08. August 2005 "Manche Verleger reagieren erschrocken, andere kennen uns noch gar nicht. Die dritte Gruppe von Verlegern ist smart und weiß, daß hier etwas Großes passiert", sagt Jimmy Wales, der Gründer der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Der Amerikaner ist eine Herausforderung für Verlage und Autoren, seit er die Idee verfolgt, das ganze Wissen der Welt allen Menschen frei zugänglich zu machen. Aus der scheinbar verrückten Idee des finanziell unabhängigen Idealisten ist eine Bewegung geworden, wie es sie nur im Internet geben kann: Wikipedia hat vier Jahre nach seiner Gründung schon mehr Einträge als die Encyclopaedia Britannica oder der Brockhaus. 2,2 Millionen Einträge in 100 Sprachen umfaßt das Internetlexikon zur Zeit. Mehr als 50000 ehrenamtliche Editoren erweitern Wikepedia Tag für Tag. Auf diese Weise kommen knapp 200000 Einträge jeden Monat hinzu. Die Internetseite, die beim Grimme Online Award in diesem Jahr gleich zwei Preise gewann, gehört zu den 50 größten Sites der Welt.
Freie Bücher, freie Musik, freie Landkarten ...
Wales, der wie alle anderen Mitglieder der Wiki-Gemeinschaft kein Geld für sein Engagement bekommt, hat auf der ersten Wikimania-Konferenz in Frankfurt neun weitere Dinge vorgestellt, die seiner Meinung nach frei verfügbar sein sollen. Neben dem Lexikon sind dies Wörterbücher, Lehrbücher für die Ausbildung, Musik, Kunstabbildungen, Dateiformate, Landkarten und Produktcodes. Selbst das Fernsehprogramm und die Gemeinschaften selber sollen frei sein.
Die ersten Projekte sind schon in Arbeit: Das Online-Wörterbuch Wiktionary umfaßt inzwischen 200000 Einträge in 50 Sprachen. "Wiktionary ist noch nicht so weit wie Wikipedia, nimmt aber Fahrt auf", sagt Wales, den alle Mitglieder der Gemeinschaft nur Jimbo nennen. Daneben sammelt Wikimedia Commons frei verfügbare Filme und Musikdateien. Mehr als 150000 Dateien sind bisher zusammen gekommen. Wikibooks heißt das Projekt, in dem Autoren frei verfügbare Bücher schreiben. "Es ist möglich, daß sich 500 Ökonomie-Professoren zusammentun, um ein Fachbuch zu schreiben", sagt Wales. In seiner Vorstellung sollen alle Lehrbücher - vom Kindergarten bis zur Universität - frei verfügbar sein.
Das Rote Kreuz der Information
Wales sieht seine Ideen bisher nur zu seinem kleinen Teil umgesetzt. "Meine Vision lautet, das Rote Kreuz der Information zu werden", sagt Wales. Bis zum Jahr 2015 könne es für jede Sprache eine frei verfügbare Internet-Enzyklopädie geben.
Um das Projekt zu finanzieren, hat Wales im Jahr 2003 die Wikimedia-Stiftung gegründet, die sich aus Spenden finanziert. "Meist sind es kleine Spenden von Menschen, denen die Informationen von Wikipedia geholfen haben", sagt Kurt Jansson, erster Vorsitzender der deutschen Wiki-Gemeinde. Pläne, das Projekt mit Hilfe von Online-Werbung zu finanzieren, gebe es nicht. Die Erlöse aus dem Verkauf von Büchern, die auf der Grundlage der Wikipedia-Artikel gedruckt werden, fließen ebenfalls der Stiftung zu. "Wir sind und bleiben aber eine non-profit-Organisation, die genau einen Angestellten hat", sagt Wales. Die Internetunternehmen Google und Yahoo greifen Wikipedia unter die Arme und stellen Netzwerkrechner zur Verfügung. "Wir sind aber unabhängig von diesem Unternehmen", beeilt sich Wales zu sagen.
Brockhaus schlägt zurück
Die klassischen Verlage nehmen Wikipedia inzwischen ernst. Klaus Holoch, Sprecher des Verlags Bibliographisches Institut und FA Brockhaus AG, kritisierte in einem Interview mit dem Deutschlandradio die mangelnde Qualität der freien Enzyklopädie. "Das einzige, was mich stört ist, daß so getan wird, als ob das ein verläßliches Lexikon ist, und das ist es beileibe nicht." Sein Verlag setze auf "Qualität, auf Fachredakteure, auf Fachautoren und wir haben ein System, das diese Qualität und diese Verläßlichkeit absolut absichert. Jeder, der aus dem Brockhaus zitiert, kann auch wirklich sicher sein, daß das, was er da zitiert, stimmt", sagte Holoch.
Siehe Medien, Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, Wikipedia
Opel-Rettung: Vorerst keine deutsche Staatshilfe für GM
„Der Staat sollte sich grundsätzlich bei Opel raushalten“
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