Medien

Feldherr der Finsternis

Von Gina Thomas, London

Gegen Heuschrecken: Der “Berliner Kurier“ stellt sich quer

Gegen Heuschrecken: Der "Berliner Kurier" stellt sich quer

17. Oktober 2005 Seine Freunde nennen ihn „Monty“. So hieß der berühmte General Montgomery unter seinen Soldaten. Aber die Untergebenen bei der Mirror-Gruppe, die unter David Montgomerys autokratischem Führungsstil stöhnten, gaben ihm den Beinamen Rommel, in Anspielung auf den Wüstenkrieg, in dem sich die beiden Feldmarschalle Montgomery und Rommel gegenüberstanden.

David Montgomery gilt als eiskalter Manager, der wenig über sich preisgibt und es als Schwäche empfindet, Gefühl zu zeigen. Er stellt den Dienst vor alles andere und verlangt den gleichen Einsatz von seinen Mitarbeitern. Das Familienleben kommt dabei zu kurz, was wohl eher erklärt, weshalb der bald 57jährige jetzt in dritter Ehe verheiratet ist, als daß er den Frauen schöne Augen machte.

Hartnäckig und finster

Das Adjektiv, das am häufigsten mit seinem Namen in Zusammenhang gebracht wird ist „dour“, was zugleich hartnäckig und finster heißen kann. Alan Watkins, langjähriger Kolumnist des „Independent on Sunday“, an dem sich die Mirror-Gruppe unter Montgomerys Führung 1994 beteiligte, sagte einmal, der Begriff „dour“ verbinde sich so unweigerlich mit ihm, wie Speck nicht von Spiegelei zu trennen sei.

Montgomery ist ein asketischer Protestant aus Nordirland, der sich für die Sache der Ulster-Unionisten leidenschaftlich engagiert hat. Wenige wissen, daß er als Mittler zwischen Downing Street und dem Unionisten-Führer David Trimble maßgeblich an dem nordirischen Friedensprozeß beteiligt war. Vor einem Treffen mit Trimble pflegte Blair sich bei Montgomery zu erkundigen, wie die Stimmung sei. Seine Verbundenheit mit den Unionisten demonstrierte Montgomery auch mit einer umstrittenen Kampagne im Belfaster „News Letter“. Das Blatt gehört zu der kleinen irischen Zeitungsgruppe, die er 2003 zusammen mit der Risikokapitalfirma 3i erwarb und jetzt mit Gewinn wieder verkauft hat. Bei den Verhandlungen vor zwei Jahren war Montgomery lediglich als Berater ausgegeben worden, obwohl er sich auch persönlich an dem Geschäft beteiligte. Doch kaum war der Vertrag unterzeichnet, erschien er in der Redaktion. Er gilt als der Verfasser eines kämpferischen Leitartikels mit dem Titel „Put the Pride back in Protestant“, mit dem er den über die Konzessionen an die irischen Nationalisten verdrossenen Unionisten wieder Mut zu machen versuchte.

Stellvertretender Chef-Unterredakteur

Der steile Aufstieg im britischen Boulevardjournalismus begann nach dem Studium der Politikwissenschaften und Geschichte an der Queen's University, Belfast, auf der tiefsten Sprosse der Karriereleiter. Montgomery fand beim „Mirror“-Büro in Manchester, wo die sogenannte Nord-Ausgabe produziert wurde, eine Einstellung als „sub-editor“. Die sogenannten „Unterredakteure“ sind im britischen Zeitungswesen allein für das Redigieren und Kürzen von Artikeln zuständig, schreiben aber nicht selbst. Montgomery avancierte in London zum stellvertretenden Chef-Unterredakteur und wechselte dann als leitender Unterredakteur zu Murdochs „Sun“, wo er dem für durchgreifende Führungsfiguren empfänglichen Eigentümer hinreichend Eindruck machte, um mit dem Chefredakteursposten des sonntäglichen Sensationsblattes „News of the World“ betraut zu werden.

