09. Mai 2008 Verleger suchen in der Regel nicht gerade die Öffentlichkeit. Michael Ringier scheut sie zumindest nicht. Er muss sich auch nicht verstecken: 2007 hat der internationale Medienkonzern Ringier, in seiner Heimat Schweiz bekannt als Herausgeber des Boulevardblatts Blick, zum sechsten Mal in Folge den Gewinn gesteigert. Zuletzt waren es, allerdings bedingt durch einen Sondereffekt, 103 Millionen Franken bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Franken oder umgerechnet knapp 1 Milliarde Euro. Im laufenden Jahr, in dem Ringier sein Bestehen seit 175 Jahren feiert, beschränkt sich der Hausherr indes bisher auf die Aussage, das operative Geschäft werde gute Wachstumsraten zeigen und die Gewinnmarge ordentlich ausfallen. Insbesondere auf dem Heimatmarkt sei jedoch eine deutliche Zurückhaltung spürbar, ergänzt Ringier im F.A.Z.-Gespräch.
Der schlanke Zwei-Meter-Mann nimmt für sich in Anspruch, aus dem Schweizer Traditionsunternehmen ein internationales Medienhaus mit einer besonders starken Verankerung in Osteuropa gemacht zu haben. Jetzt steht er vor einer noch größeren Herausforderung: der Positionierung seines Verlags in der digitalen Welt. Ringier glaubt nicht, dass irgendein Zeitungs- oder Zeitschriftenkonzern schon den Königsweg gefunden hat. Mit unserem Unwissen bewegen wir uns im großen Tross aller Medienhäuser. Alle stochern noch etwas im Nebel, lautet sein Befund, der selbst den Internetriesen Google einschließt.
Der Deutschland-Umsatz ist ein Klacks
Und er fügt eine Warnung an: Das Schlimmste für einen Konzern sind Leute mit einem angeblich gesicherten Wissen. Im Augenblick bearbeitet Ringier das Thema Multimedia auf zwei Schienen. Im vergangenen Jahr kaufte er die Mehrheit an Media Swiss, dem größten elektronischen Anbieter des Landes von Kleinanzeigen. Dieses Geschäft ging jahrelang an uns vorbei, räumt der Verleger ein. Media Swiss bringe 75 Millionen Franken Umsatz und sehr schöne Gewinne. Gesucht werden jetzt Anknüpfungspunkte insbesondere für den Blick und das Wirtschaftsblatt Cash Daily.
Die Wirtschaftszeitung, die täglich an den Kiosken gratis ausliegt, ist das Überbleibsel des 2007 eingestellten Wochenblattes Cash. Heute steht der Titel für einen Multimedia-Auftritt, den Ringier als Übungsfeld bezeichnet. Hierzu gehören neben der Gratiszeitung unter anderem ein umfassender Internetauftritt einschließlich Cash Daily in digitaler Form (Livepaper), ein Handy-Angebot sowie Podcasts und Videos. Auf 142.000 Personen beziffert die nach eigener Werbung führende multimediale Wirtschaftsplattform der Schweiz ihren Nutzerkreis. Aber den Mittelpunkt bildet weiterhin die Druckversion mit einer täglichen Auflage von gut 100.000 Exemplaren, und von einem Gewinn ist bisher nichts zu hören.
Bei den Druckerzeugnissen setzt Ringier auf eine Vervielfältigung des Angebots. In den vergangenen zwei Jahren wurden 40 Titel entweder gekauft oder selbst auf den Markt gebracht. In Deutschland gehören die Magazine Cicero (Auflage gut 75.000 Exemplare) und Monopol (rund 30.000) zu Ringier. Die ihm vom Verwaltungsrat gestattete intellektuelle Spielwiese ,Cicero' könnte 2009 in die Gewinnzone kommen, glaubt der Verleger. Aber der Deutschland-Umsatz von zuletzt 7,5 Millionen Euro ist ein Klacks verglichen mit den Engagements in Ost- und Südosteuropa. Selbst in Serbien, dem kleinsten dieser Märkte, brachte es Ringier 2007 auf 38 Millionen Euro.
