Gratiszeitungen

Die Skandinavier sind hungrig

Von Robert von Lucius

11. Juli 2005 Große nordeuropäische Medienhäuser haben den deutschen Markt entdeckt. Fünf Medienkonzerne mit übernationaler Geltung gibt es in Nordeuropa - die finnische Sanoma-Gruppe, die schwedischen Bonnier und Metro sowie die norwegischen Orkla Media und Schibsted.

Vier von diesen sind in Deutschland schon präsent oder bereiten das derzeit vor, Bonnier indes bisher nur mit seinen Buchverlagen. Dort wurden die Stockholmer binnen kurzem eine der großen Verlagsgruppen dank ihrer Tochtergesellschaft Carlsen Verlag mit der Geldmaschine Harry Potter. Sie half, einige der Traditionsnamen zu erwerben: Ullstein, R. Piper, Econ, Propyläen, List.

Orkla Media erwarb Ende vergangener Woche die „Netzeitung“, die größte deutsche Internetzeitung, die ihre Wurzeln vor knapp fünf Jahren in Norwegen hatte: Ein Norweger, der zuvor mit der „Nettavisen“ eine Internetzeitung in Oslo begann, gründete auch sie. Und Orkla Media bekundete, dies sei nur der Beginn, man habe in Deutschland „weitere Pläne und Projekte“. Wirklich beunruhigen dürfte deutsche Verlagshäuser aber die nordische Konkurrenz nur auf einem Markt - dem der Gratiszeitungen, die an U-Bahnen und auf Bussen verteilt werden und bei denen Metro International und Schibsted sich den internationalen Markt aufteilen. Das Augenmerk richtete sich bisher auf Metro, die auf fast allen großen europäischen Märkten außer Deutschland und in vielen anderen Weltteilen von einem Erfolg zum nächsten eilt und die offenkundig in Deutschland herumhorcht und Kontakte sucht.

Schibsted: „Siegen“ auf Einzelmärkten, „nicht global“

In ihrem Schatten bewegt sich Schibsted fast unbemerkt; fast, weil sie vor vier Jahren gar nicht scheu war beim „Kölner Zeitungskrieg“. Damals gab Schibsted nach neunzehn Monaten auf beim Versuch, „Zwanzig Minuten Köln“ als Gratiszeitung zu etablieren: Springer und vor allem DuMont Schauberg hatten Gegenzeitungen auf den Markt gebracht. 2001 hatte Schibsted schon auf andere Großstädte gezielt mit Hamburg, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, München und Stuttgart. In der Schweiz und vor allem Spanien und Frankreich ist das Zwanzig-Minuten-Konzept, das sich anders als die Metro-Ausgaben in Format und Darstellungsweise regional unterscheidet, dagegen erfolgreich.

„20 Minutes“ ist mit 2,3 Millionen Lesern täglich in Paris und mehreren Regionalausgaben die zweitgrößte französische Tageszeitung, und auch in Spanien liegt Schibsted mit 1,8 Millionen Lesern vor dem ewigen Rivalen Metro. In der Schweiz und in Spanien bringen die Gratiszeitungen Gewinn. Man wolle „siegen“ auf Einzelmärkten, sagt Schibsted, „nicht global“. Suche nach Kooperationspartnern und Gespräche mit RTL und Holtzbrinck - es gibt sie, bestätigen wollen dies die diskreten Herren in Oslo aber nicht - deuten darauf hin, daß Schibsted wie auch Metro wieder nach Deutschland dringen, jenem Markt, den Schibsted vor vier Jahren als „verbissen“ bezeichnete. Im August soll es soweit sein, mitten im Sommer, mitten im deutschen Wahlkampf.

Einiges spricht dafür, daß Schibsted hungrig ist. Der Konzernumsatz mit 1,2 Milliarden Euro und der Betriebsgewinn von 108 Millionen Euro erreichten im Vorjahr Rekordhöhen; Schibsted stockte vor gut einem Jahr seinen Anteil an der Zwanzig-Minuten-Holding für 55 Millionen Euro von 41 auf 98 Prozent auf; und die Scharte der Niederlage gegen Bonnier bei dem „nordischen Krieg“ um die Vormacht beim kommerziellen Fernsehen will der Konzernchef Kjell Aamot wettmachen. Dabei sind Gratiszeitungen nur ein Standbein von Schibsted.

