Informatik

Programmieren zum Wohl der Menschheit

Von Detlef Borchers

07. März 2005 Wenn sich eine Messe als größte Computermesse der Welt etabliert hat, braucht sie unmittelbaren Bedeutungsverlust nicht mehr zu fürchten. Und doch hat die Cebit, die am Donnerstag ihre Tore öffnet, ein Problem. Der größte Softwarekonzern der Welt, Microsoft, hat dasselbe Problem. Und nicht nur er.

Das Problem heißt "freie Software". Das sind Programme, die jedermann unter Beachtung bestimmter Lizenzbedingungen kostenlos installieren und nutzen kann. Das weitverbreitete PC-Betriebssystem Linux ist der bekannteste Vertreter. Programmierer, die freie Software schreiben und sich als "Hacker" im positiven Sinn bezeichnen, bestimmen seit einigen Jahren zunehmend die Themen und den Ton in der Branche. Und sie stellen Produkte her, die unschlagbar günstig und unschlagbar vertrauenswürdig sind.

Die Rache von Netscape

Jüngstes Beispiel ist der frei verfügbare Web-Browser Firefox. Er brachte Bill Gates und Microsoft dazu, eine neue Version des eigenen Internet Explorers noch für diesen Sommer anzukündigen. Microsoft hatte den Markt zuvor total beherrscht und sich über Jahre hinweg bequem zurückgelehnt. Seinen Browser packte es mehr oder weniger unverändert dem Betriebssystem Windows kostenlos bei - eine Methode, mit der das Unternehmen seinerzeit den Browser-Pionier Netscape eingeholt, überholt und aus dem Markt gedrängt hatte. Microsoft war dabei, auch die zwangsläufigen Folgen des Monopols auszusitzen: die Häufung von dramatischen Sicherheitslücken im Programmcode des Internet Explorer, die von zahllosen Viren- und Wurmprogrammen ausgenutzt wurden. Da konnten Sicherheitsexperten noch so deutlich warnen, den Explorer überhaupt noch einzusetzen - es gab lange Jahre einfach kein anderes Angebot, das kostenlos und ähnlich leistungsfähig war. Bis die Rache von Netscape kam.

Der letzte Programmcode der todgeweihten Firma landete schon 1998 bei einem gemeinnützigen Verein namens Mozilla.org. Eine Horde überzeugter Programmierer hat ihn seitdem zum heutigen Firefox hochfrisiert. Firefox ist ein ungemein schlankes, praktisches Stück Software, frei verfügbar und schon deswegen von Sicherheitsmängeln nicht geplagt, weil es eben nicht Jahre der Verfettung in der Umgebung von Microsoft-Programmen hinter sich hat. Wie das im Zeitalter der Internet-Wirtschaft so ist, stieg die Avantgarde der Nutzer binnen Tagen oder gar Stunden auf das bessere Produkt um. Daß die Freunde von Firefox auch noch ganzseitige Zeitungsanzeigen schalteten, half natürlich. Andere freie Projekte brauchen solche Unterstützung nicht einmal.

Apache verteidigt seine Marktlücke

Der Webserver Apache etwa verteidigt seine Marktlücke, die in der Auslieferung von Websites an die Nutzer besteht, seit Urzeiten gegen sämtliche kommerziellen Konkurrenten; Apache ist in diesem Sinn die erfolgreichste freie Software überhaupt. Ob es nun um Netzerkundungsprogramme wie Ethereal geht oder um die Steuerung von digitalen Videorekordern - an vielen Orten sind längst Programmcodes im Einsatz, die irgendein Programmierer der Welt einfach so geschenkt hat. Meist in Form von "Open Source", also mit offenliegendem Quelltext, der von jedermann frei veränderbar ist, freilich nur unter der Maßgabe, daß andere ihre Verbesserungen ebenfalls verschenken müssen. Nach diesem Prinzip ist auch die freie Web-Enzyklopädie Wikipedia gestrickt, die an Umfang und Seriosität traditionelle Lexika herausfordert und inzwischen zu den meistbesuchten Webangeboten überhaupt zählt. Jeder leistet dort seinen Beitrag kostenlos und freiwillig, weil alle anderen es eben auch tun.

Eigentlich ist das Ganze ein Märchen. Exzellente Programmierer sind gewöhnlich extreme Individualisten. Was bringt ausgerechnet sie dazu, viele Stunden harter Arbeit zu verschenken und womöglich endlos mit ihresgleichen über die beste Lösung zu streiten? Und wie organisieren sie sich? Schließlich gibt es ja keinen Chef, der bockige Arbeiter vor sich hertreibt und das Produkt anschließend in die Läden peitscht? Ist Open Source vielleicht sogar ein neues Lebens- und Arbeitsmodell? Auf der Cebit werden solche Fragen nicht gestellt. Da muß man schon woanders hingehen.

Das Gegenteil der Cebit

Gerade erst fand beispielsweise zum fünften Mal die Fosdem statt - ein traditionelles Hacker-Großtreffen, das aus purem Engagement stattfindet und sich wohl deshalb mit den glänzendsten Namen freier Programmierer schmücken darf. Fosdem steht für "Free and Open Software Developer's European Meeting" - es ist in allem das Gegenteil der Cebit. Im schäbigsten Teil der Freien Universität Brüssel versammelten sich an zwei Tagen vielleicht 3500 Programmierer. Es gab keine Eintrittskarten, die Veranstaltung war natürlich kostenlos. Jeder Entwickler-Clan konnte einen Hörsaal bekommen und dort Vorträge abhalten. Dieses Jahr waren das die Clans von Debian, Gentoo, Hurd, Perl, TCL/Tk, GNU Classpath, PHP, Perl, KDE, Gnome, Dokeos, Drupal und Jabber - alles Namen wie spanische Dörfer, doch dahinter verbergen sich lebenswichtige Softwarekonstrukte.

Öffentliche Bekanntheit hat aus dieser Szene nur Linus Torvalds, der einst die Entwicklung des Betriebssystems Linux in Gang setzte und bis heute die letzte Entscheidung über alle offiziellen Weiterentwicklungen dieser wohl bekanntesten Open-Source-Software trifft. Torvalds selbst war nicht in Brüssel, aber dafür Alan Cox, eine Art Ausputzer, der gnadenlos Fehler in den allerersten Linux-Versionen vernichtet hat. Linux ist, wie gesagt, nur ein Teil der Szene. Allein der erwähnte Webserver Apache zählt 75 eigene Programmiererclans, die verschiedene Teile fortschreiben. Wie andere Gruppen veranstalten sie zusätzlich ein eigenes Treffen, die Apachecon, die im Juli in Stuttgart stattfinden soll. Ganz zu schweigen vom Rest: Sourceforge.net, die selbstorganisierte zentrale Meldestelle für quelloffene Programmiervorhaben, zählt derzeit 95 982 Projekte. Selbst wenn Tausende davon im Koma liegen, kann man immer noch von etwa 70 000 lebendigen Open-Source-Projekten sprechen. Und der Zustrom reißt nicht ab.

Geisteswissenschaftliche Großtheoretiker

Das hat zu einer Art Sekundärforschung geführt. Soziologen, Politologen, sogar Philosophen bemühen sich, das Phänomen Open Source zu verstehen. Ein paar Großtheoretiker haben das freie Programmieren sogar schon zum Gegenprodukt zur herrschenden protestantischen Ethik im Gefolge Max Webers ausgerufen. Oder mit Karl Marx zur sozialen Bewegung mit revolutionärer Sprengkraft verklärt. "Ein Gespenst geht um in der Welt" - so begann das "Hacker Manifesto" von McKenzie Wark, Professor für Cultural und Media Studies an der amerikanischen New School University, im Stil des Kommunistischen Manifests.

Die empirische Forschung verläßt sich allerdings lieber auf Statistiken der leicht meßbaren, weil elektronisch abgelegten Daten: Wer spricht mit wem wie oft, welche Teile des Quelltexts wachsen wie schnell durch Beiträge von wem? So entstehen Graphiken wie "Miteinander" und "Zentralisierung" (siehe Bilderstrecke). Sie zeigen unter anderem, daß die angebliche Basisdemokratie der Programmierergruppen nur ein Mythos ist. Es handelt sich eben um Clans, und in einem Clan gibt es immer einen Chef oder mehrere, denen die anderen folgen - weil diese Person die Idee hatte oder weil sie am besten erklären kann, wo es langgeht. Dazu braucht es nicht einmal eine Wahl.

Entwickler verschenken keine Arbeitszeit

Genausowenig wäre es korrekt zu behaupten, daß die freien Entwickler ihre Arbeitszeit verschenken. Es ist häufig die Arbeitszeit ihrer Arbeitgeber, die gezielt gute Leute für diese Aufgabe freistellen. Für Unternehmen kann es viele Gründe geben, freie Software zu fördern. Man kann einem kommerziellen Konkurrenten damit schaden. Oder man kann damit Programme erzeugen, die von den eigenen Kunden gebraucht werden, spart sich dabei aber den teuren Vertrieb und die teure Produktberatung und -unterstützung, denn die ist bei kostenloser Software natürlich nicht kostenlos dabei. Nach diesem Geschäftsmodell handeln Vertriebsfirmen wie Red Hat oder Novell, die das an sich kostenlose Linux in bunten Schachteln und mit Installationshilfen aller Art zu einem guten Preis vermarkten.

