05. Mai 2008 Durch das Internet geistert ein neues Schlagwort: The Cloud, die Wolke, gilt als Inbegriff für die kommende technische Revolution im Netz. Dokumente, Internetseiten, Fotos oder Videos werden künftig nicht mehr auf dem heimischen Rechner abgelegt, sondern irgendwo "in der Wolke", womit riesige, über die ganze Welt verteilte Datenzentren gemeint sind. Die Internetnutzer können dann überall und mit allen Geräten auf ihre Daten zugreifen und mit anderen Nutzern teilen. Wo die Daten tatsächlich gespeichert sind, spielt keine Rolle mehr. Irgendwo in der Wolke eben.
Was zunächst trivial klingt, hat gravierende Konsequenzen. Im ersten Schritt für die Hard- und Softwarehersteller selbst: Unternehmen brauchen keine teuren Netzwerkrechner mehr, sondern mieten bei Bedarf entsprechende Kapazitäten "in der Wolke", um ihre Internetseiten, Programme und Dokumente zu speichern. Die Softwarehersteller verkaufen keine Lizenzen mehr, sondern vermieten "Software als Service", wie es heute bereits das amerikanische Unternehmen Salesforce praktiziert. Weit über die IT-Industrie hinaus ändert die Wolke aber auch die Internetnutzung grundlegend. Einen Vorgeschmack gibt Google: Texte, Tabellen, Fotos, der Terminkalender und natürlich die E-Mails können mit kostenlos nutzbaren Programmen erstellt, verwaltet und gespeichert werden, die nur noch im Internet laufen. Statt teurer Bürosoftware und Festplatten ist nur noch ein Internetanschluss notwendig, der die Verbindung zu den mehreren hunderttausend Netzwerkrechnern der Google-Wolke herstellt.
Ein Modebegriff wird über Nacht Realität
Zunächst galt die Wolke nur als neues Modethema. Als aber Ray Ozzie, als Nachfolger von Bill Gates der oberste Softwarearchitekt von Microsoft, die neue Strategie des Softwaregiganten vorstellte, war aus dem Modebegriff über Nacht Realität geworden: Ozzie verkündete nichts weniger als Microsofts Abkehr vom Personalcomputer und die Zuwendung zur Wolke als verbindendes Element zwischen allen Computern, Netzwerkrechnern und mobilen Geräten. "Live Mesh" wird das neue Supernetz heißen, mit dem Microsoft die ganze Computerwelt überziehen will. "Cloud-Computing wird künftig eine zentrale Rolle in der Informationstechnologie spielen", sagte Microsoft-Chef Steve Ballmer in einem Interview. Auf dem Spiel stehe dabei nichts weniger als "die Art und Weise, wie Computer benutzt und eingesetzt werden", sagte Ballmer. Nur wenige ganz große Technologieunternehmen werden aufgrund der Größenvorteile den Cloud-Computing-Markt beherrschen: Amazon, Google, IBM, möglicherweise Oracle, ganz sicher aber Microsoft werden nach Ballmers Ansicht dazugehören.
Ozzie zeigte auch, wie Cloud-Computing à la Microsoft aussehen könnte: Eine Microsoft-Software schaltet alle Geräte eines Nutzers - vom Personalcomputer bis zum Mobiltelefon - zusammen und koppelt sie mit einem Speicherplatz in der Wolke. Freigegebene Daten werden automatisch auf die anderen Geräte in der Microsoft-Wolke kopiert und lassen sich auf allen Geräten mit Internetanschluss nutzen. In einem ersten Schritt sollen nur Computer und Mobiltelefone mit einem Betriebssystem von Microsoft mitmachen können; in einem zweiten Schritt sollen aber auch Apple-Nutzer ihren Platz auf der Microsoft-Wolke bekommen. Obwohl die Microsoft-Pläne noch ganz frisch sind, wird "Live Mesh" schon jetzt zu den großen strategischen Weichenstellungen des Softwarekonzerns gerechnet. "Das war ein sehr wichtiges öffentliches Statement für Microsoft, nämlich dass die aktuelle Schlacht die Schlacht um die Wolke ist", sagte Gartner-Analyst Mark Stahlmann. Das sei nicht mehr der Kampf um die Internetsuche oder um das Betriebssystem. "Diese Kämpfe sind ausgefochten und gewonnen. Der Kampf um das Cloud-Computing ist aber völlig offen", sagte Stahlmann.
Vorreiter Amazon
Vorreiter des Cloud-Computings ist aber weder Microsoft noch Google, sondern der Online-Händler Amazon, der zu den großen Innovatoren im Internet gehört. Hunderttausende Betreiber von Internetseiten speichern ihre Daten inzwischen auf den Rechnern, die Amazon zunächst für seine eigenen Internetshops aufgebaut hat. "Zuerst haben wir diese Dienste für uns selber gebraucht. Dann haben wir uns gedacht, wenn wir diese Dienste benötigen, dann brauchen andere Internetseiten sie auch. Das kam gut an, und deswegen haben wir uns entschlossen, daraus ein komplett neues Geschäft zu machen", sagt der Amazon-Chef Jeff Bezos dieser Zeitung. Im Gegensatz zu Microsoft oder Google hat Amazon mit seinem "Elastic Compute Cloud" aber keine Ambitionen, eine Wolke für die privaten Internetnutzer aufzubauen. Amazon geht es um professionelle Anwender, die lieber Speicherplatz günstig kaufen statt teuer selbst aufzubauen. "Wenn das Managen eines Rechenzentrums nicht zu den Kernkompetenzen eines Unternehmens gehört, sollte diese Aufgabe an einen externen Dienstleister übertragen werden", rät Werner Vogels, Chief Technology Officer von Amazon.
In die gleiche Richtung steuert IBM mit seiner "Blue Cloud"-Initiative. "Blue Cloud wird unseren Kunden helfen, schnell eine Cloud-Computing-Umgebung einzurichten, um Web-2.0-Anwendungen innerhalb ihrer Unternehmens-IT zu testen und zu prototypen", erklärte IBM-Manager Rod Adkins die Strategie. Unternehmen können die Zeit für die Einführung neuer Anwendungen drastisch verkürzen, da keine eigenen Netzwerkrechner mehr angeschafft, sondern nur noch Kapazität "in der Wolke" gemietet werden muss, sagt James Staten vom Marktforschungsunternehmen Forrester Research. Auch wenn noch längst nicht alle Bedenken der IT-Verantwortlichen wie Sicherheit, Verfügbarkeit und Servicequalität ausgeräumt sind, "könnte das Rechenzentrum der Zukunft in der Wolke liegen", sagte Staten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa