Internet

Alles oder nichts

Von Holger Schmidt

13. Dezember 2006 Früher wurden Geschäfte auf dem Golfplatz oder im Rotary-Club angebahnt. Heute gibt es das Internet und entsprechende Netzwerke wie Open BC, Linked In, Ryze oder Ecademy, in denen Millionen Menschen ihre bestehenden Geschäftskontakte pflegen und neue Kontakte knüpfen. Zwei Anbieter buhlen in diesem Geschäftsfeld um die Weltmarktführerschaft: Open BC aus Hamburg, gerade an die Börse gegangener Betreiber der Internetseite Xing.com mit rund 1,7 Millionen Mitgliedern, und das kalifornische Unternehmen Linked In, das rund 8,5 Millionen Mitglieder zählt.

Für Konstantin Guericke, Mitgründer von Linked In, ist die Überzahl Grund genug, schon jetzt Anspruch auf den Spitzenplatz zu erheben: "In Netzwerken schließt man sich dem Anbieter an, der die meisten und die richtigen Mitglieder hat. Linked In hat in den vergangenen 100 Tagen 1,5 Millionen neue Mitglieder gewonnen. Dafür hat Open BC drei Jahre gebraucht. Daher wird es nur einen großen Gewinner in diesem Markt geben", sagt Guericke im Gespräch mit dieser Zeitung. Lars Hinrichs, Gründer und Chef von Open BC, ist dieser Vergleich zu einfach: "Entscheidend ist, wie aktiv die Mitglieder sind. Und Linked In ist eine Datenbank inaktiver Profile", sagt Hinrichs, pflichtet seinem Kontrahenten aber in einem Punkt bei: "Am Ende wird einer den Markt beherrschen. Das ist aber eher ein Wettbewerb der Konzepte." Erst 2008, glaubt Hinrichs, werde sich ein Gewinner herausstellen.

Wettbewerb der Konzepte

Tatsächlich verfolgen die beiden Unternehmen unterschiedliche Konzepte, angefangen beim Geschäftsmodell. Xing setzt ganz auf eine zentrale Umsatzquelle: Die Beiträge seiner Premiummitglieder, die sich in diesem Jahr auf rund zehn Millionen Euro summieren. Jedes Premiummitglied zahlt 5,95 Euro im Monat, um - im Gegensatz zur kostenlosen Basisversion - komfortabel nach anderen Mitgliedern suchen oder ihnen Nachrichten senden zu können. Bisher zahlen 13 Prozent der Mitglieder für diese Zusatzfunktionen.

Das Unternehmen wird künftig vor allem daran gemessen, in welchem Tempo dieser Anteil gesteigert werden kann. Hinrichs spielt dabei die Zeit in die Hände: Mit der Dauer der Zugehörigkeit steigt der Anteil der zahlenden Mitglieder nahezu linear an. Zahlen zu Beginn ihrer Mitgliedschaft nur wenige Prozent der Nutzer, liegt die Zahlerquote in der Gruppe der Mitglieder, die 20 Monate dabei sind, schon bei 32 Prozent. Zusätzlich sollen 2007 Marktplätze für Stellen oder Dienstleistungen, auf denen nur die Premiummitglieder als Anbieter auftreten dürfen, mehr Nutzer des Basisdienstes zum Konvertieren bewegen.

Linked In setzt auf vier Umsatzströme

Für Linked In sind die Premiummitgliedschaften, die bis zu 200 Dollar im Monat kosten, nur eine von vier Umsatzquellen, deren Summe das gerade profitabel gewordene Unternehmen aber nicht veröffentlicht. Daneben hat Linked In Marktplätze eingerichtet, verkauft Online-Werbung und richtet sich an Firmenkunden. "Die Premiummitgliedschaften sind noch die Nummer eins, aber nicht mit großem Abstand. Am schnellsten wächst aber der Stellenmarkt", sagt Guericke. Der Preis für ein Stellenangebot steige mit der Zahl der Mitglieder. "Heute kostet ein 30-Tage-Inserat 145 Dollar. Vor zwei Monaten waren es 95 Dollar und beim Start vor zwei Jahren 47 Dollar", sagt Guericke. "Die Unternehmen finden bei uns ein besseres Bewerberpotential als zum Beispiel bei Monster. Dorthin geht man nur, wenn man gerade seine Stelle verloren hat oder demnächst verlieren wird. Bei Linked In bekommt man qualitativ bessere Kandidaten rein", sagt Guericke. Die Marktplätze für Dienstleistungen basieren auf Empfehlungen. "Dort tauchen nur Dienstleister auf, die von Kunden empfohlen worden sind. Zum Beispiel, wer ist der meist empfohlene Anwalt in San Francisco oder welche Rechtsanwälte empfehlen die Menschen, die ich kenne", sagt Guericke.

