Von Johannes Winkelhage
06. Februar 2006 Der Markt für mobile Navigationsgeräte ist im Jahr 2005 kräftig gewachsen. Experten des britischen Markforschungsinstituts Canalys gehen von mehr als 6,8 Millionen Einheiten aus, die allein in Europa verkauft wurden. Dies entspricht einem Wachstum von 164 Prozent gegenüber dem Vorjahr, in dem 2,6 Millionen Einheiten verkauft wurden.
Die Beobachter der Gesellschaft für Konsumforschung zählten 2005 in jedem Monat sieben neue Geräte auf der Basis des satellitengestützten Positionierungssystems GPS in den deutschen Regalen. "Ein Ende dieser sprunghaften Nachfragesteigerung ist nicht in Sicht", sagt Chris Jones, Director und Analyst von Canalys. Auch für das Jahr 2006 rechnet er mit einem Wachstum auf dem Niveau des Vorjahres. Ein Grund dafür: Die Geräte - einst teure Statussymbole - werden immer preiswerter.
Ein Ende des Preisverfalls ist nicht zu sehen
"Wir haben in jüngster Zeit Zuwachsraten bei den Navigationslösungen von deutlich mehr als 100 Prozent im Jahr gesehen, der Umsatz der Branche ist aber nur um etwa 65 Prozent gewachsen." So beschreibt Christian Bubenheim die Dimension des Preisverfalls. Er ist beim französischen Konzern Thales für das unter der Marke Magellan geführte Geschäft mit den Endkunden verantwortlich. Vor allem in Europa sind die Preise nach seinen Angaben in den vergangenen zwei Jahren stark gefallen, und ein Ende dieser Spirale ist nicht abzusehen.
Auf der anderen Seite stimulieren die niedrigen Preise - funktionierende Navigationslösungen sind heute schon für wenige hundert Euro zu haben - aber auch die Nachfrage und nähren das Wachstum auf diesem Markt. Zudem werden immer mehr Funktionen, wie zum Beispiel der Empfang und die Anzeige von Staumeldungen. in die Geräte integriert.
Kombinierte Geräte verlieren Marktanteile
Inzwischen setzen die Verbraucher nach Angaben von Jones immer stärker auf einfach zu bedienende Komplettgeräte, die speziell für die Navigation ausgelegt sind. Die bisher häufig genutzten Lösungen aus einer Kombination von Taschencomputer (PDA) und spezieller Zusatzausstattung zum Empfang des GPS-Signals verlieren nach Angaben von Jones hingegen an Marktanteil. So rechnet Canalys für das Jahr 2005 - die endgültigen Zahlen werden erst in einigen Wochen veröffentlicht - damit, daß rund 56 Prozent der Käufer sich für ein dezidiertes Navigationsgerät entschieden haben. Eine PDA-Lösung wurde von 34 Prozent favorisiert. Die restlichen 10 Prozent entfallen auf Mobiltelefone mit einer Navigationsfunktion.
Von dem Aufschwung, den die Branche in den vergangenen 24 Monaten erlebt hat, profitieren alle Stufen der Wertschöpfungskette, die sich in drei große Bereiche gliedert. Auf der einen können Unternehmen wie die amerikanische Sirf Technology profitieren, die die Chips für den Empfang des GPS-Signals produzieren und damit den Grundstein für eine genaue Positionierung legen. Neben dem Marktführer Sirf produzieren aber auch Thales, Motorola oder Qualcomm diese speziellen Chips für die Navigation.
Wachstumstreiber ist der Einsatz im Straßenverkehr
Auf den vom Empfangschip gelieferten Daten setzen dann die Anbieter des Kartenmaterials auf, die den vom GPS ermittelten Standpunkt des Nutzers auf verschiedenen Kartenformen darstellen können. Nach Angaben von Bubenheim unterscheidet man hier zwischen den schwierig zu erstellenden topographischen Karten für zum Beispiel Wanderer, Seekarten für den marinen Einsatz und den am häufigsten genutzten Karten für die mobile Navigation im Straßenverkehr. Gerade dieses Segment hat sich in den vergangenen Jahren zum Wachstumstreiber des Marktes entwickelt.
Zu den großen Anbietern mit einer eigenen Produktion von digitalen Karten für die Straßennavigation gehören das amerikanische Unternehmen Navteq und Tele Atlas aus den Niederlanden, die zur Kartenerstellung mit eigenen Meßfahrzeugen unterwegs sind und alle Straßen einzeln abfahren. Bei den topographischen Karten sind Thales und der Wettbewerber Garmin stark vertreten.
