25. Mai 2006 Christi Himmelfahrt. Das paßt. Es ist Feiertag, Vatertag, die Seelen sind entspannt, auch die der Journalisten. Und erstaunlich entspannt waren sie schon in den Stunden zuvor bei Bertelsmann. Kein Wunder, wußten sie doch: Bertelsmann bleibt in Familienbesitz, der teuflische Albtraum vom Börsengang ist besiegt.
Für 4,5 Milliarden Euro kauft sich die Familie Mohn von der Erblast frei, die der Minderheitsgesellschafter Albert Frère in die Hand bekam, als er seinen Anteil an der RTL Gruppe gegen 25,1 Prozent von Bertelsmann tauschte. Das werden sie nicht erst am Mittwoch abend wegverhandelt und sich dabei genau in der Mitte zwischen den Maximalvorstellungen getroffen haben. Es sollte und mußte schnell gehen, hätte sich die Sache in die Länge gezogen, hätten sich die Analysten über Bertelsmann gebeugt und Unternehmensteile bewertet. Wer will schon so viel öffentliche Aufmerksamkeit?
Bertelsmann bleibt Mohn bleibt Bertelsmann
Bertelsmann bleibt Mohn, Mohn bleibt Bertelsmann, hundert Prozent der Stimmrechte liegen bei der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG), in der die Anteile der Familie Mohn und der Bertelsmann Stiftung gebündelt sind. Bei Bertelsmann wird zwischen die Familie mit 25 Prozent der Aktien und der Bertelsmann Stiftung mit 75 Prozent fortan kein Börsenblatt Papier mehr passen.
Das mag für die Unternehmerfamilie beruhigend sein, doch muß der Preis, den sie dafür bezahlt, der geschäftliche Spielraum, den sie preisgibt, die Geschäftsführung bekümmern. Der Grad der Verschuldung beträgt nun das 3,4fache des operativen Ergebnisses vor Steuern und Abgaben. Den gewünschten Preis von 1,3 Milliarden Euro für den auf die Verkaufsliste gesetzten BMG Musikverlag wird man nicht so leicht erzielen, denn jetzt weiß jeder, daß Bertelsmann verkaufen muß, um die Schulden zu drücken.
Familiäre Reconquista
Der Preis, den die Familie Mohn zahlt, ist hoch. Und es ist erstaunlich, wie gegenläufig die Tendenzen in zwei der großen Medienhäuser dieses Landes laufen. Dem Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner war es bis zu 4,2 Milliarde Euro wert, an die Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 zu kommen, womit er am Kartellamt und der Kek gescheitert ist. 4,2 Milliarden Euro - für die Offensive, die Expansion, den breit aufgestellten Multimediakonzern, der Print auch Online und Online On Air im Fernsehen vermarkten kann. Sozusagen Springers ganz privates Triple Play gegen die Telekoms und Netzanbieter.
Und was macht Bertelsmann? Gibt 4,5 Milliarden Euro aus fürs Bewahren des Status quo. Das spricht für sich und geht nur, weil es da vor Jahren jemanden an der Spitze des Unternehmens gab, der die Schritte mit Siebenmeilenstiefeln an der Börse tat: Thomas Middelhoff, der sich heute um die Geschicke von Karstadt kümmert.
Als Middelhoff über Nacht seinen Job verlor - weil er zuviel aufs Spiel setzte, nämlich den Einfluß der Familie Mohn -, begann mit seinem Nachfolger Gunter Thielen eine Ära, die mit Konsolidierung unzureichend beschrieben ist. Alles, was seither an Geschäften gemacht wurde, geschah zur höheren Ehre einer familiären Reconquista. Die ist jetzt geschafft und mit dem 25. Mai die Ära Middelhoff endgültig Geschichte.
Text: F.A.Z., 26.05.2006, Nr. 121 / Seite 42
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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