Internet

So werden wir bald fernsehen

Von Lisa Nienhaus

29. Juli 2007 Es ruckelt, es wackelt, es ist verschwommen, klein und undeutlich. Youtube soll Fernsehen sein? Da können die Chefs der herkömmlichen Sender nur lachen und sich beruhigt zurücklehnen. Zwar stammen die beliebtesten Clips der amerikanischen Internetseite oft aus dem normalen Fernsehprogramm. Mit dem Fernseher im Wohnzimmer können sie aber nicht mithalten.

Doch jetzt kommt Konkurrenz, die auf Augenhöhe agiert. Internetfirmen wie Joost, Babelgum oder Zattoo bringen erstaunliche Qualität auf den Computerbildschirm. Die Zuschauer brauchen bloß einen DSL-Anschluss, ein wenig Platz auf der Festplatte und eine Einladung der Betreiber, schon sehen sie Bilder, die denen des heimischen Fernsehers fast ebenbürtig sind.

Unabhängigkeit von Zeit und Sendeplänen

Wie auf der Couch wählt man auch am Schreibtisch zwischen verschiedenen Programmen und Sendungen. Bei Zattoo können die Zuschauer - bisher leider erst in der Schweiz - alle bekannten deutschen Sender empfangen, von RTL bis ZDF. Bei Joost laufen Sendungen wie MTV punk'd, in der Stars mit versteckter Kamera hinters Licht geführt werden. Amerikaner sehen dort auch Dokumentationen vom Sender National Geographic und Komödien des Senders Comedy Central.

Auch wenn die Inhalte in Deutschland noch nicht mit der heimischen Glotze mithalten können: Technisch ist gutes Fernsehen im Internet längst möglich. Das Beste daran: Fernsehen wird anders. Während Angebote wie Zattoo darauf ausgelegt sind, wie das herkömmliche Fernsehen möglichst viele Sender live auszustrahlen, haben andere entdeckt, was der wirkliche Vorteil von Internet-TV ist: Die Unabhängigkeit von der Zeit und von Sendeplänen.

„Zur Zeit schauen die Menschen zum größten Teil noch linear fern“, sagt Birgit van Eimeren, Medienforscherin und Leiterin der ARD/ZDF-Projektgruppe Multimedia. „In fünf, sechs Jahren wird sich das ändern. Nichtlineares Fernsehen bringt zusätzlichen Nutzen.“

Internet statt DVD-Recorder

Nichtlinear, das heißt: Der Zuschauer kann den Sonntagabend-Tatort auch einmal am Montagabend gucken oder das Bundesliga-Spiel von Anfang an verfolgen, obwohl er eigentlich nicht rechtzeitig nach Hause gekommen ist. Dazu muss er keinen DVD-Recorder programmieren, er braucht bloß einen Internetanschluss. Vorreiter ist die Firma Joost, gegründet von Janus Friis und Niklas Zennström. Die Skandinavier haben es zuvor mit der Musiktauschbörse Kazaa und der Telefoniefirma Skype zu Berühmtheit und zu Geld gebracht.

Ihr neues Projekt soll nach der Musik- und Telekommunikationsindustrie nun die Fernsehwelt revolutionieren. Nicht zuletzt wegen seiner bekannten Väter gilt Joost derzeit als eines der heißesten Start-ups in der Internetwelt. Am 1. Mai dieses Jahres ging Joost in die offene Testphase.

Am 10. Mai schon konnte der Sender verkünden, dass nicht nur der Risikokapitalgeber Sequoia Capital Anteile am Unternehmen erworben hat, sondern auch mit der CBS Corporation und Viacom zwei große amerikanische Medienkonzerne, die Fernsehsender wie CBS, MTV und VH-1 betreiben.

Viele kleine Projekte

Der kleinere Konkurrent von Joost, ein Sender namens Babelgum aus Irland, hatte von Anfang an einen finanzkräftigen Partner: den italienischen Internet-Mogul Silvio Scaglia.

Die Geschäftsmodelle von Joost und Babelgum unterscheiden sich kaum von dem des heutigen Fernsehens: Internetnutzer zahlen nichts für das Programm. Dafür gibt es Werbung, die man nicht weiterspulen kann. Das ist attraktiv für Fernsehsender, die lange befürchtet haben, mit dem Gang ins Internet könnten sie auch ihre Finanzierungsmodelle verlieren.

Trotzdem erproben sich derzeit noch die meisten Medienunternehmen an eigenen Projekten, anstatt sich zu einem großen Internetfernsehen zusammenzuschließen. In Deutschland hat beispielsweise RTL mit RTLnow eine Plattform aufgebaut, um seine Sendungen an den Internetnutzer zu bringen. Die Qualität ist mit der von Babelgum und Joost nicht vergleichbar, und die interessantesten Sendungen kosten Geld: eine Folge „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gibt es für einen Euro, eine Folge CSI für 1,99 Euro. Auch bei Maxdome von Pro7/Sat1 sind die besten Sendungen kostenpflichtig. Das ist problematisch, denn Internetnutzer sind es nicht gewohnt, für Inhalte Geld zu zahlen - vor allem nicht, wenn sie sie anderswo, nämlich im Fernsehen, kostenlos bekommen.

Das ZDF hat eine Mediathek aufgebaut

Die Öffentlich-Rechtlichen gehen einen anderen Weg, auch weil sie wegen der GEZ-Gebühren unabhängiger von Werbeeinnahmen sind. Das ZDF hat eine Mediathek aufgebaut, in der Sendungen kostenlos angeschaut werden können, vom "heute-journal" bis zur Telenovela "Wege zum Glück". Die ARD bastelt an einem ähnlichen Portal, das zur Internationalen Funkausstellung Ende August fertig werden soll. Die Sender hoffen, dass sie mit den Angeboten im Internet die jungen Zuschauer zurückgewinnen, die sie peu à peu ans Internet verlieren. "Das Internet ist eine riesige Konkurrenz fürs Fernsehen", sagt Medienforscherin van Eimeren. "Bei den unter 20-Jährigen ist der Internetkonsum schon etwa so hoch wie die TV-Nutzung." Dabei sind bewegte Bilder auf dem Vormarsch. Trotz oft schlechter Qualität von Youtube, Myvideo & Co. steigt der Anteil der deutschen Internetnutzer, die sich mindestens einmal pro Woche Videos im Netz anschauen oder sie dort herunterladen. Waren es 2006 noch sieben Prozent, sind es Anfang 2007 plötzlich vierzehn Prozent. Die Jugendlichen sind besonders aktiv. Fast jeder vierte Internetnutzer zwischen 14 und 19 Jahren schaut regelmäßig bewegte Bilder im Internet an.

Während die Medienunternehmen noch wild experimentieren, sind illegale und halblegale Internetseiten auf dem Vormarsch. Zum Beispiel OnlineTV-Recorder.com oder Shift.tv. Sie nehmen Lieblingssendungen mit einem Klick auf, so dass man sie später auf den Computer laden und anschauen kann. So wird der Internetnutzer unabhängig vom Sendeplan, ganz ohne Geld zu zahlen. Die Fernsehsender klagen gegen diese Anbieter. Klüger wäre es, gemeinsam eine attraktive Alternative zu bieten.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 27
Bildmaterial: Dieter Rüchel, F.A.Z.

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