Hohe Margen bei Kartenproduzenten und Geräteherstellern
Am Schluß der Wertschöpfungskette stehen dann die Hersteller von Komplettlösungen, die aus Navigationschip und Kartenmaterial funktionierende Gesamtlösungen machen. Hier dominiert das Unternehmen Mitac aus Taiwan den internationalen Markt und beliefert fast alle großen Anbieter, die die Geräte dann unter eigenem Namen in den Handel bringen. Aber auch andere Hersteller aus Asien drängen nach Angaben von Jones derzeit mit Macht in diesen Markt.
Während sich die Preise für die GPS-Chips in den vergangenen Monaten fast halbiert haben und entsprechend auch die Margen der Anbieter gesunken sind, kalkulieren die Kartenproduzenten und die Hersteller der Geräte noch mit relativ hohen Margen, die nach Angaben aus der Branche zwischen 30 und 40 Prozent liegen können.
Die Penetrationsrate ist noch relativ niedrig
Trotz der stark gewachsenen Verkaufszahlen ist aber die Penetrationsrate der Geräte noch relativ niedrig. So sind nach Angaben von Bubenheim in Europa erst 15 bis 20 Prozent der Fahrzeuge mit einer Navigationslösung ausgestattet. In den Vereinigten Staaten liegt dieser Wert mit 5 bis 10 Prozent sogar noch deutlich niedriger. Allein in Japan hat die Penetration schon die Marke von 60 Prozent erreicht. Auch dies sieht der Thales-Manager als Indiz dafür, daß der Markt in Europa und den Vereinigten Staaten auch in den kommenden Jahren noch mit einer ähnlichen Geschwindigkeit wie bisher zulegen wird.
Das Wachstum des Marktes lebt allerdings weniger von den fest in die Automobile installierten Geräten als von den Nachrüstsätzen, die als mobile Lösungen in den Wagen genutzt werden können. Der Grund hierfür ist schlicht der Preisunterschied zwischen den verschiedenen Varianten. Während für die fest installierte Navigation meist mehr als 1000 Euro an den Automobilhersteller gezahlt werden müssen, sind die kleinen Nachrüstsätze schon für deutlich weniger als die Hälfte dieser Kosten haben.
Wachsende Integration in alle mobilen Geräte - auch Handys
Der Preisunterschied resultiert nach Angaben von Bubenheim vor allem aus den extremen Anforderungen, denen die Einbaugeräte standhalten müssen. "Die Kriterien ähneln denen, die auch das Militär an seine Ausrüstung anlegt. So müssen die Geräte nach den Spezifikationen der Autohersteller Temperaturen zwischen 100 Grad Celsius plus und 40 Grad minus aushalten und auch von harten Stößen unbeeindruckt weiter ihren Dienst verrichten", erklärt er.
Angesichts der sinkenden Preise für die GPS-Chips erwartet Bubenheim, daß diese Empfänger künftig in eine weitaus größere Zahl von Geräten integriert sein werden. "Ich gehe davon aus, daß wir eine Funktion zur Positionsbestimmung in den nächsten 5 bis 10 Jahren in nahezu 80 Prozent aller mobilen Lösungen sehen werden. Es wird einfach zum Standard gehören."
Zu diesen Geräten rechnet er auch die Mobiltelefone, die heute schon in Einzelfällen über eine GPS-gestützte Positionsbestimmung verfügen. "Auch das Handy wird zu einem Hilfswerkzeug für die Navigation werden. Der Markt wird sich aber nicht einseitig auf das Mobiltelefon verlassen", erwartet Bubenheim. Er gab auch an, Thales spreche mit Herstellern von Mobiltelefonen über eine Kooperation. Unter der Marke Magellan werde aber voraussichtlich kein Telefon mit Navigationsfunktion auf den Markt gebracht.
Zukunft: Nicht alle Fahrer gleichzeitig auf die gleiche Umleitung schicken
Damit würde auch eine deutlich höhere Penetration solcher Geräte einhergehen, was nach Ansicht des Thales-Managers auch zu neuen Diensten wie zum Beispiel einer wirklichen Steuerung von Verkehrsströmen genutzt werden könne. Dies sei erst möglich, wenn eine individuelle Routenplanung anhand der aktuellen Verkehrsituation vorgenommen werden könne, die nicht alle Fahrer gleichzeitig auf die gleiche Umleitung schickt, um zum Beispiel einen Stau zu umfahren.
Bubenheim rechnet darüber hinaus mit einer weiteren Konsolidierung in der Branche. So ist die Einheit Thales Navigation selber aus fünf einzelnen Unternehmen zusammengestellt worden, und im Jahr 2005 hat es auch kleinere Zusammenschlüsse von Unternehmen gegeben. "Wenn der Markt für die ganz großen Spieler interessant wird - und genau das passiert zur Zeit -, wird hier noch einiges geschehen", erwartet er. So interessieren sich inzwischen zum Beispiel Unternehmen wie Sony oder auch Samsung für das Thema Navigation.
Text: F.A.Z., 06.02.2006, Nr. 31 / Seite 19
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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