Vernetzt im Datenklo

Natürlich gibt es trotzdem Entwickler, die einfach nur aus Freude bei freien Software-Projekten mitwirken. Sie treffen sich dann nicht nur zur Arbeit. Außer der Fosdem gibt es in der warmen Jahreszeit auch eine "Linux-Bierwanderung" oder große Zeltlager. Dieses Jahr wird das zentrale Ereignis "What the Hack" heißen und auf dem Campus der Oeko-Universität im niederländischen Den Bosch stattfinden. Dazu reisen dann ganze Familien an. Ahnungslose Beobachter solcher Treffen wundern sich meist über die Menge der Klohäuschen zwischen den Zelten; in den Datenklos stehen aber nur die Geräte, mit denen Zelte und Wohnwagen vernetzt werden. Alan Cox, hauptamtlich beim Linux-Vertrieb Red Hat beschäftigt, beschreibt den Sinn solcher Treffen: "Wir haben bei Red Hat einen Einstellungsfragebogen. Da gibt es die Frage nach den Freizeitaktivitäten. Wer etwas anderes als Programmieren hinschreibt, ist weg vom Fenster. Ok, die Fosdem, die würde man noch dulden."

Cox hat aus seiner Erfahrung heraus auch Theorien entwickelt, wie sich das freie Programmmieren beschreiben läßt. Es gibt dazu mehrere Modelle oder Metaphern. Die weitaus bekannteste stammt vom selbsternannten "Linux-Evangelisten" Eric Raymond, der die kommerzielle Software-Produktion à la Microsoft mit dem zünftig durchorganisierten Bau einer Kathedrale verglichen hat, während das andere eben der "Basar" ist, auf dem die Entwickler kommen und gehen, wie sie mögen, und mit endlosem Gefeilsche die Qualität ihres Codes verhandeln.

"Clique" und "Stadtrat"

Das Erfahrungsmodell von Alan Cox bietet einen tieferen Blick. Die Anhänger eines Projekts teilt er in eine "Clique" und einen "Stadtrat" ein. Der Stadtrat besteht aus Schwätzern, die zu jedem Thema eine Meinung haben. Die Clique von echten Programmierern koppelt sich irgendwann aus und "zieht das Ding durch". Es muß ja auch mal programmiert werden. Wenn alles gutgeht, erfüllen alle dabei ihre Rolle. Idealerweise sorgt die Clique bei komplexen Projekten dafür, daß begabte Ratsherren, die "Maintainer", sich um einzelne Software-Teile kümmern und immer ein Ohr im Stadtrat haben, der über Fehlermeldungen und Probleme parliert - nur über solche engagierten Nutzer erfahren die Programmierer ja, wie praxistauglich ihre Schöpfungen sind. Das Betriebssystem Linux als mannstärkstes Open-Source-Projekt kennt etwa 300 solcher Maintainer, die sich allein von ihrer Menge her als ineffektiver Stadtrat blockieren würden, hätten sie nicht Führer, die Grundsatzentscheidungen treffen.

An der Spitze steht eben Linus Torvalds. Der 35jährige, der 1991 in seiner Heimatstadt Helsinki mit ein paar Zeilen Code die Linux-Lawine losgetreten hat, sitzt heute als Angestellter der Lobby-Firma Open Source Development Labs in Portland, Oregon. Organisationskrisen, etwa durch Torvaldschen Zeitmangel, hat das System überstanden. Er entscheidet weiterhin darüber, wann eine neue Version von Linux offiziell freigegeben wird. Dazu spricht er sich mit einer Clique von etwa 25 Chef-Maintainern ab. Manchmal geriert er sich aber durchaus als Diktator und verzögert die Freigabe einer neuen Version, die ihm noch nicht reif erscheint.

Der T-Wert des Programmierers

Große Computerfirmen wie IBM, Hewlett-Packard oder Novell, die jeweils Scharen von Programmierern für die Mitarbeit an quelloffenen Projekten bereitstellen, haben darum den T-Wert geschaffen, eine Art inoffizielle Bewertungszahl auf der Basis Torvalds. Wer etwa als Chef-Maintainer direkt mit Linus Torvalds (Wert 0) zu tun hat, bekommt den Wert 1. Den Wert 2 gibt es für Programmierer, die direkt mit den Chef-Maintainern zusammenarbeiten. Den Wert 3 erhalten Submaintainer, und so weiter. Hewlett-Packard, wo etwa 100 Open-Source-Programmierer in Lohn und Brot stehen, achtet darauf, möglichst nur Mitarbeiter mit einem T-Wert von 2 oder darunter einzustellen, erklärt Martin Fink, dort als Vizepräsident zuständig für Linux und Open Source.

