Computerspiele

Du bist das Imperium

Von Andreas Rosenfelder

09. Januar 2006 Unser alter Lateinlehrer würde wohl nur spöttisch lächeln, sähe er uns die Schlacht am Trasimenischen See oder die Belagerung Spartas ohne Vokabelheft nachspielen und hörte er die näselnden Reden unseres Bildschirmgenerals: „Ich bin, wie viele wissen, kein Freund der Furcht. Doch ich weiß, daß sie einen Mann seiner Würde und Ehre berauben kann. In diesem Moment leistet die Furcht diese Arbeit bei unseren Feinden. Bald leisten wir unsere!“ Übersetze und beachte die rhetorischen Figuren!

Irgendwo zwischen Baetica und dem Tribus Saxoni, zwischen Armorica und Scythia scheinen ein paar wichtige Puzzlestücke unserer Kenntnis der römischen Welt auf der Strecke geblieben zu sein. Das muß wohl an jener Dekadenz liegen, deren Urform der Historiker Edward Gibbon in seiner Monumentalstudie über „Verfall und Untergang des Römischen Reichs“ schilderte. Schuld an der Erstürmung Roms durch die Goten sind bei Gibbon verweichlichte Freizeitgeneräle, welche die militärischen Triumphe des Imperiums nur noch vom Hörensagen kennen: „Wenn sie ja jemals, insbesondere an einem heißen Tage Muth haben, in ihren bemalten Galeeren aus dem lukrinischen See nach ihren schönen Villen an der Meeresküste von Puteoli und Kayeta zu segeln, vergleichen sie ihre Wagniß mit den Zügen Cäsars und Alexanders.“

Per Rechtsklick ins Gemetzel

Dieses ironische Schicksal teilen alle Strategiespieler, die Einheiten per Linksklick auswählen und per Rechtsklick ins Gemetzel befehligen. Dabei waltet im Computerspiel „Rome: Total War“, nun zusammen mit der Erweiterung „Barbarian Invasion“ in einer Sonderausgabe erschienen, wie in den Römerfilmen der fünfziger Jahre das Pathos der Tugend. „Heute treten wir den Meistern der Falschheit und Perversion entgegen, den Griechen“, schmettert ein General vor der Einnahme einer Siedlung. Doch Victoria, unsere treue „Kampagnenberaterin“ in der Bildschirmecke, erklärt uns Neulingen den wahren Sinn der Eroberung: „Ihr bezahlt eurer Armee Sold, habt aber keine Einnahmen. Ihr müßt die Siedlung erobern, um Erträge zu generieren.“ So offenbart sich die Sozioökonomie einer Eroberungsnation, die, wie Montesquieu einst feststellte, nur „in einem gewalttätigen und immerwährenden Kriege“ existieren konnte.

Die Spielhandlung setzt im Jahr 329 vor Christus ein. Rom ist noch eine junge Republik. Als höherer Sohn aus dem Patrizierhaus der Julier erweitern wir im Auftrag des Senats, dessen in der üblichen Sauna-Ästhetik abgehaltene Sitzungen in Filmsequenzen gezeigt werden, die römischen Außengrenzen. Auf der Kampagnenkarte, wie ein Spielbrett aus der Vogelperspektive betrachtet, herrscht die lange Dauer der Truppenverlegungen, Infrastrukturmaßnahmen und Verhandlungen: Eine Spielrunde dauert hier sechs Monate. Das Ereignis der Schlacht hingegen spielt sich - wenn man sich nicht bloß das hochgerechnete Ergebnis anzeigen läßt - im dreidimensionalen Gelände ab, wo man Brücken mit Triariern absichert, Tore mit Onagern unter Beschuß nimmt und sehr schnell die Vorzüge der Schildkrötenformation schätzenlernt. Was im detailgenauen Kampfgetümmel nervt, ist nur das wie in vielen deutschen Editionen stümperhafte Gezeter der Synchronsprecher, deren Durcheinander aus „Aaargh!“ und „Aaatackeee!“ unglaubhafter klingt als jede Schulhofschlacht.

Pralles Verfallsgemälde

Während der erste Teil von „Rome“ vom mühsamen Aufbau eines Weltreichs handelt, wobei der Erfolg durch den Anblick von Weltwundern wie dem Koloß von Rhodos gekrönt wird, rundet erst das Zusatzmodul „Barbarian Invasion“ das Spiel zum prallen Verfallsgemälde. Der zweite Teil beginnt 363 nach Christus, als der Tod von Kaiser Julian Apostata die Zweiteilung des Reichs besiegelt. Hier mündet das vorher so lehrbuchmäßige Staatenbildungsspiel in jenes Chaos der Völkerwanderung, das Oswald Spengler als Rückfall in die Naturgeschichte beschrieben hat, wo Kriege zwischen „Ameisenvölkern“ die Landkarte verwüsteten und jede weitere Schlacht nur wie „eine Änderung im Wildbestand oder der Ortswechsel eines Vogelschwarms“ wirkte.

Man kann dieses tragische Gefühl der Gleichgültigkeit gut nachempfinden, wenn man die Steuerung des zerrütteten West-Roms übernimmt und aus den Provinzen in jeder Spielrunde neue Hiobsbotschaften über beschädigte Mithrastempel oder geplünderte Bäder, über öffentliche Unruhen in Ravenna oder Piratenangriffe in Corduba eintreffen. Manchmal ist einem sogar danach, durch den forcierten Bau von Hippodromen und Amphitheatern den Sittenverfall noch zu beschleunigen.

Unserrr blutiges Geschäft

Wem es zu übermenschlich erscheint, das Rad der Geschichte umzuwerfen und Rom durch Städtebaupolitik und Diplomatie vor dem Bankrott zu erretten, der kann in „Barbarian Invasion“ auch eine Kampagne der vom Weltgeist begünstigten Goten, Wandalen oder Sachsen übernehmen. Während man als Römer in besetzten Siedlungen Statthaltervillen und Akademien anlegt, denkt man als Franke eher an Klärgruben und an Heilige Kreise des Wotan. Denn der Konversionsgrad einer Siedlung spielt im zweiten Teil von „Rome“ eine entscheidende Rolle.

Zwar reden die Hunnen in der deutschen Fassung wie Operetten-Ungarn, und auch die persischen Sassaniden drohen vor der Schlacht im Klischeetonfall: „Nun errrledigen wirrr unserrr blutiges Geschäft.“ Ansonsten aber bietet das Barbarendasein viele Vorteile. Das fahrende Volk beherrscht zwar die Schildkröte nicht; es kann aber als Horde weiterziehen, wenn seine letzte Bastion gefallen ist. Das konnten die dekadenten Römer bekanntlich nicht, nachdem die Barbaren ihre letzten Vergnügungstempel zerstört hatten.

„Rome: Total War“ ist als „Gold Edition“ mit der Ergänzung „Barbarian Invasion“ bei Sega erschienen.



Text: F.A.Z., 09.01.2006, Nr. 7 / Seite 34
Bildmaterial: Sega

 
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