Keine Einflußnahme auf die Linie der Redaktion

Der Konzern verlegt die beiden größten Tageszeitungen Norwegens, die anspruchsvolle „Aftenposten“ sowie das Boulevardblatt VG, und in Schweden mit dem „Svenska Dagbladet“ die kleinere, aber bessere der beiden national verbreiteten Tageszeitungen und mit dem „Aftonbladet“ (mit 450.000 die auflagenstärkste Zeitung Nordeuropas) eine der beiden großen Boulevardzeitungen. Dabei zeigt sich, daß Schibsted bei der parteipolitischen Ausrichtung der Redaktion sich nicht einmischt: „Aftenposten“ und „Svenska Dagbladet“ sind bürgerlich-liberal, das „Aftonbladet“ sozialdemokratisch. Zudem ist Schibsted engagiert beim norwegischen und schwedischen Privatfernsehen (TV2, TV4); bei Online und Mobilfunk; Buchclub und Buchverlagen; Marktführer in der norwegischen Film- und Fernsehindustrie (Metronome) und Inhaber der größten nordischen Fotoagentur Scanpix; zudem Verleger der angesehensten Zeitung Estlands, „Postimees“. An Gratiszeitungen hat Schibsted sich erst seit 1999 gewagt.

Von Orkla Media - dort sind Medien nur ein Standbein eines amorphen Industriekonzerns, der von Nahrungsmitteln bis zur Metallverarbeitung reicht - und Metro unterscheidet sich Schibsted vor allem in einem Punkt: Während Orkla Media und Metro erst innerhalb der letzten zehn Jahre entstanden oder zumindest bedeutend wurden, kann Schibsted auf eine Tradition verweisen, die drei Jahrhunderte umspannt.

Bescheidener hätte der Beginn des größten norwegischen Medienkonzerns kaum sein können: Der Gründer Christian Michael Schibsted, Sohn dänischer Einwanderer aus Skibsted bei Älborg, wurde früh Waise. Das Waisenhaus von Oslo, das damals Christiania hieß, besaß eine Druckerei, bei der Christian zum Setzer und Buchdrucker ausgebildet wurde.

Demnächst auch in Frankfurt oder Stuttgart?

Im Alter von 31 Jahren übernahm er eine Druckerei, die bald den Druck eines erfolgreichen Witzblattes übernahm, das dann zur liberalen Tageszeitung „Aftenbladet“ wurde. Deren Redakteur Bjornstjerne Bjornson veröffentlichte dort erstmals sein Lied „Ja, vi elsker“ (Ja, wir lieben dieses Land), das später zur Nationalhymne des unabhängigen Norwegen wurde. Der spätere Literatur-Nobelpreisträger Bjornson schuf mit seiner Linie Kontroversen, die Zeitung wurde verkauft, und Schibsted gründete, um seine Druckerei zu nutzen, eine weitere Zeitung: 1861 übernahm sie den Namen „Aftenposten“, die seit mehr als einem Jahrhundert die führende Qualitätszeitung Norwegens ist.

Der Gründersohn Amandus Schibsted, ein ungewöhnlich begabter Journalist und Verleger, führte moderne Nachrichtenübermittlung ein und schnellere Druckmethoden. Bei einem aber blieb Schibsted seiner Tradition treu: Die Redaktionsanschrift in der Akersgaten 51 auf halbem Weg zwischen Parlament und Sitz des Ministerpräsidenten im Herzen Oslos blieb, auch wenn aus dem kleinen zweistöckigen Haus ein Hochhaus wurde. Welche Rolle „Aftenposten“ schon vor einem Jahrhundert in der norwegischen Geschichte spielte, ist im Schibsted-Museum an einer norwegischen Fahne zu sehen: Sie hatte der Polarforscher Roald Amundsen 1911 am Südpol gehißt, den er mit Unterstützung der Zeitung erreichte.

Der Wechsel vom Familienbetrieb zum umfassenden Medienkonzern kam 1988 mit der Gründung der Schibsted Asa und 1992 mit der Börsennotierung, auch wenn die Familie Nagell-Erichsen ihren Einfluß behielt: mit jetzt 8,5 Millionen Zeitungslesern täglich, fünfzehn Millionen Fernsehzuschauern wöchentlich und drei Millionen Büchern im Vorjahr. Und mit „20 Minuten“, die bisher in 17 Städten publiziert wird. Demnächst auch in Frankfurt oder Stuttgart?



Text: F.A.Z., 11.07.2005, Nr. 158 / Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
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