seiner eigenen Alkoholsucht. Er sei auf den Tag genau fünfzehn Jahre trocken, sagte er.
Er sehe hier einen jungen Menschen in Not. She's a baby, sagt er ernst, a baby. Er wolle nicht länger so tun, als stünde er über ihr, er sei auch dort gewesen, wo sie jetzt ist, ganz unten. Noch immer kommen vereinzelte Lacher aus dem Publikum, das weiterhin auf eine Riesenpointe zu hoffen scheint. Aber die kommt nicht. Diesmal nicht. Stattdessen erzählt Ferguson von dem Morgen, an dem er in einer Bar aufwachte und beschloss, sich das Leben zu nehmen. Er erzählt von seiner riesigen Scham, von der Überwindung, die es ihn gekostet hat, sich selber einzugestehen, dass er Hilfe braucht. Dreizehn Minuten lang ist der Clip, der auf Youtube zu sehen ist. Dreizehn Minuten der Aufrichtigkeit in einem vollends verkommenen Geschäft.
Das vielleicht letzte Paparazzifoto, das Heath Ledger lebend zeigt, entstand drei Tage vor seinem Tod und wurde im Internet veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, wie er seine zweijährige Tochter in einem Kindersitz trägt, aufgenommen wurde es am Flughafen von Los Angeles. Der Beitrag war unter den Suchbegriffen Wacky and Weird abgespeichert (schrullig und bizarr) und, wie üblich, von den Betreibern der Seite mit spöttischem Kommentar versehen:Heath weiß, dass nichts einer scheußlichen Frisur mehr schmeichelt als eine unglückliche Sonnenbrille . . . Man frage nur mal Britney! Noch kann man das tun.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance/ dpa
Bauindustrie: Schwierige ![]()
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