13. November 2004 Microsoft war - mal wieder - spät dran: Bis zum Jahr 2002 hatte der größte Softwarekonzern der Welt die Bedeutung des Marktes für Suchmaschinen im Internet verschlafen. Als den Microsoft-Strategen Bill Gates und Steve Ballmer ihr Fehler angesichts des Erfolges der Suchmaschine Google bewußt wurde, reagierte Microsoft wie immer: Mit viel Geld und Menschenkraft wurde begonnen, eine eigene Suchmaschine im Internet zu entwickeln.
18 Monate lang hat ein großes Team, das zum Teil aus abgeworbenen Google-Mitarbeitern besteht, an der neuen Suchmaschine gearbeitet. Mehr als 100 Millionen Dollar hat die Entwicklung verschlungen. Das Ergebnis heißt Beta.Search.MSN.de und ist jetzt im Internet zu bestaunen.
Google unter Druck
Allein die Ankündigung, daß Microsoft eine Suchmaschine entwickelt, hat den Aktienkurs des Marktführers Google unter Druck gesetzt. Denn schon einmal hat Microsoft einen erfolgreichen Aufholprozeß im Internet hingelegt: Sein Browser Internet-Explorer hat den Pionier Netscape innerhalb weniger Jahre aus dem Markt gedrängt.
Gespannt fragte sich die Internet-Gemeinde, ob Microsoft diesen Coup wiederholen könnte. Die erste Antwort gaben wiederum die Börsianer: Am Tag des Erscheinens der Microsoft-Suchmaschine schnellte der Aktienkurs von Google wieder um mehr als neun Prozent nach oben. Die Botschaft war klar: Der große Wurf ist Microsoft nicht gelungen. Nicht schlecht, aber keinesfalls besser als Google oder Yahoo ist die neue Maschine, meinen die Fachleute. Und daher können sich die Google-Verantwortlichen erst einmal entspannen, aber ausruhen dürfen sie sich nicht.
Das Geschäft mit den Suchmaschinen im Internet ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Eigentlich hat das amerikanische Unternehmen Overture den Markt erfunden. Overture hat kleine Werbetexte im Umfeld der Suchergebnisse eingeblendet, die zu den Ergebnissen passen. Sucht ein Nutzer zum Beispiel nach dem Wort Computer, zahlen Computerhersteller wie Dell oder Hewlett-Packard dafür, ihre Werbung neben oder über den Suchergebnissen einzublenden.
Geschäft mit großen Zahlen
Das Geschäftsmodell der Suchmaschinenvermarkter ist ebenso simpel wie erfolgversprechend: Rund 35 bis 40 Prozent der vielen Milliarden Anfragen in Suchmaschinen werden von den Vermarktern wie Google und Overture mit Werbung belegt. Die Internet-Nutzer klicken auf etwa 12 bis 17 Prozent der eingeblendeten Werbung, hat die Investmentbank Lazard herausgefunden. Je Klick erhalten die Vermarkter im Durchschnitt 20 bis 40 Cent, in Ausnahmefällen sogar bis zu zehn Euro. Den Erlös teilen sich Vermarkter und der Betreiber der Suchmaschine, die - wie im Fall von Google - in einem Unternehmen konzentriert sind.
Das Suchmaschinenmarketing ist ein Geschäft mit großen Zahlen, denn die Centbeträge summieren sich nach Schätzungen von Marktforschern allein in Amerika auf rund 2,8 Milliarden Dollar in diesem Jahr. Da die Zahl der Internet-Nutzer und die Suchanfragen stetig wachsen, steigen die Umsätze der Vermarkter wie von selbst an: Die bezahlte Suche wird in den kommenden Jahren jeweils um 30 Prozent zulegen können, schätzt Nate Elliott, Analyst des Marktforschungsunternehmens Jupiter Research.
Wir werden sie überholen
Auch in Deutschland ist das Geschäft sehr lukrativ: Die Zuwachsraten sind zwar nicht mehr dreistellig, aber immer noch gut zweistellig, sagt Isabell Wagner, Geschäftsführerin des Suchmaschinenvermarkters Overture in Deutschland. Rund ein Drittel des Online-Werbemarktes entfällt auf das Geschäft mit der bezahlten Suche. Google ist klarer Marktführer in Deutschland. Die Nummer zwei im Markt ist Overture, eine Tochtergesellschaft des Portals Yahoo. MSN betreibt zwar auch in Deutschland eine Suchmaschine, spielt im Marketing aber bisher keine Rolle.
Diesen Wachstumsmarkt wollen die Microsoft-Strategen aber nicht kampflos der Konkurrenz überlassen. Wir werden sie einholen, versprach Ballmer auf der Hauptversammlung seines Unternehmens, und wir werden sie überholen. Mit sie meinte er wohl in erster Linie Google, aber wohl auch Yahoo. Denn schon im vergangenen Jahr hat Yahoo-Chef Terry Semel die Bedeutung des Marktes erkannt und den Pionier Overture für 1,8 Milliarden Dollar gekauft. Die drei Internet-Musketiere werden sich in den kommenden Jahren einen sehr interessanten Wettbewerb um die beste Suchtechnik im Internet liefern.
Bedienung: Vorteil Microsoft
Die Suchfunktionen werden ständig erweitert. Ein wichtiges Projekt ist die lokale Suche. Wir arbeiten definitiv daran, die lokale Suche auch in Europa zu starten, sagte Google-Gründer Sergey Brin dieser Zeitung. Auch die Suche nach Produkten, Bildern, Nachrichten und die Möglichkeit, Suchanfragen per Handy zu stellen, stehen auf der Tagesordnung der Entwickler ganz oben. In den meisten Feldern hat Google noch einen Vorsprung, aber Yahoo hat den Rückstand dank seiner milliardenschweren Investitionen bereits merklich verringert.
Die Suchergebnisse der Microsoft-Maschine ähneln den Ergebnissen der beiden Konkurrenten, da alle drei Unternehmen auf eine ähnliche Technik setzen. Der einzige Vorteil von Microsoft scheint zur Zeit in der Bedienung zu liegen. Mit Hilfe des sogenannten Suchassistenten können die Anfragen leicht an die persönlichen Vorlieben angepaßt werden.
Von Kartoffel- und Computerchips
Richtig interessant wird der Wettbewerb, wenn Microsoft die Suchmaschinen in das neue Betriebssystem einbindet, das wohl im Jahr 2006 unter dem Namen Longhorn auf den Markt kommen soll. Dann wird nicht nur die Suche im Internet möglich sein, sondern auch auf dem persönlichen Computer ausgedehnt werden. Aber auch hier hat Google die Nase vorn: Die Google-Desktop-Suche ist schon auf dem Markt und funktioniert prächtig.
Der große Entwicklungsschritt der Suche, der vom World-Wide-Web-Erfinder Tim Berners-Lee vorangetrieben wird, ist das sogenannte semantische Internet. Ein Suchdienst müsse zwischen Kartoffel- und Computerchips unterscheiden, sagte Gates im Sommer. Die Suchmaschinen müssen also verstehen, was der Nutzer will. Der Suchmarkt steht somit erst am Anfang. Mit Microsoft hat nun der dritte große Akteur den Hut in den Ring geworfen. Die rund 800 Millionen Internet-Nutzer in aller Welt dürfen demokratisch über den Sieger entscheiden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2004, Nr. 266 / Seite 20
Bildmaterial: AP
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