Telekommunikation

Regulierer entfacht DSL-Wettbewerb auf dem Land

Von Helmut Bünder und Johannes Winkelhage

13. Mai 2008 Der Wettbewerb auf dem deutschen Telefonmarkt könnte sich weiter verschärfen. Die Bundesnetzagentur hat den Wettbewerbern der Deutschen Telekom am Dienstag eine weitere Tür zum Netz des Ex-Monopolisten geöffnet. Mit dem neuen Bitstrom-Verfahren kann die Konkurrenz mit erheblich niedrigeren Investitionen in eigenen Infrastruktur ihren Kunden komplette DSL- und Telefonanschlüsse anbieten. Wenn der Kunde zu einem Wettbewerber wechselt, ist kein Telekom-Anschluss mehr notwendig.

Für diese Variante hat die Netzagentur den Grundpreis für eine durchschnittliche Bandbreite von 50 Kilobit in der Sekunde auf 19,05 Euro im Monat festgesetzt. Dieses Entgelt darf die Telekom ihren Konkurrenten für die Datenübertragung in Rechnung stellen. Beantragt hatte sie knapp 25 Euro. Der Präsident der Netzagentur, Matthias Kurth, erwartet, dass die Telekom-Konkurrenz die neuen Möglichkeiten nutzt, um die Breitbandversorgung außerhalb der Ballungsgebiete zu verbessern. „In den bisher schlecht versorgten Gebieten entsteht ein neues Konkurrenzangebot zur Telekom. Rund 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung gewährleistet dies eine größere Wahlfreiheit“, sagte Kurth. In den großen Städten tobt bereits der Wettbewerb, weil hier alle Anbieter ihre Netze in die großen Hauptverteiler ausgebaut haben. Von der Telekom mieten sie nur noch die letzte Meile an, die Teilnehmeranschlussleitung (TAL) in die Kundenhaushalte, die im Monat 10,50 Euro kostet. Auf dem Land dagegen rechnen sich die Investitionen in eigene Infrastruktur nicht, so dass die Deutsche Telekom dort bis heute meistens der einzige Anbieter ist.

Bitstrom-Verfahren erlaubt bundesweite Kundenjagd

Mit Hilfe des neuen Bitstrom-Verfahrens können die Konkurrenten über das Netz der Telekom bundesweit auf Kundenjagd gehen. In den Ballungsgebieten rechnet Kurth nicht damit, dass Bitstrom zu großen Änderungen der Wettbewerbslage führen wird. Denn die Gesamtkosten aus eigener Infrastruktur und TAL seien niedriger als das Bitstromentgelt, sagte er. Deshalb zeichne sich dort ein beschleunigter TAL-Ausbau ab. Bis zu 4 Millionen zusätzliche Leitungen könnten in diesem Jahr geschaltet werden. Verlierer sind die Wiederverkäufer von Telekom-Anschlüssen: Ihre Kosten lägen in der Regel über dem Bitstromaufwendungen, sagte Kurth. Deshalb wertet er die jetzt genehmigten Preise als weiteren Anreiz für den Infrastrukturausbau. Die Entscheidung liege „in der Mitte der berechtigten Interessen“, sagte er.

Ganz anders sehen das die im Bundesverband Breitbandkommunikation zusammengeschlossenen Telekom-Konkurrenten mit eigenen Netzen. „Die Luft für Geschäftsmodelle auf der Grundlage alternativer Infrastrukturen wird erneut dünner“, sagte Geschäftsführer Rainer Lüddemann. Der Verband hatte einen Preis von wenigstens 23 Euro verlangt, um die Netzinvestitionen nicht zu entwerten. Das Telekomunternehmen BT prüft, Rechtsmittel gegen die Entscheidung der Netzagentur vorzugehen. Dem Unternehmen erscheint der festgesetzte Preis als zu hoch. Die Entgeltgenehmigung sei „mutlos“, weil viel zu nah am Endnutzerpreis der Telekom. Erschwingliche Breitbandanschlüsse in der Fläche werde es so nicht geben.

VDSL kann über Bitstrom nicht genutzt werden

Kurth nahm die Kritik gelassen. „Es ist wie so oft: Den einen kann der Preis gar nicht hoch genug sein, die anderen wollen möglichst noch preiswertere Vorleistungen“. Der Meinungsgraben verlaufe mitten durch die Schar der Wettbewerber, je nach ihrem Geschäftsmodell, sagte er. Hoffnung auf jetzt kräftig sinkende Preise macht die Netzagentur nicht. Ein beschleunigter Preisrückgang für DSL sei durch Bitstrom nicht zu erwarten. Die Paketpreise lägen ohnehin „nicht signifikant über dem Bitstromvorleistungspreis“. Die preiswertesten Komplettangebote bieten derzeit für 25 Euro einen Anschluss mit Internet und Telefon. Für Bitstrom müssen Wettbewerber ihr eigenes Netz nur noch an etwas mehr als 70 Punkten mit dem der Telekom zusammenschalten. Dahinter nutzen sie die Telekom-Infrastruktur für den Weg zu den Kunden. Bisher mussten Unternehmen wie Arcor, Hansenet (Alice) oder Telefónica, Versatel und BT ihre eigene Technik in die nah am Kunden liegenden Vermittlungsstellen der Telekom bringen. Von diesen Hauptverteilern gibt es rund 8000. Von ihnen ist nicht einmal die Hälfte von der Konkurrenz erschlossen.

Das VDSL-Hochgeschwindigkeitsnetz der Telekom kann über Bitstrom nicht genutzt werden. „VDSL gehört nicht zum Bitstrommarkt“, sagte Kurth. Die Grenze werde anhand der Substituierbarkeit von ADSL-Verbindungen definiert, die zur Zeit höchstens eine Bandbreite von etwa 16 Megabit in der Sekunde schaffen. Verhandlungen zwischen Konkurrenten und der Telekom über einen Zugang zum VDSL-Netz haben bisher nicht zu einem Ergebnis geführt. Breko-Präsident Peer Knauer hat der Netzagentur deshalb Untätigkeit vorgeworfen und sie öffentlich aufgefordert, die die Zugangsbedingungen und Preise behördlich festzusetzen. Kurth wies das zurück. Es sei dafür bisher kein einziger Antrag bei der Netzagentur eingegangen. „Ich bin erstaunt, dass manche Wettbewerber die Grundlagen des Telekommunikationsrechts nicht zu kennen scheinen“, sagte er. Die Netzagentur habe die technischen Vorgaben definiert. Jetzt gelte der Vorrang des Vertragsrechts. Erst wenn die Verhandlungen mit der Telekom endgültig scheitern sollte, sei die Netzagentur zu einer weitergehenden behördlichen Regulierung befugt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth - F.A.Z.

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