IBM, wo angeblich 800 Programmierer mit zahlreichen Open-Source-Projekten beschäftigt sind, sucht eher die schnellen Aufsteiger und schaut daher darauf, wie schnell sich der Status eines Programmiers bezüglich seines Projekt-Häuptlings verbessert. So kommen diejenigen in der Hierarchie voran, die in kurzer Zeit einen Ruf als gute Coder und gute Kommunikatoren aufbauen. Weil der Quelltext offenliegt, kann jeder, der Quellcodes beurteilen kann (eine Kunst für sich), das Können der anderen beurteilen. Die Auswahl funktioniert aber nur, wenn Projekte in beherrschbare Teile zerlegt wurden und die Teilnehmer eine offene Kommunikation pflegen.

Leistungsprinzip führt zu Stammesverhalten

Das Leistungsprinzip führt zu Stammesverhalten. Jedes größere Projekt verfügt über ein eigenes Logo, eigene T-Shirts, eigene Witze und sogar eigene Groupies. "Hacken ist wie Malen. Gute Maler werden in der Akademie ausgebildet und verbringen endlose Zeit damit, Alte Meister zu kopieren. Dabei lernen sie, worauf es wirklich ankommt. Die jungen Leute haben es heute einfacher, dafür werden sie viel härter rangenommen", erklärt der Altmeister Paul Graham. Sein Buch "Hackers" stellt sein Erklärungsmodell vor: Gute Software zu schreiben ist eine Kunst, die man nur in der Gemeinschaft mit anderen Hackern lernen kann. In dieser Mischung von hierarchischer Produktion und breiter Öffentlichkeit liegen auch die Grenzen des Modells. So sind Versuche gescheitert, die Prinzipien der quelloffenen Softwareproduktion innerhalb kommerzieller Unternehmen nachzubilden.

Ohne Stars geht es nicht

Ohne Stars geht es auch nicht. Linux ohne Linus Torvalds, Mono ohne Miguel de Icaza oder Wikipedia ohne Jimmy Wales sind derzeit nicht denkbar. Was für die großen Projekte gilt, das gilt erst recht für die kleinen. Hinter dem Netzwerk-Protokollanalysator Ethereal steht eine Person wie Gerald Coombs. Das Snort Intrusion Detection System, das böswillige Hacker im Netz aufspürt, kann ohne seinen Kopf Marty Roesch nicht existieren. Man kennt sie normalerweise nur aus ihren E-Mails. Auf der Fosdem in Brüssel konnte man sie leibhaftig treffen: So sieht also der Mensch aus, dem Banken und Finanzdienstleister ein sogenanntes hochverfügbares Linux-Clustersystem verdanken, dem sie Milliardentransaktionen anvertrauen - es ist der freundliche Herr Robertson, der lustig äugend eines der hier üblichen pappigen Baguettes verzehrt.

Der große heilige Irre der Szene

So hat ein scheinbar lockeres Treffen wie die Fosdem auch einen ernsten Hintergrund. Am meisten gemahnt daran stets der große heilige Irre der Szene, der Hacker-Haudegen Richard Stallmann. Er hat vor Jahren die Free Software Foundation ins Leben gerufen - als Lobby radikal kommerzfreie Software, die auch eine Querfinanzierung durch Firmen wie IBM oder Red Hat nicht dulden will. Zur Zeit kämpft der europäische Ableger der Foundation in Brüssel gegen EU-Richtlinien, die Software unter Patentschutz stellen wollen. Microsoft hat bereits Trivialitäten wie den logischen "Isnot"-Operator in den Dialekten der Programmiersprache Basic zum Patent angemeldet. Die beiden Chefs, Steve Ballmer und Bill Gates, bezeichnen Linux und andere offene Systeme gern als "großen geistigen Diebstahl". Die kommerziellen Freunde der Open Source, allen voran IBM, besitzen ebenfalls viele Schutzrechte und könnten sie notfalls als Faustpfand einsetzen. Wie das Ringen ausgeht, wird man sehen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. März 2005
Bildmaterial: F.A.Z.-Michael Gottschalk, http://firstmonday.org/issues/issue10_1/crowston, http://libresoft.dat.escet.urjc.es/html/downloads/woss-icse-2004.pdf

 
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