24. März 2008 Das mobile Internet gilt als großer Markt der Zukunft. Seitdem die Datentarife fallen, surfen die Menschen immer häufiger mit ihrem Mobiltelefon im Netz. Die Branche hofft auf Milliardenumsätze. Der deutsche Manager Marco Börries möchte für Yahoo einen möglichst großen Anteil erreichen.
Herr Börries, viele große Unternehmen bringen sich für das mobile Internet in Stellung. Wer wird gewinnen?
Keiner. Das mobile Internet ist so groß, dass es kein Anbieter allein kontrollieren kann. Auch die Entwicklung wie beim PC, dass am Ende nur zwei oder drei Anbieter das große Geld verdienen, wird es auf dem Handy auch nicht geben. Dafür ist das mobile Internet zu komplex. Alle drei Parteien, Netzbetreiber, Handy-Hersteller und Anwendungsentwickler, haben ihre Daseinsberechtigung und können gut verdienen, wenn sie sich auf ihre Kernkompetenz spezialisieren.
Aber alle Beteiligten wildern fleißig in fremden Vorgärten.
Natürlich. Heute versuchen alle Anbieter, alles zu machen. Die Netzbetreiber wollten alle Dienste anbieten. Der Schuss ist nach hinten losgegangen. Dann versuchen die Handy-Hersteller wie Nokia ebenfalls Dienste zu bauen. Das hat bisher auch nicht funktioniert. Dann gibt es Google, die ein Betriebssystem bauen oder an einer Auktion teilnehmen wollen, um ein Frequenzspektrum zu ersteigern. Oder Microsoft: Das Unternehmen ist seit 2001 dabei, hat mehrere Milliarden Dollar investiert und wird in diesem Jahr vielleicht 30 Millionen Geräte mit ihrem Betriebssystem verkaufen - in einem Jahr, in dem mehr als eine Milliarde Geräte verkauft werden. Das zeigt, wie komplex das Ecosystem mobiles Internet ist.
Und was ist mit Apples iPhone? Beherrscht Apple als erster Hersteller die gesamte Wertschöpfungskette?
Wenn jemand plötzlich alles an sich ziehen will, kann das in Ausnahmen wie dem iPhone funktionieren. Aber das Modell lässt sich auf dem Massenmarkt nicht wiederholen.
Ist die Google-Plattform Android keine Gefahr für Yahoo?
Android ist Windows Mobile auf Linux und kostet nichts. Android ist ein weiteres Betriebssystem, das den Markt mehr fragmentiert als ihn defragmentiert. Sobald Android eine kritische Masse an Nutzer überschritten hat, haben wir kein Problem damit, auch dieses Betriebssystem zu unterstützen. Wir glauben aber, dass das Betriebssystem auf dem Handy irrelevant ist. Relevant ist das Programm, das oben drauf kommt, und die darauf laufenden Anwendungen.
Aber egal kann Ihnen Googles Engagement im Mobilfunk doch nicht sein?
Die Google-Initiative, das Betriebssystem kostenlos zu machen, passt sogar gut in unsere Strategie. Denn es nimmt anderen Anbietern wie Nokia oder Microsoft einen Druckpunkt weg, mit ihren Betriebssystemen Macht auszuüben.
Wie sieht nun Yahoos Strategie aus?
Wir haben bei Yahoo vor drei Jahren alle Einstiegsmöglichkeiten sondiert. Wir haben uns entschieden, uns auf wenige Dinge zu konzentrieren. Dazu gehört der Startpunkt im mobilen Internet, also unter Programm Yahoo Go. Dann unsere Suchmaschine OneSearch, die schon länger verfügbar ist. Bald kommen noch die Produkte OneConnect für die Kommunikation und OnePlace für Inhalte.
Die Software auf einem Handy vorinstalliert vorzufinden ist eine Sache, sie auch zu nutzen ist eine andere Sache. Wie viele Menschen nutzen die Software wirklich?
Die sind Millionen Menschen, aber genaue Zahlen geben wir nicht heraus. Aber wir haben explosionsartige Nutzerzuwäche im Moment. Schließlich sinken die Kosten für die Datenübertragung und die neuen Mobiltelefone werden immer leistungsfähiger. 2007 war der Wendepunkt für das mobile Internet
Yahoo versucht also, die Handy-Plattform zu bauen, auf die die Menschen alle ihre Dienste aggregieren. Wie lässt sich damit Geld verdienen?
Das Geschäftsmodell dahinter ist die Werbung: Suchanzeigen, Banneranzeigen oder Anzeigen in Videos.
Ihre mobile Plattform Yahoo Go gibt es bisher nur in englischer Sprache, ist also für den Massenmarkt in Europa untauglich. Wann ändern Sie das?
Sehr bald. Wir starten die lokalisierten Versionen in der jeweiligen Sprache und mit jeweiligen nationalen Inhalten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien Ende März.
Was bringt OneConnect?
OneConnect ist eine Anwendung, um alle verschiedenen Formen der Kommunikation - E-Mail, Instant-Messaging, SMS oder soziale Netzwerke - in eine Anwendung integriert. Das heutige Verhalten, eine Anwendung nach der anderen zu starten und nach neuen Nachrichten zu schauen, ist doch mühselig. Wir haben die gesamte Kommunikation gebündelt und in einer Art sozialem Adressbuch aggregiert.
Was sagen die Datenschützer dazu? Die erste Kritik ist schon laut geworden.
Wir greifen in die Beziehungen der Menschen untereinander doch gar nicht ein. Wer sich in Facebook einloggt, sieht die Aktivitäten seiner Freunde - aber nur, weil die Freunde das erlaubt haben. Genauso auf Flickr: Auch dort kann ein Nutzer nur die Fotos sehen, die von den Freunden auch zur Ansicht freigegeben wurden. OneConnect zieht nur alle diese Anwendungen zusammen, teilt sie aber nicht mit anderen. Darum geht es genau nicht. OneConnect ist also kein neues soziales Netzwerk, sondern ein integriertes Kommunikationsprogramm.
Wie offen ist OneConnect?
Total offen. Es gibt eine offene Schnittstelle, die wir Freunden und Feinden zur Verfügung stellen. Die Nutzer können alle Dienste in OneConnect integrieren. Wenn die Menschen auf unserer Plattform eben Google-Mail oder Hotmail nutzen, sind wir damit auch glücklich. OneConnect läuft in fast jedem mobilen Browser, dann allerdings nicht immer mit allen Funktionen. Ansonsten auf allen Betriebssystem, einschließlich dem iPhone.
Wie funktioniert OnePlace?
Meine Inhalte sind überall im Internet verteilt - und dazu meistens auf meinem PC eingeschlossen. Bei Ebay, auf You tube, auf Flickr, auf Nachrichtenseiten. Was ist die Antwort: Ich bündele alles in OnePlace. Dann habe ich alles dabei, wenn ich unterwegs bin. Wichtig ist: Die Informationen sind dynamisch. Aktualisieren sich also immer automatisch.
Welche Handys nutzen Sie privat?
Ich bin zurzeit dem Nokia N95 und dem iPhone treu.
Das Gespräch führte Holger Schmidt
Bildmaterial: AFP
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von Holger Schmidt, 09.10.2008 13:49
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