24. Juni 2008 Wie Perlen an einer Kette aufgereiht sitzen sie da. Alle ohne Schlips, aber mit bester Laune. Ein knappes Dutzend Mobilfunkmanager aus aller Welt macht sich in einem Londoner Hotel vor der Presse gegenseitig Mut. Sie reden in Superlativen und loben unisono Nokia - in den höchsten Tönen. Das passiert dem größten Handyhersteller der Welt nur selten.
Wir rüsten die Welt für die mobile Zukunft aus, erklärt entsprechend selbstbewusst Kai Öistämö, der für Nokia das Handygeschäft leitet. Der heutige Schritt wird in die Geschichte des Mobilfunks eingehen, freut sich auch Nigel Clifford, Vorstandsvorsitzender von Symbian, dem Anbieter des gleichnamigen Betriebssystems für Handys. Ähnlich optimistische Töne kommen, live im Internet übertragen, von Vodafone, den Handyherstellern LG, Motorola und Sony-Ericsson oder Texas Instrument und ST Microsystems. Die ganze Wertschöpfungskette des Mobilfunks freut sich. Was aber ist geschehen?
Nokia übernimmt Symbian
Nokia schlägt zurück. Die Finnen sagen Google, Apple und Microsoft den Kampf an, gehen einen eigenen Weg und hoffen, dass ihnen viele Unternehmen folgen. Am frühen Dienstag morgen hatte der finnische Handyhersteller angekündigt, alle ausstehenden Anteile an Symbian, dem größten Anbieter von Betriebssystemen für Mobiltelefone, zu übernehmen. Das lässt sich Nokia 264 Millionen Euro kosten. Bisher hielt Nokia knapp 48 Prozent an Symbian. Daneben waren aber auch Sony-Ericsson (13,1 Prozent) und Ericsson selber (15,6) sowie Panasonic (10,5), Siemens (8,4) und Samsung (4,5 Prozent) an Symbian beteiligt. Das 1998 gegründete Unternehmen sollte ein Betriebssystem für die modernen Multimediahandys entwickeln und war darin auch recht erfolgreich.
Die Geräte werden auch als Smartphones bezeichnet und erfreuen sich einer sprunghaft wachsenden Beliebtheit. Allein im ersten Quartal des laufenden Jahres wurden mehr als 32 Millionen Smartphones verkauft. Das sind 29 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, haben die Marktbeobachter von Gartner ausgerechnet. Der Anteil von Nokia erreicht in diesem Marktsegment 45 Prozent.
Druck auf Google, Microsoft und Apple
Mit der Komplettübernahme von Symbian reagiert Nokia jetzt auf die wachsende Konkurrenz von Google, Microsoft und auch Apple. Es geht in diesem Geschäft um die entscheidende Frage: Wer besetzt mit seiner Software den Handybildschirm, und damit die entscheidende Schnittstelle zwischen Gerät und Nutzer? Diese ist maßgeblich daran beteiligt, ob die Kunden ein Gerät als attraktiv empfindet oder welche Anwendungen auf dem Gerät laufen.
Die Finnen gehen aber noch einen Schritt weiter und setzen den Markt dadurch gehörig unter Druck: Nokia bringt die Symbian-Software vollständig in eine unabhängige Stiftung ein - und diese wird das Betriebssystem ihren Mitgliedern künftig kostenlos zur Verfügung stellen. Die Mitgliedschaft kostet allerdings nur 1500 Dollar im Jahr, und jedes Unternehmen kann Mitglied werden. Schon heute sind die wesentlichen Akteure auf dem Markt der Stiftung beigetreten, und in Unternehmenskreisen von Nokia wird damit gerechnet, dass schnell eine dreistellige Mitgliederzahl erreicht wird.
