28. August 2006 Wenn Erwachsene wie einst Boris Becker einen Schmetterball übers Netz jagen, aber statt eines Tennisschlägers nur eine kleine weiße Fernbedienung in der Hand halten und statt auf dem Tennisplatz vor dem Fernseher im heimischen Wohnzimmer stehen, muß es sich um Wii handeln. Die Spielekonsole, die Nintendo zum Jahresende auf den Markt bringt, war der Knaller der Spielemesse Games Convention in Leipzig, die mit 183.000 Besuchern einen neuen Rekord aufstellte.
Stundenlang standen die Spielefans Schlange, um einmal mit Wii einen Ball zu schlagen oder ein Orchester zu dirigieren. Wii erreicht auch die Menschen, die nicht mit digitalen Medien groß geworden sind. Wii kann das Problem auflösen, daß Erwachsene keinen Zugang mehr zu den Spielen ihrer Kinder finden, sagte Bernd Fakesch, Deutschland-Geschäftsführer von Nintendo, dieser Zeitung.
Wii ist nur noch geringes Risiko für Nintendo
Nintendo hat sich mit Wii aus dem Wettrüsten der Kontrahenten Microsoft und Sony um die beste Technik verabschiedet. Alle in der Branche haben gedacht, daß Nintendo ein wahnsinniges Risiko eingeht. Wir merken aber jetzt, daß wir den Markt tatsächlich um neue Zielgruppen erweitern können. Man bekommt die Menschen über Spaß am Spiel, nicht über irgendwelche tollen technischen Funktionen. Die meisten Menschen interessieren sich einfach nicht so sehr für Technik. Ich sehe das Risiko, das wir mit unserer neuen Konsole eingehen, inzwischen als sehr gering an, sagte Fakesch.
Die Konsole besitzt weder ein HD-DVD-Laufwerk noch das supermoderne Blu-ray, das Sony in seine Playstation der dritten Generation einbaut. Beides wird benötigt, um mit der Konsole hochauflösende Videos anzuschauen. "Nintendo hält die Zeit für hochauflösendes Fernsehen noch nicht für reif. Im Augenblick ist der Marktanteil dieser Geräte noch zu gering. Zudem ist es wahnsinnig teuer, HDTV-Spiele zu produzieren. Das wird eine Auslese unter den Spieleproduzenten geben. Nur die größeren Anbieter oder Unternehmen mit finanzstarke Investoren werden überleben. Diese Unternehmen können für ein Spiel 10 oder 20 Millionen Euro Entwicklungskosten tragen. Die kleinen Anbieter haben nur die Chance, sich für Wii interessante Konzepte auszudenken, die auch ohne viel Geld umgesetzt werden können, hofft Fakesch.
Online-Strategie wird wichtiger
Nintendo verfolgt auch im Internet eine andere Strategie als seine Konkurrenten. Wir arbeiten an Spieledownloads. Ob für diese Downloads bezahlt werden muß, kann ich noch nicht sagen. Ich glaube aber nicht, daß wir Spiele wie World of Warcraft anbieten werden, die immer weiterlaufen. Es werden klare, abgeschlossene Module werden, sagte Fakesch.
Auch Electronis Arts, der weltgrößte Spielehersteller, schwenkt nach anfänglichem Zögern inzwischen auf die Online-Spiele um. Die Online-Funktionen werden einen massiven Einfluß auf das Konsolengeschäft haben. Wir haben den Online-Markt vernachlässigt, sagte der neue Deutschland-Geschäftsführer des amerikanischen Unternehmens, Thomas Zeitner, dieser Zeitung.
Electronic Arts startet Download-Portal
Nun will der Softwareriese angreifen: Ende September wollen wir mit einer neuen Online-Plattform starten. Die Kunst wird sein, die Spieler langfristig an ein Spiel zu binden. Zum Beispiel wird es Spiele geben, von denen man eine Grundversion erwerben kann; zusätzliche Funktionen können dann im Internet dazugekauft werden, sagte Zeitner. Wie die gesamte Spielebranche wartet er gespannt auf die Einführung der nächsten Konsolengeneration von Sony und Nintendo. Mit den neuen Konsolen werden wir einen wahren Boom für Videospiele in Deutschland erleben, sagte Zeitner, ließ aber offen, wann dieser Aufschwung eintreten wird. Im ersten Halbjahr war der Spielemarkt nur um 1 Prozent gewachsen, da die Käufer den Verkaufsstart der neuen Konsolen am Jahresende abwarten.
Harter Schnitt von Microsoft
Der Übergang auf eine neue Konsolengeneration ist für die Spielehersteller immer mit einem Risiko verbunden. Microsoft hat beim Wechsel von der Xbox zur Xbox 360 einen sehr harten Schnitt gemacht. Seit Frühjahr sind unsere Umsätze mit der ersten Xbox-Generation komplett eingebrochen. Wir haben uns aus diesem Marktsegment mit zwei Ausnahmen zurückgezogen und konzentrieren uns jetzt komplett auf die Xbox 360. Auf dieser Plattform sind wir bereits wieder Marktführer, sagte Zeitner.
Text: F.A.Z., 28.08.2006, Nr. 199 / Seite 15
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, F.A.Z.
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