Von Holger Schmidt
12. Oktober 2003 Telefonieren, spielen, im Internet surfen, Musik hören - N-Gage hat das Zeug, das neue Universalwerkzeug der jugendlichen Spaßgesellschaft zu werden. Sechs Millionen Male will der finnische Handyproduzent Nokia sein brandneues Spielzeug in den kommenden zwei Jahren verkaufen. Und damit spielerisch einen neuen Markt erobern, den bisher Nintendo mit dem Gameboy beherrscht und dem Fachleute schon bald ein Volumen von mehreren Milliarden Dollar zutrauen: Den Markt der mobilen Spieleterminals, mit denen die Besitzer allein oder - das ist neu - per Kurzstreckenfunk oder Mobilfunk mit Freunden in aller Welt spielen können.
An der Verknüpfung der populären Spiele wie Lara Croft oder SonicN mit dem Mobilfunk möchten viele Unternehmen viel Geld verdienen: der Gerätehersteller, die Spiele-Entwickler, die Handy-Netzbetreiber, der Handel und nicht zuletzt die Spieleportale. "Wir bilden ein völlig neues Geschäftssystem", sagt Nokia-Chef Jorma Ollila über sein neues Lieblingsspielzeug.
Riesige Wachstumschancen
An dem ausgeklügelten System wird an erster Stelle natürlich Nokia als Gerätehersteller verdienen. Rund 350 Euro kostet ein N-Gage ohne Handy-Kartenvertrag zur Zeit. Schließt der Käufer einen Mobilfunk-Vertrag mit ab, subventionieren die Netzbetreiber das Gerät auf Preise unter 50 Euro herunter. Der Stuttgarter Mobilfunk-Diensteanbieter Debitel verlangt für N-Gage gar nur einen Euro.
Die Finnen bauen aber nicht nur die Geräte, sondern entwickeln auch einen Teil der Spiele. Marktforscher sehen im Markt der Handy-Spiele riesige Wachstumschancen. Vor allem das Geschäft mit der Spiele-Software wird in den kommenden Jahren richtig Fahrt aufnehmen. Nach Ansicht der Marktforscher von Frost & Sullivan wird der Softwaremarkt schon im Jahr 2006 ein Volumen von 6,2 Milliarden Euro in Europa erreichen. Als heißeste Märkte für Handy-Spiele gelten Südkorea und Japan.
Verbindung mit Bluetooth
Mit dem Kauf einer Softwaresparte des japanischen Spezialisten Sega hat sich Nokia das nötige Wissen für den neuen Markt an Bord geholt. Die abgeworbenen Sega-Entwickler konzentrieren sich auf interaktive Spiele, in denen sich die Akteure während des Spiels an verschiedenen Orten befinden.
Zwar ist diese Form des verteilten Spielens schon heute mit stationären Internet-Computern möglich. N-Gage geht aber neue Wege: Die Spieler können überall spielen, denn die Datenpakete werden durch die Luft gefunkt. Für Spieler, die sich in Sichtweise zueinander befinden, wird die Verbindung mit dem Kurzstreckenfunk Bluetooth hergestellt.
Spielepartner aus aller Welt
Spieler an verschiedenen Orten nehmen über den Mobilfunk miteinander Verbindung auf. An dieser Stelle kommen die Netzbetreiber wie T-Mobile oder Vodafone ins Spiel: Sie verdienen an den Mobilfunk-Verbindungen der Spieler. Abgerechnet werden die übertragenen Daten, nicht die Spielzeit. "Die übertragenen Datenmengen sind aber minimal", beruhigt Nokia. In Amerika hat der erste Netzbetreiber einen Pauschaltarif für die Spieler angeboten, damit die Verbindungskosten überschaubar bleiben.
Das Geldverdienen für Nokia geht aber weiter. Anlaufpunkt für die Spieler ist die N-Gage-Arena von Nokia. In der virtuellen Spielergemeinschaft lassen sich Partner in aller Welt finden. Bis weit in das nächste Jahr hinein wird die Nutzung der N-Gage-Arena kostenfrei bleiben. Später wird Nokia auch für diese Leistung Geld verlangen. "Die Preise stehen aber noch nicht fest", so die Finnen.
Mehr als die Hälfte der Blockbuster
Sie sind clever genug, die nötigen Spiele nicht nur in Eigenregie zu produzieren. Zu groß ist der Vorsprung des Gameboys von Nintendo. Deshalb haben große Spiele-Entwickler wie Electronic Arts, Eidos oder Sega einige bekannte Spiele wie Tomb Raider oder Tony Hawks Pro Skater auf N-Gage übertragen. Noch ist die Auswahl mit sieben verfügbaren Spielen bescheiden, doch schon zum Weihnachtsgeschäft sollen neue Spiele hinzukommen.
"Wir haben aber mehr als die Hälfte der Blockbuster-Spiele im Angebot", sagt Nokia-Sprecherin Kristina Rücken. Im Laufe des kommenden Jahres sollen zwischen 50 und 100 Spiele angeboten werden. Die Spiele kosten im Durchschnitt rund 40 Euro. Hieran verdienen Nokia, die Spiele-Entwickler und auch der Handel. Da die Spiele große Datenmengen benötigen, lassen sie sich heute noch nicht über die Mobilfunkverbindung auf das Terminal übertragen. Statt dessen werden die Spiele auf kleinen Speicherkarten im Handel verkauft. Nur die Netzbetreiber bleiben an dieser Stelle noch außen vor. Wenn die Übertragungskapazitäten mit der dritten Mobilfunkgeneration UMTS ansteigen, können Spiele auch direkt auf das mobile Terminal geladen werden.
Konkurrenz in den Startlöchern
Weitere Profiteure sind Handy-Portale wie Jamba. "Wir haben in den ersten drei Tagen nach dem N-Gage-Start bereits 10000 Spiele verkauft" sagt Jamba-Sprecher Tilo Bonow. Jamba bietet abgespeckte Handy-Spiele an, die mit Preisen um die fünf Euro deutlich billiger als die aufwendigen N-Gage-Produktionen sind. Jamba profitiert vom Höhenflug der Handy-Spiele: "Im September wurden rund 580000 Spiele heruntergeladen. Jeden Monat wächst die Zahl um bis zu 35 Prozent", sagt Jamba-Gründer Oliver Samwer. N-Gage wird den Spielemarkt voranbringen. Aber "Der N-Gage-Markt wird wie der Markt der PC-Konsolen zwischen wenigen Akteuren aufgeteilt", erwartet Samwer.
Die Sieger in diesem heißumkämpften Markt stehen aber noch nicht fest. Denn Marktführer Nintendo bekommt nicht nur von Nokia Konkurrenz. Schon im kommenden Jahr will der japanische Unterhaltungsriese Sony eine tragbare Version seiner erfolgreichen Spielekonsole "Playstation" auf den Markt bringen. Ähnlich wie Nintendos Gameboy verzichtet das Sony-Spielgerät aber auf Handy-Funktionen. Statt dessen soll die Playstation für unterwegs auch einen DVD-Spieler haben, um Filme anzuschauen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2003, Nr. 41 / Seite 44
Bildmaterial: F.A.Z.
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