Das Kostenlos-Prinzip: Nichts Neues
Dies Kostenlos-Prinzip klingt bekannt. Am 5. November des vergangenen Jahres hatte Google den Mobilfunkmarkt erschüttert. In Kalifornien kündigte der Suchmaschinenbetreiber die Entwicklung eines kostenlosen Betriebssystems für Handys mit dem Namen Android an. Eine Allianz aus Netzbetreibern, Handyherstellern und Softwarehäusern unterstützt seither das Projekt.
Ebenso lange ranken sich auch wilde Spekulationen darum, welchen und wie viel Platz Google durch seinen Einfluss auf Android künftig in der Wertschöfpungskette des Mobilfunks einnehmen werde. Der daraus entstandenen Verunsicherung schiebt Nokia mit dem Aufbau der Symbian-Stiftung zunächst einmal einen Riegel vor - und sorgt für zufriedene Gesichter in der Branche.
Neben Nokia geben auch Sony-Ericsson, NTT Docomo aus Japan und Motorola kleinere Softwareteile in die Stiftung hinein. Schon Anfang 2009 soll diese die Arbeit aufnehmen und den Quellcode der Software veröffentlichen. In der zweiten Hälfte soll dann die erste integrierte Softwareplattform von Symbian vorliegen, auf deren Basis Programmierer Anwendungen schreiben können.
Lieblingsfeind Microsoft legt zu
Auf diese Anwendergemeinden, die sich um Programme für die unterschiedlichen Betriebssysteme kümmern, setzt Symbian. Darauf setzen aber auch Google und Microsoft. Wir haben heute schon rund 4 Millionen Entwickler, die Software für Symbian schreiben und wir haben 200 Millionen Symbian-Geräte im Markt, die zeigen, dass die Software funktioniert, sagt Clifford und spielt damit auf Schwierigkeiten an, die Google derzeit mit Android hat. Erst am Montag hatte die Google-Allianz eingeräumt, dass die ersten Geräte erst im kommenden Jahr auf den Markt kommen würden. Bisher war immer von Ende des Jahres 2008 die Rede gewesen.
Hinter vorgehaltener Hand wird Nokia noch deutlicher. Google hat noch kein einziges Gerät im Markt. Sie haben noch nichts geliefert, heißt es im Umfeld des Unternehmens. Nokia ist kein Mitglied der Android-Allianz.
Neben Google ist auch Microsoft einer der Lieblingsfeinde der Finnen, und die Gründung der Stiftung sowie die kostenlose Abgabe der Software ist auch ein Versuch, sich gegen das Konkurrenzprodukt Windows-Mobile noch stärker durchzusetzen. Nokia hat zwar den größten Marktanteil an den verkauften Smartphones, Geräte mit Windows-Mobile legen aber inzwischen kräftig zu. Rund 20 Millionen Lizenzen hat Microsoft im Jahr 2008 verkauft - Symbian landete bei 80 Millionen. Davon entfielen 60 Millionen auf Nokia
Teure Lizenzkosten umgangen
Dies ist auch der Grund, warum die vollständige Übernahme sich für Nokia ebenso rechnet wie die künftig kostenlose Verteilung der Software. Nokia zahlte als weitaus größter Kunde von Symbian im vergangenen Jahr einen kleineren dreistelligen Millionenbetrag in Euro an Symbian. Diese Lizenzkosten hätten sich in dem schnell wachsenden Smartphone-Markt stetig gesteigert und wären letztlich zu einer Subvention der kleineren Anteilseiger geführt. Nokia fährt als Handyhersteller ohne Lizenzkosten besser.
Microsoft hingegen will an seiner Strategie festhalten und das Betriebssystem weiterhin verkaufen. Ein Sprecher erklärte auf Anfrage, man beobachte die Entwicklung zwar sehr genau, sehe aber derzeit keinen Grund, das Geschäftsmodell zu ändern.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
Internationaler Finanzmarkt: Keine Eile mit dem ![]()
Die Europäische Kommission fordert eine eigene EU-Steuer
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