Fernsehen: DVB-T

Frisch gekaufter Elektroschrott

Von Marcus Theurer

Was wird aus den alten Decodern?

Was wird aus den alten Decodern?

19. Juni 2007 In Deutschland müssen sich in den nächsten Jahren möglicherweise Millionen Haushalte Gedanken über ihr Fernsehen machen. Betroffen sind alle, die „Tagesschau“ und „Wer wird Millionär?“ nicht über Kabel oder Satellit, sondern über das digitale Antennenfernsehen, kurz DVB-T, schauen. Diese neue Technik wurde erst vor vier Jahren eingeführt, und seither wird das Sendenetz im ganzen Land Stück für Stück darauf umgestellt. Die wegen der einfachen Handhabbarkeit auch als „Überallfernsehen“ propagierte Innovation ist ein Lieblingsprojekt deutscher Medienpolitiker.

Doch wer sich fortschrittsbegeistert eines der Empfangsgeräte (Decoder) für DVB-T zugelegt hat, muss womöglich schon bald Ersatz beschaffen. Denn schon hegen Rundfunkaufseher konkrete Überlegungen, die Übertragungstechnik durch eine neue, leistungsfähigere zu ersetzen. Der Haken an dem zur Zeit nur Experten bekannten Plan: Die bisherigen Decoder taugen in der neuen Zeit wohl leider nicht mehr.

Dem heutigen DVB-T soll DVB-T2 folgen

In Fachkreisen wird das jüngste Kind der digitalen Fernsehevolution meist unter dem Kürzel DVB-T2 diskutiert. Entscheidungen sind noch nicht gefallen, aber die nächste Generation des Antennenfernsehens sei „technisch bereits sehr weit gediehen“, sagt Reinhold Albert, der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM). Fachleute rechnen damit, dass die notwendigen internationalen Technikstandards für DVB-T2 im nächsten Frühjahr fertig sind.

Schon in zwei Jahren könnte dann das modernisierte DVB-T eingeführt werden, erwartet der Berliner Rundfunkaufseher Hans Hege: „2009 oder 2010 ist realistisch“, sagt Hege. Der Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) ist unter den Fernsehaufsehern Spezialist für die Digitalisierung und für das Thema digitales Antennenfernsehen. Die Hauptstadt war schon Pionier beim heutigen DVB-T. Vor vier Jahren stellte Berlin als erstes deutsches Bundesland das Antennenfernsehen von analog auf digital um.

Leistungsfähiger als analoger Kabelanschluss

Selbst die privaten Fernsehsender, die dem heutigen DVB-T aus Kostengründen eher skeptisch gegenüberstehen, sind gegenüber der nächsten Generation deutlich aufgeschlossener. „Das ist für uns eine Option nicht nur in den Ballungszentren, sondern auch auf dem Land“, sagt Jürgen Doetz, Präsident des Privatfernsehverbands VPRT. Als mögliches Einführungsdatum kann er sich 2008 vorstellen.

Technisch wäre die nächste Generation dem heutigen digitalen Antennenfernsehen klar überlegen: Statt bisher meist 24 Programme kann das neue Antennenfernsehen nach Angaben von Nachrichtentechnikern voraussichtlich rund 36 Kanäle übertragen und wäre damit sogar etwas leistungsfähiger als ein analoger Kabelanschluss. Auch eine Verschlüsselung der Programme wird erwogen, um Bezahlfernsehen möglich zu machen.

Die heutigen Decoder können DVB-T2 nicht empfangen

Dennoch befürchten auch die Rundfunkaufseher, dass ihnen durch den angepeilten Techniksprung Ungemach droht. Es gelte „Ärger beim Verbraucher“ zu vermeiden, warnt DLM-Chef Albert und denkt an Millionen Decoder-Kistchen, die in den kommenden Jahren auf dem Müll landen würden. Der Unmut erscheint programmiert, denn allein bis Ende 2006 wurden in Deutschland mehr als 7 Millionen Decoder für das „alte“ DVB-T verkauft. Dass diese schon bald nur noch Elektroschrott sein könnten, wussten die Käufer nicht.

„DVB-T2 ist mit den heutigen Geräten aller Voraussicht nach nicht zu empfangen“, sagt Ulrich Reimers. Der Braunschweiger Professor für Nachrichtentechnik ist an der im internationalen Rahmen organisierten Entwicklung des neuen Standards maßgeblich beteiligt. Vor allem Zuschauer, die früh zu DVB-T gewechselt sind, dürften sich ärgern. Anfangs kosteten die Decoder mehr als 200 Euro. Heute kosten besser ausgestattete Geräte im Handel noch rund 150 Euro. Die Rundfunkaufseher wollen nun darauf drängen, dass nur noch Decoder die Regale kommen, die auch für die nächste Generation von DVB-T taugen. „Es ist wichtig, dass die Geräte aufwärtskompatibel werden“, sagt Hege.

„DVB-T2 ist eher etwas für andere Länder“

Andere Fachleute überzeugt das allerdings nicht. Zu groß sei hierzulande bereits der Bestand an DVB-T-Altgeräten, um den Umstieg hinzubekommen, warnt Nachrichtentechniker Reimers. „DVB-T2 ist eher etwas für andere Länder“, glaubt er

In Deutschland ist die Situation zur Zeit einigermaßen kurios. Während die Planungen für die nächste Generation von DVB-T schon laufen, ist die Einführung der bisherigen Technik bundesweit noch nicht einmal abgeschlossen. Für ein knappes Viertel der Bevölkerung wurde der Empfang bisher noch gar nicht auf DVB-T umgestellt. Es gibt deshalb Überlegungen, in diesen meist ländlichen Gegenden gleich DVB-T2 einzuführen.

Die Zuschauer sollen unterdessen von alldem möglichst wenig mitbekommen: Wer sich im Internet auf der offiziellen Homepage des DVB-T-Projekts (www.ueberallfernsehen.de) informieren will, erfährt von dem komplizierten Techniktheater nichts. Am Ende würden die Zuschauer sonst womöglich ganz auf das digitale Antennenfernsehen verzichten.

Das digitale Antennenfernsehen

Der Name klingt nach Fachchinesisch: Wenn Experten vom digitalen Antennenfernsehen reden, sprechen sie von „Digital Video Broadcasting-Terrestrial“ - kurz DVB-T. Die seit Anfang der neunziger Jahre entwickelte Technik soll in Deutschland in den kommenden Jahren das alte analoge Antennenfernsehen vollständig ablösen. Via Antenne hatte nach dem Zweiten Weltkrieg und damit lange vor Einführung von Kabelanschluss- und Satellitenschüssel das deutsche Fernsehen begonnen. Bis weit in die achtziger Jahre hinein mussten sich viele Haushalte mit einer Handvoll Programme begnügen, die mit Analog-Antenne zu empfangen waren. Idee der Verfechter von DVB-T war es, die vom Aussterben bedrohte Uralttechnik ins Digitalzeitalter zu heben. Die Antenne sollte als dritter Übertragungsweg für Fernsehen neben Kabel und Satellit wiederbelebt werden. Viele Medienpolitiker argumentieren, anders als Kabel und Satellit sei DVB-T, dessen Empfang kostenlos ist, weniger stark in der Hand kommerzieller Unternehmen und sichere deshalb den freien Rundfunkzugang. Begonnen hat die Einführung im August 2003. Bis Ende nächsten Jahres sollen 90 Prozent der Bevölkerung zumindest die öffentlich-rechtlichen Programme ARD und ZDF via DVB-T empfangen können.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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