Dritte Säule sei das Anzeigengeschäft. "Wir verdienen also auch Geld mit freien Mitgliedern, zum Beispiel, wenn diese auf Anzeigen klicken", sagt Guericke. Die vierte Säule sei das Firmengeschäft. Unternehmen wie Sony, T-Mobile, Wal-Mart oder Ebay zahlten zum Teil sechsstellige Beträge, um Jobs ausschreiben zu können.

Philosophie der Kontakte

Neben dem Geschäftsmodell besteht ein zentraler Unterschied in der Philosophie der Kontaktaufnahme. Auf der Xing-Plattform haben die Mitglieder inzwischen 36 Millionen Kontakte geknüpft. Je mehr Kontakte, desto besser, lautet die Philosophie, denn mit jedem Kontakt wächst die Wahrscheinlichkeit, den passenden Geschäftspartner zu finden. Allerdings kann die Kontaktfreudigkeit auch Schattenseiten haben: Wer seine Privatsphäre nicht explizit schützt, kann auch unerwünschte Kontaktanfragen oder Nachrichten bekommen.

Linked In geht einen anderen Weg. "Linked In ist in erster Linie eine Suchmaschine für Geschäftsleute", erklärt Guericke. In dem System der Amerikaner soll gar nicht jeder mit jedem Kontakt aufnehmen können. "Ein Mitglied kann nur über seine existierenden Kontakte bis zum dritten Grad angesprochen werden - nie von wildfremden Menschen", sagt Guericke. Aus reinem Eigennutz leite ein Mitglied daher nur Anfragen weiter, wenn beide Seiten davon profitieren. "Wenn die Person, mit der sich ein Mitglied verlinken möchte, sich nun außerhalb des eigenen Netzwerkes befindet, dann übernimmt Linked In die Maklerfunktion. Eine Anfrage außerhalb des eigenen Netzwerkes kostet zwischen vier und zehn Dollar", sagt Guericke. Das System reduziere unerwünschte Nachrichten sofort stark und steigere die Qualität der Anfragen. "Zusätzlich nutzen wir wie bei Ebay ein Bewertungssystem. Man überlegt sich genau, ob die Person an einer Anfrage interessiert ist, da es sonst eine negative Bewertung gibt", sagt Guericke, der im kommenden März eine deutsche Version von Linked In starten möchte.

Die Gründer, Lars Hinrichs (Open BC) und Konstantin Guericke (Linked In) haben zwei Gemeinsamkeiten: Beide sind Hamburger, und beide haben im Jahr 2003 Geschäftsnetzwerke im Internet gegründet. Doch damit hören die Parallelen auch schon auf. Zur Zeit beharken sich die beiden Gründer nach Kräften. Denn kurz nachdem der 29 Jahre alte Hinrichs den Börsengang seines Netzwerkes Open BC/Xing ankündigte, entdeckte auch Guerickes Firma Linked In mit Sitz im Silicon Valley den deutschen Markt. Seitdem ist der 39 Jahre alte Stanford-Absolvent Guericke rastlos unterwegs, um Linked In in Deutschland schön- und Open BC klein zu reden. „Außerhalb Deutschlands haben wir 16 Mal mehr Mitglieder als Open BC“, sagt Guericke.

Hinrichs kontert: „Linked In ist eine Datenbank mit inaktiven Profilen“, sagt er hanseatisch zurückhaltend, meint aber die Karteileichen, die den konkurrierenden Dienst seiner Meinung nach überhaupt nicht nutzen. Nun hat Hinrichs erst einmal Oberwasser: Mit den Millionen aus dem Börsengang kann er die internationale Expansion schnell vorantreiben. Aber erst in einigen Jahren wird sich zeigen, wer den Wettbewerb der Kontaktnetzwerke gewinnt. Klar ist schon heute: Im Internet wird nicht um Marktanteile, sondern um Märkte gerungen. Der Verlierer wird sich wohl bestenfalls mit einem Nischendasein begnügen müssen.



Text: F.A.Z., 11.12.2006, Nr. 288 / Seite 19
Bildmaterial: LinkedIn, OpenBC

 
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