Internet

"AOL geht klar in Richtung Web 2.0"

Charles Fränkl

Charles Fränkl

13. März 2006 In seinem erstengroßen Interview seit Amtsantritt stellt Charles Fränkl die Weichen für die Zukunft des Online-Dienstes AOL: Er sieht das Web 2.0 als nächste große Welle im Internet. Triple Play hält er dagegen für einen Hype wie UMTS.

Herr Fränkl, die Währung der Online-Dienste ist die Zahl der DSL-Kunden. Wie viele hat AOL?

Wir haben mehr als eine Million DSL-Kunden und werden in diesem Jahr mit dem Markt wachsen.

Die Konkurrenten T-Online, United Internet und Arcor wachsen aber schneller. Arcor hat AOL gerade vom dritten Platz in der DSL-Kundenrangliste verdrängt.

Das kann sein.

Sorgt Sie das nicht? Muß AOL mehr Fahrt aufnehmen?

Wenn man den Fokus auf den Umsatz legt, dann vielleicht. Aber wir legen den Schwerpunkt auf die Profitabilität, und dafür ist unser Wachstum genau richtig. Die Zahl der Zugangskunden ist ein wichtiges Element, aber nicht das einzige. FRAGE: FRAGE: ANTWORT: Die Diskussion in Deutschland ist zu sehr auf den Internetzugang fixiert. Die wirklich marktentscheidende Frage ist, welche Dienste den Kunden angeboten werden und was er bereit ist, dafür zu zahlen. Aus meiner bitteren Erfahrung mit UMTS weiß ich: Mehr Bandbreite heißt nicht automatisch mehr Umsatz mit den Kunden.

Woher kommt dann das Wachstum bei AOL?

Im DSL-Geschäft wird es in diesem und auch im nächsten Jahr noch ordentliche Zuwächse geben, bevor die Sättigung einsetzen wird. Auch die Online-Werbung hat sich mit 40 Prozent Zuwachs im vergangenen Jahr gut entwickelt. Aber für uns sind Bezahlinhalte wie Musik, Spiele und Sicherheitspakete der größte Treiber. Wir verkaufen eine halbe Million Musiktitel jeden Monat. Unsere Gewinne wachsen in diesen Geschäftsfeldern schneller als im Zugangsgeschäft.

Wie wichtig sind Communities im Netz?

Sehr wichtig. Die Reise für AOL geht ganz klar in Richtung Web 2.0. Wie vernetze ich mich mit meinen Freunden und Verwandten? Unsere Kunden erwarten vom Internet mehr als Suche, E-Commerce und E-Mail. Sie suchen sich eine Plattform, um sich selber im Internet darzustellen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Das ist die nächste große Welle im Internet, viel wichtiger als Internet-Fernsehen.

Was heißt das konkret?

Bisher gab es das globale Dorf Internet. Aber das lokale Internet ist doch noch wichtiger. Stichwort lokale Suche: Wo ist die nächste Tankstelle, das nächste Theater? Wir müssen Kombinationen zwischen Landkarten und Suche herstellen. Im Moment gibt es keine Verknüpfung zwischen dem Stundenplan in den Schulen und dem Busfahrplan. Solche Verknüpfungen werden immer wichtiger. Und der Mobilfunk muß in diese Entwicklung eingebettet werden.

Wie läßt sich mit dem Web 2.0 Geld verdienen?

Dies gelingt, indem wir den Verkehr auf unseren Seiten durch Werbung monetarisieren. Der Boom der Online-Werbemärkte in den Vereinigten Staaten belegt das bereits. Aber auch der Verkauf zusätzlicher Produkte und Mehrwertdienste über die sozialen Netzwerke der Zukunft ist eine neue Einnahmequelle.

Wie wichtig ist das mobile Geschäft?

Mobil wird einer der zentralen Pfeiler für AOL. Wir werden aber sicher kein neuer Billiganbieter werden. Wir werden E-Mail und Instant Messenger weiter auf die Mobiltelefone verlagern. Wir wollen sicher sein, daß wir bezahlte Dienste wie Musikdownload auch auf die Mobiltelefone übertragen. Es lohnt sich, etwas mehr Vorbereitung in das Thema Mobilfunk zu investieren, um den Kunden kein Flickwerk zu präsentieren. Aber auch hier spielt der Web-2.0-Gedanke hinein: Wie lassen sich Erlebnisse mit Freunden teilen, die ebenfalls unterwegs sind?

Denken Sie an eigene mobile Geräte?

Eigene Endgeräte werden wir nicht anbieten. Das hat sich nicht bewährt. Das Apple-Modell hat sich zwar bewährt, aber das ist nicht unsere Strategie. Wir entwickeln Software für mobile Endgeräte. In Amerika ist diese Software bereits im Einsatz. In Deutschland wird die Community-Software für die Handys auch bald kommen.

Wie konkret sind Ihre Vorbereitungen für die lokale Suche? GoYellow, Google und T-Info sind an dem Thema längst dran.

Wir haben gerade eine Kooperation mit Telegate bekannt gegeben. Damit bieten wir unseren Kunden im Dienst und auf dem Portal eine Auskunftsfunktion mit aktuellen lokalen Informationen. Unsere besondere Partnerschaft mit Google eröffnet darüber hinaus weitere Möglichkeiten, die wir künftig ausbauen werden.