Noch am Abend, an dem Murdoch 1987 die inzwischen eingegangene Boulevardzeitung „Today“ kaufte, deren technologisch fortschrittliche Herstellung die britische Zeitungslandschaft verändern sollte, machte er Montgomery zum Chefredakteur. Dieser beeilte sich, schon der von seinem Vorgänger vorbereiteten Ausgabe für den nächsten Tag seinen Stempel aufzuprägen. Einen Bericht über den Widerstand der Labour Party gegen Murdochs Übernahme veränderte er in einen Angriff auf die Kritiker des Verkaufs. Am folgenden Tag bezeichnete Murdochs „Sun“ den Beitrag unverblümt als „absoluten Stuß“. Nach außen hin ließ sich Murdochs News International in den Medien lieber von Montgomery vertreten als von dem als zu ruppig empfundenen Chefredakteur der „Sun“, Kelvin MacKenzie, sosehr dieser fluchende, hyperaktive, volkstümliche Blattmacher ein Mann nach Murdochs Herzen war. Der trockene Montgomery hingegen galt als höflich und telegen.

Unnachgiebiger Sparkurs

Seine Sternstunde kam nach dem Tod Robert Maxwells, als er 1992 die Geschäftsführung der „Mirror“-Gruppe übernahm und den Schlamassel zu bereinigen hatte, den der Verleger hinterließ. Montgomery fuhr einen unnachgiebigen Sparkurs. Das machte ihn zwar bei den Investoren beliebt, der Stab aber fürchtete den schmalen, kleingewachsenen, von Ehrgeiz Getriebenen und traute ihm nicht. Er war, wie eine seiner Mitarbeiterinnen später erzählte, ein Taktiker, der sparsam mit der Wahrheit umging, die Menschen gerne gegeneinander ausspielte, etwa indem er zwei Personen denselben Posten versprach. Nichts beunruhigte die Redakteure so sehr wie Montgomerys Versicherung, sie säßen fest im Sattel. Auch seine Favoriten bekamen die Unberechenbarkeit zu spüren. Als er erfuhr, daß eine Redakteurin, von der Arbeit aufgehalten, womöglich das Krippenspiel ihres Kindes verpassen würde, schickte er sie mit seinem Fahrer in die Schule. Am nächsten Tag aber zerfetzte er einen Artikel, den sie geschrieben hatte, so daß sie bis spätnachts in der Redaktion bleiben mußte.

Durch die drastischen Kürzungen gelang es Montgomery, die „Mirror“-Gruppe zu sanieren. Aber seine Diversifizierungs-Strategie überzeugte die Investoren nicht, und gegen den von Murdoch Ende der neunziger Jahre initiierten Preiskrieg wußte Montgomery nichts aufzubieten. Er konnte den Auflagenverlust beim „Mirror“ ebensowenig aufhalten wie beim „Independent“, wo er herausgedrängt wurde, als die italienischen und spanischen Investoren ihre Anteile an den Iren Tony O'Reilly verkauften. Überhaupt zeigt ein Rückblick auf Montgomerys Laufbahn, daß er keine andere Kür zu kennen scheint als das Sparen. Diesen Mangel haben wohl auch die Investoren bei Trinity-Mirror erkannt, als sie ihn 1999 zum Rücktritt zwangen.

Seither versucht David Montgomery wieder einen hochkarätigen Zeitungsposten zu erringen. Es gibt in den letzten Jahren kaum ein Geschäft in der Branche, mit dem er nicht in Verbindung gebracht worden wäre, sei es beim Verkauf des „Express“ oder des „Telegraph“, wo er, wie jetzt auch, als Berater der Investoren 3i und Veronis Suhler Stevenson in Erscheinung trat. Bisher ist ihm jedoch jede große Trophäe entglitten.

Text: F.A.Z., 18.10.2005, Nr. 242 / Seite 44
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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