Ein Glück, dass die Deutschen zunächst mit der DDR-Hinterlassenschaft beschäftigt waren
Die Länder Osteuropas bilden ein gutes Beispiel dafür, wie das Schweizer Verlagshaus vorgeht. Strategische Visionen seien ihm ein Greuel, behauptet Ringier: Kein Unternehmensberater hätte uns 1990 empfohlen, in diese Region zu gehen. Er setzt auf das marktwirtschaftliche Prinzip von Versuch und Irrtum. Der Erfolg gibt ihm recht, aus kleinsten Anfängen in Prag ist inzwischen in sechs Ländern ein Umsatz von mehr als 300 Millionen Euro vor allem mit Boulevardblättern geworden. Für uns war es ein Glück, dass die Deutschen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zunächst mit der DDR-Hinterlassenschaft beschäftigt waren, meint Ringier. So habe er den Vorteil des Vorreiters am Markt ausnützen können. Aus Polen hat sich Ringier indes zurückgezogen.
Es sei klar gewesen, dass die Wettbewerber aus Deutschland bald dorthin streben würden. Ich bin lieber der König in einem kleinen Land als der fünfte Prinz in einem großen, sagt der Mann aus der Zürcher Dufourstraße. In Osteuropa geht Ringier für die nächsten zwei bis drei Jahre von einer starken Konsolidierungsphase aus. Aus Bulgarien hat sich der Verlag ebenfalls verabschiedet, aber in den heutigen Absatzgebieten will er kräftig mitmischen, mit Zukäufen und Neugründungen, wie der Verleger sagt. Zugleich schließt er den Verkauf einzelner Objekte nicht aus. Neue Märkte sucht Ringier nicht. Neben Osteuropa bleiben damit China, wo 2007 das erste Frauenmagazin lanciert wurde, sowie ausgewählte Länder Asiens die wichtigsten Auslandsregionen.
Reine Nachrichten sind heutzutage eine Commodity
Die Expansion im Ausland war für Ringier ein Mittel, um einen Ausgleich für den härteren Wettbewerb in der Schweiz zu finden. Denn auf dem Heimatmarkt ist die Lage alles andere als rosig. Die drei Zugpferde Blick, Sonntagsblick und Schweizer Illustrierte verloren 2007 weiter an Auflage. Zahlreiche Gratisblätter und inzwischen fünf große Sonntagszeitungen bedrängen den Schweizer Experten des Boulevards. Der Blick, vor zwanzig Jahren noch mit täglich 380.000 Exemplaren am Markt, erreicht gerade noch 240.000 am Tag.
Jetzt versucht es Michael Ringier mit einem neuen Chefredakteur, einem neuen Layout, mit einer Trägerzustellung an die Haustür, Regionalausgaben und der Umwidmung des nachmittäglichen Gratisblattes Heute in den Blick am Abend. Dies soll der werbetreibenden Wirtschaft eine große Blick-Klientel, bestehend aus eher älteren Lesern außerhalb der Städte am Morgen und jüngeren Leuten in den S-Bahnen der Ballungszentren am Abend, vermitteln. Zugleich soll das Boulevardblatt journalistisch anspruchsvoller werden. Ringier ist überzeugt: Reine Nachrichten sind heutzutage eine Commodity, aber Analysen und Exklusivgeschichten sind mehr denn je gefragt.
Trotz der unverkennbaren Schwierigkeiten vor der Haustür hat der 59 Jahre alte Verleger die Freude an seiner Tätigkeit offenbar nicht verloren. Die Frage der Nachfolge behandelt der Ringier-Vertreter der fünften Generation daher leichthin. Verkaufen ist kein Thema, sagt er. Ansonsten seien er und seine zwei Schwestern für vieles offen. Eine Verbindung mit Springer in Deutschland scheiterte vor Jahren an den unterschiedlichen Größenverhältnissen. Die Familie müsse stark präsent bleiben, formuliert Ringier. Solange sie die Mehrheit behalte, schließt er selbst einen Börsengang nicht aus. Aber die Gesellschafter stünden unter keinerlei Handlungsdruck. Und angesichts von vier Kindern unter den heutigen Eigentümern dürfe man im Übrigen nicht vergessen: Die Option einer sechsten Generation ist vorhanden.
