Von Winand von Petersdorff
27. Januar 2007 Im Blog von Janus Friis gewinnt man eine Ahnung, dass Bescheidenheit nicht das Kernanliegen des Autors sein kann: I am a disruptive Entrepreneur, schreibt der Däne. Das heißt grob übersetzt: Meine Erfindungen zerstören Industrien.
Zwei Internetfirmen wurden bisher mit Friis und seinem schwedischen Mitstreiter Niklas Zennström in Verbindung gebracht: Kazaa, eine Plattform zum Musikherunterladen, und Skype, der weltweit größte Anbieter von Internettelefonie. Während die Musikdownload-Anbieter die Plattenindustrie an den Rand des Ruins bringen, stürzen Skype und Co. die klassischen Telefongesellschaften in tiefe Verlegenheit.
Reich und voller Selbstvertrauen
Die beiden Skandinavier sind voller Selbstvertrauen und reich zudem, seitdem sie Skype für 4,1 Milliarden Dollar an den Internetdienst Ebay verkauft haben.
Jetzt schickt sich das Duo an, den Fernsehsendeanstalten Angst einzujagen. Es bringt eine Fernsehplattform unter dem Namen Joost ins Internet, zunächst noch als Testversion. Joost verbindet das Beste aus den zwei Welten Fernsehen und Internet, sagen alle Spitzenkräfte des Unternehmens unisono, als hätten sie sich abgesprochen, was sie natürlich haben.
Hassliebe zum Fernsehen
Die Leute lieben das Fernsehen, aber sie hassen es auch. Sie lieben die manchmal erstaunlichen Geschichten, die reiche Auswahl und die Qualität. Aber sie hassen die Gleichförmigkeit, den Mangel an Auswahl und den Mangel solcher Basisangebote wie Suchfunktionen, sagt Friis. Diese Mängel können im Internet behoben werden. Fernsehen, das ist 507 Kanäle und mehr nicht. Wir werden helfen, das zu ändern.
Allerdings ist auch das Internet nicht ohne Fehler. Es bietet den Vorzug, dass der Benutzer oft unentgeltlich eine Vielzahl von Informationen und Unterhaltungsangebote herauspicken kann, wann immer er will. Leider sind die Angebote manchmal von zweifelhafter Qualität. Die Filme, die schon jetzt Videoplattformen wie Youtube anbieten, sind unscharf und schummerig. Und manchmal dauert es enervierend lange, bis man Inhalte heruntergeladen hat.
Der Anspruch ist hoch
Joost will Fernsehsendungen von bestechender Schärfe über seine Internetplattform anbieten. Besucher können sie sehen, wann immer sie wollen, müssen dafür nichts bezahlen und können sich dann noch mit Filmfreunden über die Streifen unterhalten. Joost soll durch Werbeschaltungen auf seiner Website auf seine Kosten kommen.
Der Anspruch ist hoch: Das skandinavische Duo Friis und Zennström muss eine besonders wichtige Aufgabe lösen: Es muss sein Sortiment mit attraktiven Shows, Filmen, Serien und Magazinen füllen, damit die Besucher eine gute Auswahl haben.
Der klassische Fernsehsender hätte ausgedient
Woher soll das Material kommen, fragen schon erste Skeptiker. Wir werden keine privaten Videos von Usern online stellen, solange die Qualität nicht ausreicht und Urheberrechte nicht geklärt sind, unterstreicht Fredrik de Wahl, Leiter des Projekts. Das unterscheidet die Video-Plattform gravierend von der Musiktauschbörse Kazaa, die lange Prozesse wegen der Verletzung von Urheberrechten führte. Die immer noch nicht ausgestandenen Auseinandersetzungen halten den Gründer Zennström davon ab, in die Vereinigten Staaten zu reisen.
Joost wird private Filmproduzenten, Produktionsgesellschaften und Fernsehkanäle abgrasen, meint Manager Henrik Werdelin. Seit einigen Monaten verhandeln Joost-Manager mit Rechte-Inhabern und locken mit einem besonderen Versprechen: Filmproduzenten bekommen über uns direkt Kontakt zu den Konsumenten. Das dürften viele reizvoll finden. Keine TV-Redakteur stände dazwischen, der den Stoff ablehnte. Damit allerdings hätte der klassische Fernsehsender ebenso ausgedient wie der Programmdirektor.
Finanzierung über Werbung
Die Auswahl an Filmrechten ist offenbar noch recht übersichtlich. Die Tester der sogenannten Beta-Version, der letzten Version vor der Ausgabe 1.0, erzählen von Tierfilmern und bewegten Bildern einer amerikanischen Rennautoserie.
Offen lässt Joost aber noch, wie die Fernsehproduzenten, die ihr Material auf die Plattform setzen, honoriert werden. In irgendeiner Weise will Joost die Programme mit Werbung finanzieren. Anhand der Sehgewohnheiten kann Joost Gruppen identifizieren - zum Beispiel eine, die eine Vorliebe für Bastelarbeiten hegt und deshalb eine ideale Zielgruppe für Klebstoffhersteller ist. Wenn die Firma diese Information mit der werbetreibenden Industrie teilt, kann diese Spots schalten, die wenig Streuverluste haben: Keine Spielzeugwerbung für Senioren lautet das Prinzip, das zurzeit Google schon erfolgreich praktiziert.
Umschalten kann man auch
Joost zeigt Berichten von freiwilligen Testern zufolge Videos im Vollbild in guter Fernsehqualität, man kann auch umschalten. Wir ahmen die komplette Fernseherfahrung nach, protzt Frederic de Wahl bei einer Präsentation des Dienstes.
Technische Herausforderungen gibt es auch noch: Ohne Breitbandanschluss geht es nicht. Auf den wichtigen Märkten hat ein Drittel der Nutzer die PCs am Breitbandkabel. Joost arbeitet, wie schon Skype und Kazaa, dezentral: einen zentralen Webserver, von dem die Videoinhalte heruntergeladen werden könnten, gibt es nicht. Die Daten werden unter gleichberechtigten Usern ausgetauscht, die gleichzeitig als Sender und als Empfänger fungieren (Peer-to-Peer).
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 39
Bildmaterial: AP
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