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StudiVZ will am Jahresende Geld verdienen

Von Holger Schmidt

17. August 2007 In der Backfabrik herrscht Backofenhitze. 140 Beschäftigte - Durchschnittsalter 25 Jahre - steuern aus dieser alten Fabrikhalle in Berlin-Mitte das Studentennetzwerk StudiVZ. Die Großraumbüros sind randvoll, denn neuerdings müssen auch der Ableger SchülerVZ und die internationalen Seiten in Polen, Frankreich, Italien und Spanien betreut werden. Mittendrin, in einem Glasbüro für alle sichtbar: Marcus Riecke, seit wenigen Tagen der neue Chef und mit 41 Jahren klar der Methusalem des Unternehmens. Rieckes Erfahrung, zuletzt als Nordeuropachef von Ebay, ist nach der turbulenten Aufbauphase gefragt, um die internationale Expansion voranzutreiben und endlich Geld zu verdienen.

„Nach sechs Jahren Ebay juckte es mich noch einmal, ein Start-up in allein führender Verantwortung aufzubauen“, sagt Riecke. Die Gründer bleiben aber an Bord: Michael Brehm, 27 Jahre, fungiert nun als „Chief Operating Officer“ der Holtzbrinck-Gesellschaft; Mitgründer Dennis Bemmann, 28 Jahre, ist nach Rieckes Einstieg „Chief Technology Officer“ geworden. Der StudiVZ-Mitgründer Ehssan Dariani ist nach mehreren Eskapaden schon vorher in den Aufsichtsrat weggelobt worden.

„Ein Privatleben hat man auch nach dem Studium“

StudiVZ ist Europas populärstes Studentennetzwerk mit inzwischen rund 2,9 Millionen Nutzern, die ihre Profile hinterlegen, Fotos hochladen und meist persönliche Informationen einstellen. Obwohl es gar nicht so viele Studenten in Deutschland gibt, registriert das Unternehmen täglich fast 10.000 Neuanmeldungen, da sich auch Nicht-Studenten einschreiben können. Das Besondere an StudiVZ ist die Klickfreude der Studenten: Rund die Hälfte der registrierten Nutzer loggt sich täglich auf der Seite ein; mehr als 90 Prozent sind mindestens einmal im Monat aktiv. Das macht StudiVZ zur Seite mit den meisten Aufrufen in Deutschland, noch vor T-Online.

„Der Sinn von StudiVZ ist, mit Freunden, die man schon kennt, in Kontakt zu bleiben, also in erster Linie eine Kommunikationsplattform. Es geht darum, Beziehungen, die schon im realen Leben existieren, zu pflegen und aufzubauen“, erklärt Brehm. Einen Wechsel der Nutzer von StudiVZ zum Geschäftsnetzwerk Xing nach dem Ende des Studiums befürchten die Gründer nicht. „Die Leute melden sich aus beruflichen Gründen bei Xing an. Bei StudiVZ geht es eher um private Dinge wie das Studentenleben. Und ein Privatleben hat man auch noch nach dem Studium“, sagt Bemmann. Daher prüft das Unternehmen den Aufbau eines weiteren Netzwerkes für ehemalige Studenten.

Konzentration auf die Kernzielgruppe

Die Spezialisierung auf die Studenten sei der wichtigste Grund für das schnelle Wachstum und soll unbedingt beibehalten werden. „Es gibt eine Reihe von Medienunternehmen, die mit großen Budgets versucht haben, soziale Netzwerke aufzubauen, die alles für alle bieten sollten - aber grandios gescheitert sind“, sagt Brehm. Wer über seine Kernzielgruppe hinausgehe, riskiere sofort eine verminderte Aktivität seiner Nutzer.

Nun wollen Riecke, Brehm und Bemmann den Erfolg wiederholen - mit SchülerVZ, einem Netzwerk für Jugendliche ab zwölf Jahren. Es scheint zu funktionieren: „Auf SchülerVZ haben wir nach fünf Monaten mehr als eine Million registrierter Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Plattform wächst exponentiell“, sagt Riecke, der für das Projekt weitere erfahrene Manager an Bord holen will.

„Soziale Netzwerke laufen auf einen Monopolisten zu“

Zudem muss er die internationale Expansion schnell vorantreiben, um möglichst viele Märkte vor dem Start des amerikanischen Vorbilds Facebook in Europa zu besetzen. „Die internationalen Ableger sind noch zarte Pflänzchen. Wegen des Aufbaus von SchülerVZ haben wir uns um das internationale Geschäft noch nicht so recht kümmern können. Das wird sich aber ändern“, sagt Riecke. In den meisten Ländern liegt die Zahl der registrierten Nutzer noch im vier- oder fünfstelligen Bereich; die für das Wachstum so wichtigen Netzwerkeffekte haben noch nicht eingesetzt.