Ihre Konkurrenz setzt zur Zeit stark auf Triple Play, also das Zusammenspiel aus Internet, Telefon und Fernsehen. AOL nicht. Ist Triple Play ein Hype?

Ja. Es erinnert mich stark an UMTS. Triple Play macht nur Sinn, wenn man das Format Fernsehen für das Internet neu erfindet. Wenn im Netz nur Fernsehen mit elektronischen Programmführern oder persönlichen Videorekordern angeboten wird, steht das Internet in direkter Konkurrenz zum wirklich sehr guten frei empfangbaren Fernsehen in Deutschland. Da muß man sich schon sehr genau überlegen, ob sich eine Investition in dieses Feld lohnt. Aus meinen Erfahrungen bei Vodafone kann ich sagen, daß man sich den Einstieg in ein neues Geschäftsfeld sehr genau anschauen soll, bevor man diesen Weg geht. Es scheint ein blindes Vertrauen vorhanden zu sein, daß sich alles finden wird. Ich bin nicht so sicher, daß es ein Format gibt, das den Kunden einen wirklichen Mehrwert gegenüber dem Free-TV bietet.

Wie könnte ein solches Format aussehen?

Internet-Fernsehen wird nur mit erheblichen Investitionen funktionieren. Einfach nur Fußballspiele im Internet zu übertragen wird es nicht bringen. Notwendig sind interaktive Zusatzdienste. Wenn ich zum Beispiel ein Spiel sehe, wären die Tore aus vergangenen Spielen, Statistiken zu den Spielern oder direkte Wiederholungen einzelner Spielszenen ein sinnvoller Mehrwert. Am besten sind natürlich exklusive Inhalte nur für das Internet - aber die sind sehr teuer.

Also wird AOL kein Internet-Fernsehen anbieten?

Nur dann, wenn wir die Transportkosten für die Daten decken können. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das schaffen werden. Die Preise für den Datenverkehr, den wir an die Telekom zahlen müssen, sprechen eher dagegen. Unsere Konkurrenten sind sich auch noch nicht so sicher, ob sich Internet-Fernsehen lohnt.

Aber die Konkurrenten investieren kräftig in das neue Geschäftsfeld.

Ja. Aus Angst vor den Kabelgesellschaften, die neben Fernsehen jetzt auch Telefon und Internet anbieten, wird einfach drauflosgebaut. Es wird am Ende aber nur ein Unternehmen geben, das mit Triple Play Geld verdienen wird, da es beliebig quersubventionieren kann.

Fürchten Sie einen Alleingang der Telekom in Richtung Internet-Fernsehen?

Nein. Auch die Telekom kann keine 5000 Redakteure einstellen, um die Inhalte für das Netz aufzuarbeiten.

An anderer Stelle plant die Telekom einen Alleingang: Das geplante VDSL-Hochgeschwindigkeitsnetz soll für die Konkurrenz nicht geöffnet werden. Wäre das schlimm für AOL?

Die Telekom versucht, sich einen regulierungsfreien Raum zu schaffen, und bekommt dafür auch noch Rückendeckung von der Politik. Vor allem diese industriepolitische Komponente macht uns Sorgen. Verfolgt Deutschland das CSU-Modell und schränkt den Wettbewerb zum Schutz des ehemaligen Monopolisten ein? Dann würde die Attraktivität Deutschlands als Standort für Investitionen in die Telekommunikation sinken. Ich bin erstaunt, wie locker die Bundesregierung diese für Investoren fatalen Signale aussendet.

Trotzdem arbeitet AOL mit Telefonica zusammen, um 16-Megabit-Anschlüsse anbieten zu können. Wie weit sind Sie vorangekommen?

Wir sind jetzt in 25 Städten vertreten. In diesem Jahr werden wir die Zahl deutlich erhöhen. Wir sehen uns als Wiederverkäufer und nicht als Netzbetreiber.

Und wie groß ist die Nachfrage nach dieser Bandbreite?

Bisher vernachlässigbar klein. Wir können den Kunden nicht erklären, wofür sie 16 Megabit brauchen. Die ganze Industrie kann es nicht erklären. Ohne grundsätzliche Innovationen werden wir die Bandbreite nicht füllen können. Die Inhalte müssen neu produziert werden, um die Interaktivität einzubauen. Wie lassen sich zum Beispiel soziale Netzwerke mit Fernsehinhalten verknüpfen? Wie läßt sich Werbung interaktiv integrieren? Bisher hat die Industrie diese Aspekte außer acht gelassen. Mit Mobil-TV ist zum ersten Mal klargeworden, daß wir nicht einfach Musikvideos auf das Handy übertragen können.

Eine Anwendung für 16 Megabit wären Videos. Wie könnte ein solches Angebot aussehen?

Die Internet-Community schreibt das Drehbuch für den Film. Oder im Internet wird abgestimmt, wie der Film endet. Das ist anspruchsvoll, kann das Medium aber erfolgreich machen. Aber das dauert noch. In diesem Jahr werden die Experimente mit Triple Play laufen, um zu entscheiden, welche Modelle funktionieren. Aber zur Zeit geht man klassisch - ausgerichtet an der Infrastruktur - in den Markt und versucht dann, die Inhalte dazu zu finden. Erst in der nächsten Welle kommen die Innovationen.

Das Gespräch führte Holger Schmidt



Text: F.A.Z., 13.03.2006, Nr. 61 / Seite 19
Bildmaterial: Reto Klar

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