Wurm-Bastelanleitung

Ich, der gefeierte Wurm- und Virenautor

Von Klemens Polatschek

16. Mai 2004 Es gehört zum guten Ton, nicht genau anzugeben, wo im Web die Bastelanleitungen für Atombomben stehen. Deswegen sei hier auch auf konkrete Verweise zu den Tummelplätzen der Virensammler und Wurmzüchter verzichtet.
Mittlerweile werden bis zu 55000 verschiedene Arten Viren und Würmer gezählt. Wesentlichster Unterschied zwischen beiden: Ein Virus klammert sich in bestehende Daten ein, während ein Wurm quasi selbständig auf Computern überlebt. Besonders notorisch sind im Internet die Bausätze für solche Geschöpfe. Für erfahrene Wurmprogrammierer bedeutet es wenig Aufwand, anstelle eines einzelnen Wurms gleich eine Anleitung zu schreiben, die den Wurm in unzähligen Varianten erzeugen kann. Das macht es auch unbedarften Nutzern möglich, einfach mal ihre eigene Kreation in den Umlauf zu schicken.

Welcher Wurm darf`s denn sein?

Die Bausätze sind eigenständige Programme, die meist unter Microsoft Windows und seinen verschiedenen Versionen laufen. Man lädt sie aus dem Web, packt sie aus und startet sie. Per Mausklick ins passende Feld konfektioniert man einen Wurm je nach Geschmack: Welche Art Dateien soll er befallen, welche Dienste des Betriebssystems in welcher Aggressivität nutzen, wie sollen die Dateien heißen, in denen er sich versteckt? Das sind schon die wichtigsten Eigenschaften jener beliebtesten Klasse von Mail-Würmern, die sich durch arglistige Täuschung verbreiten. Von infizierten Systemen aus verschicken sie Kopien ihrer selbst an alle erreichbaren E-Mail-Adressen - öffnet ein Adressat das verlockende, scheinbar harmlose Dokument, lebt der Wurm auch auf seinem Computer. Ein Wurm namens "Netsky" ist das aktuellste Beispiel.
Wurmprogramme aus solchen Baukästen sind nicht selten in der Windows-Steuersprache Visual Basic Script geschrieben und daher auf vielen Windows-Systemen direkt ausführbar. Die Bausätze kann man auch als Lernprogramme sehen. Die Lehrlinge der Programmiererszene können sie als Ausgangspunkt für eigene Experimente verwenden. Nicht wenige stoßen von da aus zu den höheren Weihen vor, indem sie etwa Würmer schaffen, die sich nicht per Mail verbreiten, sondern direkt übers Netz. Dort knacken sie bekannte Schwachstellen in laufenden Programmen und schleusen ihre Kopien auf weitere Computer - Sasser und Phatbot gehören zu dieser Klasse von Wurm.
Wer diese Welt der Wurmwerkstätten und Wurmarchive besichtigt, wird sich jedenfalls über eines wundern - wie wenig die Computerwelt von den Biestern befallen ist. Offenbar gibt es doch Hemmungen, zu viel Gewürm freizulassen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.05.2004, Nr. 20 / Seite 65

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