Das Gespräch führte Jürgen Dunsch.
Zur Person
Der 59 Jahre alte Verleger Michael Ringier ist schon einmal als Buchstabenmensch bezeichnet worden - dies als Anspielung auf seine journalistische Vergangenheit, mehr noch jedoch als Gegenbild zu seinem Bruder Christoph, den Zahlenmenschen mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam es vor dem Hintergrund einer fehlgeschlagenen Expansion in den Vereinigten Staaten zum Bruch der beiden Leiter ihres Familienunternehmens. Zur Überraschung vieler gewann Michael den danach folgenden Machtkampf.
Der Bruder wurde ausbezahlt, er selbst stieg 1991 zum Verwaltungsratspräsidenten der Ringier AG auf. Seitdem führt der Vater zweier Kinder das Verlagshaus, die operative Leitung obliegt dabei dem Vorstandsvorsitzenden Martin Werfeli. Hingegen bleiben die beiden Schwestern Ringiers im Hintergrund, obwohl die verbliebenen drei Familienstämme jeweils ein Drittel des Kapitals halten. Unter der Führung von Michael Ringier entwickelte sich der Medienkonzern zum größten ausländischen Verlag in Osteuropa. Den langen Atem bis zu ansehnlichen Gewinnen, den Familienunternehmen dabei an den Tag legen können, empfindet er als Vorteil.
Shareholder-Value ist, wenn ich mich wohl fühle, sagte er einmal in einem Interview. Ringiers Biographie umfasst ein Studium an der Hochschule St. Gallen, mehrere Stationen bei deutschen Zeitschriftenverlagen, unter anderem als Ressortleiter für das Wirtschaftsmagazin Impulse in Köln. Erst 1983 kehrte er in das Familienunternehmen zurück, wo er auch für den deutschen Markt zuständig war. Bis heute rätseln Beobachter, wie stark die eigene Handschrift des Verlegers ist, der zusammen mit seiner Frau leidenschaftlich Kunst sammelt und die Aura eines souveränen Intellektuellen verbreitet. Die Spekulationen zielen dabei vor allem auf Frank A. Meyer, den Chefpublizisten von Ringier. Noch bekannter in der Umgebung des Verlegers ist der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Ihn holte Ringier 2005 als Berater. Für konkrete Geschäfte sei Schröder nicht zuständig, sagt der Familienerbe. Vielmehr helfe er ihm mit seinen internationalen Kontakten, die Zusammenhänge in vielen Teilen der Welt besser zu verstehen.
Zum Unternehmen
1833 gründete der Pfarrerssohn Johann Rudolf Ringier in Zofingen bei Zürich eine Buchdruckerei für amtliche Verordnungen, Lehrpläne und die Roggwiler Chronik. 175 Jahre und vier Generationen später ist daraus der bedeutendste und internationalste Medienkonzern der Schweiz geworden. Rund 7000 Mitarbeiter produzieren im Stammland sowie in Deutschland, Osteuropa und in Asien mehr als 120 Zeitungen und Zeitschriften, rund 20 Fernsehsendungen, 50 Websites und betreiben 12 Druckereien.
Flaggschiff der ehemaligen Heftlimacher ist der 1959 gegründete Blick, das Pendant zur Bild-Zeitung in Deutschland, dem zehn Jahre später der Sonntagsblick folgte. Das Medienhaus pflegt heute insbesondere das Genre der Boulevardpresse und der populären Zeitschriften, die Fernseh-Zeitschriften sind allerdings 2007 an Springer verkauft worden. Mit dem deutschen Zeitungsriesen hatte Ringier vor einigen Jahren auch über einen Zusammenschluss verhandelt. Er scheiterte nach den Worten von Michael Ringier daran, dass der Große den Kleinen geschluckt hätte.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb
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