Für den Eintritt in Großbritannien ist es bereits zu spät: Dort haben die Netzwerke Bebo, MySpace und Facebook den Markt unter sich aufgeteilt. StudiVZ konzentriert sich daher auf Polen, Frankreich, Italien und Spanien. „In diesen Ländern sehen wir keine bedeutenden Wettbewerber. Sonst wären wir nicht eingestiegen, denn häufig laufen die sozialen Netzwerke auf einen Monopolisten zu“, sagt Brehm. Zukäufe im Ausland sind nicht geplant. „Wir wollen organisch wachsen“, sagt Brehm.

Jobbörse für Studenten geplant

Vor lauter Wachstum dürfen die drei Manager aber nicht die Finanzen aus den Augen verlieren. Noch erwirtschaftet das Unternehmen Verluste. „Im Moment wachsen die Umsätze aber deutlich schneller als die Kosten - natürlich auf bescheidenem Niveau. Für das deutschsprachige Geschäft erwarten wir erstmals Ende des Jahres oder Anfang kommenden Jahres Gewinne“, sagt Riecke. Seit März wird die Werbung auf StudiVZ von der Holtzbrinck-Gesellschaft GWP vermarktet. „Unser Geschäftsmodell geht aber über die Online-Werbung hinaus.

Zum Beispiel können Unternehmen Stellenanzeigen einstellen, die sich an Einsteiger richten. Das werden wir zu einer richtigen Jobbörse für Studenten ausbauen“, sagt Brehm. Zudem können Unternehmen Gruppen sponsern, in der sich Mitglieder mit gleichen Interessen zusammengefunden haben. Zum Beispiel sponsert Apple die Apple-Gruppe. Diese Geschäfte will StudiVZ in Eigenregie erledigen. Der Großteil der Umsätze entfällt aber noch auf die Bannerwerbung. „Mittelfristig wird das Gros der Erlöse von unserer eigenen Vertriebsmannschaft erzielt werden, nicht vom Dienstleister GWP“, sagt Riecke.

Sensibles Thema Datenschutz

StudiVZ hat aber noch mehr Baustellen. Die Technik ist weit hinter den Konkurrenten Facebook zurückgefallen. „Wir schauen uns die Technik unserer Wettbewerber natürlich genau an. Aber wir glauben nicht, dass für die Nutzer automatisch mehr Wert entsteht, wenn man die Seite mit noch mehr Technik belädt. Die einfache, intuitive Nutzung der Seite ist ein Erfolgsfaktor von StudiVZ“, wiegelt Riecke ab, gibt aber zu: „Wir haben Defizite im Bereich Mobilität. Das ist ein Thema, in dem wir etwas tun müssen - und bald tun werden.“ Außerdem plant das Unternehmen in Kürze, einen Echtzeit-Nachrichtendienst (Instant Messaging) freizuschalten, sagt Bemmann.

Nachholbedarf gibt es auch in Sachen Daten- und Jugendschutz. StudiVZ war in der Vergangenheit mehrfach in die Kritik geraten, weil der Schutz der Daten nicht gewährleistet war. Besonders sensibel ist das Thema für SchülerVZ, wo die Nutzer im Durchschnitt 16,7 Jahre alt sind. Gerade erst hat ein Vater einer 13-jährigen Nutzerin das Netzwerk wegen Verbreitung pornographischen Materials und Volksverhetzung verklagt. Da die Klage beim Unternehmen noch nicht eingegangen ist, wollen sich die drei Manager dazu nicht äußern. Riecke ist sich aber bewusst, dass das Thema hochgradig gefährlich für das Unternehmen ist. „Es ist unser Anspruch, eine absolute Meinungsführerschaft im Datenschutz zu besetzen. Wir wollen uns die größtmöglichen Gütesiegel im Datenschutz erarbeiten“, sagt er.

Verhaltensregeln wie im Straßenverkehr

Allerdings könne das Unternehmen nicht die Verantwortung übernehmen, wenn Studentinnen zum Beispiel ihre Bikini-Fotos einstellen. „Auf StudiVZ sind alle volljährig und jeder ist selbst verantwortlich, welche Informationen er über sich preisgibt. Die Leute sind sich bewusst, dass jeder die öffentlichen Informationen sehen kann“, sagt Bemmann. „Wir nehmen den Jugendschutz sehr ernst. Zum Beispiel kommen die Mitglieder auf SchülerVZ nur auf Einladung herein. Der Nachname kann abgekürzt werden und wir geben umfangreiche Informationen zum Schutz.

Aber: Wir sind ein Plattformbetreiber, wir können nicht den Erziehungsauftrag der Eltern oder der Schule ersetzen. Eltern und Schule sind gefordert, den Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet beizubringen. So wie den Kindern erklärt wird, wie sie sich im Straßenverkehr zu verhalten haben, so muss ihnen erklärt werden, wie sie sich im Internet zu verhalten haben“, sagt Bemmann.



Text: F.A.Z., 17.08.2007, Nr. 190 / Seite 16
Bildmaterial: Matthias Lüdecke, picture alliance / dpa

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